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Agnieszka Sudol (43) muss mit ihren Kindern aus der Wohnung.

Mann weg, Wohnung weg

Der tz-Mietertag: Eine fatale Scheidung

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München - Agnieszka Sudol (43) gibt sich große Mühe, ihre Verzweiflung vor ihren Kindern zu verbergen. Doch die enorme Anstrenung steht der Altenpflegerin ins Gesicht geschrieben – und die Kraft schwindet nach Jahren der Sorge mehr und mehr.

Seit der Scheidung von ihrem Mann im September 2014 musste sie nicht nur um jeden Cent kämpfen, sondern auch um ihre Wohnung am Jagdfeldring in Haar. Doch diesen Kampf hat sie jetzt verloren.

Der Vater ihrer zwei Kinder – einer fünfjährigen Tochter und einem 20-jährigen Sohn – hat nach der Scheidung ohne Agnieszkas Wissen die ehemals gemeinsame Wohnung (77 Quadratmeter, 950 Euro ­inklusive Nebenkosten) gekündigt. Dies konnte er, weil die damalige Anwältin von Agnieszka Sudol während des Scheidungsverfahrens keinen Antrag auf Zuweisung der ehelichen Wohnung gestellt hatte.

Die Folge: Der Ex-Mann nutzte die paar Tage, bevor die Anwältin den Antrag stellte, und kündigte – was er konnte, da er alleine im Mietvertrag stand.

Vor eineinhalb Jahren war Agnieszka Sudol noch zuversichtlich, dass sie eine neue Bleibe finden würde. Sie unterschrieb einen Vergleich mit der Vermieterin, der ihr sieben Monate Zeit ließ, eine neue Wohnung zu finden. Dies war ein schwerer Fehler, denn mit der Unterschrift hatte sie quasi keine Chance mehr, die Kündigung im Nachhinein doch noch gerichtlich zu kippen. Das Amtsgericht München verurteilte sie vor sechs Wochen zur Räumung, mit einer Frist bis 30. Juni. Danach steht Agnieszka Sudol mit ihren zwei Kindern auf der Straße. Eine neue Wohnung hat sie nicht finden können.

„Alleinerziehende mit geringem Einkommen haben in München und Umgebung sehr schlechte Karten, weil es günstige Wohnungen auf dem freien Markt kaum gibt“, bedauert Mietervereinssprecherin Anja Franz. Agnieszka Sudol arbeitet wegen ihrer kleinen Tochter derzeit nur halbtags. Da sie in Haar (Landkreis) wohnt, kann sie in München keine Sozialwohnung beantragen – auf eine solche müssen die meisten außerdem lange warten.

Unter der Brücke schlafen muss Familie Sudol immerhin nicht, denn davor schützt sie das Gesetz. Droht Wohnungslosigkeit, ist die Gemeinde oder Stadt, in der der Betreffende lebt, verpflichtet, für eine zumindest vorübergehende und notdürftige Unterbringung zu sorgen. Agnieszka Sudol ist seit knapp einem Jahr in Kontakt mit der Gemeinde Haar wegen einer Sozialwohnung. Momentan ist aber keine frei.

Deshalb wird die Gemeinde sie wahrscheinlich zunächst in einem Zimmer in einer Pension oder einem Hotel unterbringen müssen, denn ein offizielles Obdachlosenasyl gibt es im Ort nicht. Rechtlich könnte die Gemeinde sogar die betreffende Wohnung beschlagnahmen und die von Wohnungslosigkeit bedrohten Ex-Mieter dort vorübergehend einweisen. Damit wird kein neuer Mietvertrag geschlossen, sondern ein öffentlich-rechtliches Rechtsverhältnis zwischen dem Räumungspflichtigen und der Behörde begründet. „Die Betroffenen haben deshalb auch keinerlei Rechte gegen die Behörde oder den Vermieter, die ihnen sonst als Mieter per Gesetz oder durch den Mietvertrag zustehen würden“, sagt die Mietervereinssprecherin.

Die tz hatte schon im August vergangenen Jahres über den Fall berichtet. Damals hatte Agnieszka Sudol trotz allem noch die Hoffnung, der Mietvertrag ließe sich retten. Vergebens. Bleibt nur die Hoffnung in der Verzweiflung: „Ich muss doch irgendwann auch mal wieder Glück haben und eine neue Bleibe für mich und meine Kinder finden!“ 

Diese Spende geht zu Herzen

Auf dem Foto rechts sehen Sie strahlende Gesichter: Professor Tobias Feuchtinger, Leiter der Krebsstation der Haunerschen Kinderklinik, nimmt einen Scheck über 350 Euro von tz-Reporterin Susanne Sasse entgegen.

Diese 350 Euro erzählen eine Geschichte voller Menschlichkeit, Großzügigkeit und Mitgefühl. Werte, die in unserer Zeit von vielen schmerzlich vermisst werden. Wir erzählen die Geschichte einer Spende von Herzen:

Das Geld stammt von Lotte Wagner (76) aus Starnberg, über deren Schicksal wir in der tz schon einmal berichtet hatten. Sie kann sich trotz ordentlicher Rente das Leben in München nicht mehr leisten und jobbt nebenbei.

Schöne Spende: Prof. Feuchtinger (Haunersche), tz-Reporterin Sasse.

Unser stiller Engel, der immer wieder in der tz über Menschen in Not liest und anonym Geld in die Redaktion zur Weiterleitung sendet, hat Lotte Wagners Leben gerührt. Und 350 Euro in unser Pressehaus geschickt. Doch damit nicht genug: Die Rentnerin hat die großzügige Spende nicht für sich behalten, obwohl sie das Geld gut brauchen könnte – sondern spendete es weiter. Für die noch Ärmeren. Für krebskranke Kinder. „Ich möchte die Spende nutzen, um auf das Schicksal kranker Kinder aufmerksam zu machen“, erklärt die rüstige Seniorin ihren Schritt.

Dem unbekannten Spender ist Lotte Wagner zutiefst dankbar: „Großartig, dass es so mitfühlende Menschen gibt. Mein Schicksal ist kein Einzelfall, und Altersarmut wird zunehmen.“

Nun hat die tz die Spende an die Abteilung Hämatologie/Onkologie der Haunerschen Kinderklinik übergeben. „Die Krankenkassen übernehmen vieles nicht, und so ist die Klinik auf Spenden angewiesen“, weiß die tz-Leserin. Klinikleiter Feuchtinger freut sich: „Mit den Spendengeldern statten wir die Station kindgerecht aus, bezahlen zusätzliche Ärzte, Personal, eine Erzieherin, ermöglichen Kunsttherapien und vieles mehr.“

Der Professor ist glücklich, dass Krebs bei 75 Prozent aller erkrankten Patienten dauerhaft geheilt werden kann. „Das verdanken wir der Forschung, die wir auch über Spenden mitfinanzieren.“ Das Geld kommt zu 100 Prozent an.

Wollen Sie es Lotte Wagner gleichtun? IBAN: DE38 7005 0000 0002 0200 40, BIC: BYLADEMM, Verwendungszweck: 80241054, krebskranke Kinder.

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