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Maria Z. fliegt nach 47 Jahren aus ihrer Wohnung, weil Sie Streit mit ihren Nachbarn hat.

Die große tz-Serie über Fachanwälte

Irrer Nachbarschaftsstreit: Frau fliegt nach 47 Jahren aus ihrer Wohnung

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Große tz-Serie über Fachanwälte: Eine 74-jährige Frau aus Unterhaching soll nach 47 Jahren aus ihrer Mietswohnung fliegen - wegen eines Streits mit den Nachbarn. Jetzt geht die Frau gerichtlich gegen die Kündigung vor.

Unterhaching - Es war ihr Zuhause – doch jetzt droht sie es zu verlieren. 47 Jahre lang lebte Maria Z. (74, Name geändert) in der Münchner Straße in Unterhaching. Der Vermieter hat ihr aber gekündigt – weil es schon länger Streit mit den Nachbarn gibt. „Was ich hier mitmachen muss, ist unfassbar“, sagt Maria Z. 1968 war sie in den zweiten Stock des Mehrfamilienhauses eingezogen. „Im Herbst 2008 fingen die Probleme an“, sagt sie. Mit einem Paar aus dem ersten Stock geriet sie heftig aneinander. Es soll zu Schlägen, Sachbeschädigung und Drohungen gekommen sein. „Die wollen mich fertigmachen“, sagt Z. Mehrfach habe Nachbar Hans P. (Name geändert) sie verprügelt und mit Lärm belästigt.

Rasenmähergeräusche per Lautsprecher

Der Terror gehe so weit, dass die Nachbarn sogar Rasenmähergeräusche per Lautsprecher abgespielt hätten. „Nachts hämmern sie mit Werkzeug gegen mein Geländer. Ich schlafe seit Jahren schlecht und führe ein Leben in Angst“, sagt Maria Z. Ihr Sohn Leo (47), der seine Kindheit in der Dreizimmerwohnung verbracht hat, sagt: „Diese Nachbarn wollen meine Mutter unter die Erde bringen. Sie betreiben das als Hobby.“ Mehrfach hat die Seniorin Anzeige bei der Polizei erstattet. „Aber die Beamten sagten, sie können nichts machen.“ Denn die Nachbarn streiten den Terror ab – auch gegenüber der tz.

„Einer Mediation haben sie nicht zugestimmt“, sagt Maria Z. Als sie sich wieder einmal beim Vermieter beschwert, platzt ihr der Kragen und sie wird laut. Folge: Er kündigte ihr im März 2014. Dagegen wehrt sie sich bis heute vor Gericht. Anwältin Sigrid Reinthaler: „Es handelt sich um eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Meine Mandantin verliert nur durch einen einmaligen Ausrutscher ihre Wohnung. Das Ganze wurde verursacht durch jahrelange Provokationen und Belästigungen der Nachbarn.“

Maria Z. wehrt sich

Maria Z. (Mitte) mit ihrem Sohn (l.) und Anwältin Sigrid Reinthaler.

Sohn Leo sagt: „Es war eine Kurzschlusshandlung. Meine Mutter war so belastet, dass sie sich dazu hat hinreißen lassen.“ Für Maria Z. ist die Lage ernst: Gegen sie liegt ein Räumungsurteil vor. Dieses ist aktuell ausgesetzt, weil noch Prozesse laufen. So wie vergangenen Dienstag: Vor dem Landgericht verklagt die Seniorin ihre Nachbarn auf Unterlassung. Aber das ist schwierig: Laut Richter lassen sich Belästigungen durch Gerüche oder Lärm nur schwer nachweisen. In erster Instanz hat Maria Z. verloren. „Dieser Streit hat mich krank gemacht“, sagt sie. „Ich habe Probleme mit dem Herz und den Nerven.“ Nun zweifeln die Nachbarn auch noch ihre Prozessfähigkeit an – wird diese verneint, muss Maria Z. direkt ausziehen, weil ihr Vollstreckungschutz verfällt. „Das ist besonders perfide“, sagt die Anwältin. Aber die Richter wollen es prüfen lassen.

Vermieter äußert sich

Heute steht der nächste Prozess an: Maria Z. klagt gegen den Vermieter und will die Räumung anfechten. Auf tz-Anfrage bestätigt er, dass die Seniorin sich öfter bei ihm beschwert hat. Und sagt auch: „Ich habe selbst im Erdgeschoss des Hauses gewohnt und keine Störungen mitbekommen.“ Die Familie aus dem ersten Stock kennt er seit 40 Jahren. „Sie sind meine ältesten Mieter.“ Dass sich Maria Z. ständig belästigt fühlt, störe den Hausfrieden. Zur Kündigung sei es aber aus einem anderen Grund gekommen: „Sie hat mich massiv beleidigt.“ Maria Z. muss nun die Urteile abwarten. Sie hofft auf ein gutes Ende.

Die wichtigsten Tipps für Sie

Mal guter Freund, mal ärgster Feind: So läuft es unter Nachbarn. Wer sich gut versteht, hat ein ruhiges Leben. Gibt es Streit, dauert der meist jahrelang – oft müssen am Ende die Richter entscheiden, was man nun darf und was nicht. Was unter Nachbarn erlaubt ist: Damit kennen sich die Rechtsanwälte Gabriela Klinger-Linhardt und Markus Groll aus. Im vierten Teil der tz-Serie geben sie Tipps, wie man Streit vermeidet oder rechtlich austrägt.Schon wieder dieser Nachbar. Was will der denn? Soll er sich mal schleichen. Sprüche wie diese kennt Gabriele Klinger-Lindhardt. Aber auch das Ende: „Ich hatte einen Fall, da ging ein Nachbar auf den anderen mit der Gartenschere los und schlug ihn ins Gesicht.“ Ein Streit bis aufs Blut! „Das war dann nicht mehr lustig.“ Aber Fall zeigt: Gerade unter Nachbarn kochen die Emotionen hoch. Gut zu wissen also, was erlaubt ist – und was nicht.

Partys

„Lärm ist der häufigste Streitgrund zwischen Nachbarn, aber es ist äußerst schwierig, hier einen Rechtsstreit zu führen“, sagt Klinger-Linhardt. Ihr Tipp: Ein genaues Protokoll führen, wann man beeinträchtig wird. Denn Gerichte entscheiden präzise, ob sich ein Geräusch dumpf, hohl oder schrill anhört. Tonaufnahmen können helfen – noch besser sind aber Zeugen.

Privatsphäre

Liegen am Grundstück nebenan Nackerte im Garten, darf sich der Nachbar dadurch gestört fühlen – und sogar die Polizei rufen. „Gerade wenn Kinder das sehen, ist es generell nicht zumutbar“, sagt Klinger-Linhardt. Denn: Der Gegenüber könnte sich in ein stilles Eck legen – statt mitten in den Garten. Das kann als Belästigung ausgelegt werden, auch wenn das Sonnenbaden ohne Kleidung auf dem eigenen Grundstück stattfindet. „Hier muss man Rücksicht nehmen.“ Das gilt auch für Sex im eigenen Garten. Den Nachbarn verletzt man damit unter Umständen in seiner Privatsphäre.

Grundstück

Streit gibt es hier oft um die Grenze. Wie hoch darf eigentlich die Holzwand zum Nachbarn sein? „Ich betreue einen Fall, der sich seit fünf Jahren um diese Frage dreht“, sagt Klinger-Lindhardt. Das Gericht entschied: Zwei Meter sind zu hoch – aber 1,80 Meter noch zulässig. Der Besitzer kürzte die Wand, baute den Zusatz später aber wieder drauf. Erneut kam es zum Prozess: „Der Mann erhielt ein Ordnungsgeld.“ Zunächst 500 Euro, später sogar 5000 Euro. Denn er weigerte sich strikt, die Holzwand zu kürzen – die Strafe aber zahlte er. „Als Nachbar hat man in diesen Fällen Anspruch auf einen Rückbau“, sagt auch Groll. Als Klassiker nennt er auch Überbauten wegen Energiesparmaßnahmen – zum Beispiel Wärmedämmung, die an der Grundstücksgrenze installiert werden. „Es gibt mittlerweile gesetzliche Regelungen, die die Bauten als zulässig ansehen. Teilweise muss man den Nachbarn dann aber für den Grundstücksverlust entschädigen.“ Auch wenn es nur um ­wenige Zentimeter Überhang geht.

Bäume

Auch wegen Bäumen gibt es oft Streit. „In einem Fall war ein drei Zentner schwerer Ast auf das Gartenhäuschen des Nachbarn gefallen“, sagt Klinger-Linhardt. Wichtig hier: Den Vorfall mit Fotos dokumentieren, Datum und Uhrzeit notieren. Und Zeugen suchen. „Ich hatte einen Fall, da hat der Mieter den Vermieter ­verklagt, weil dieser einen Baum auf dem Grundstück des Mieters ­entfernt hatte“, sagt Groll. Am Ende verlor der Mieter sogar ­seine Wohnung. Vorsicht auch, wer pflanzen will: In Bayern ­müssen gewisse Abstandsflächen eingehalten werden. Beachten sollte man hier auch den späteren ­Laubüberfall. Man darf überhängende Äste im Zweifel beseitigen lassen und das dem Nachbarn in Rechnung stellen – allerdings nicht während der Wachstumszeit. „Überhang muss der ­Nachbar nicht dulden“, sagt Groll.

Kameras

Eine nicht fest installierte ­Kamera, die auf das Grundstück des Nachbarn zeigt, verletzt dessen Persönlichkeitsrechte und muss entfernt werden – so wie jede Atrappe, die den Eindruck erweckt, dass sie rüberfilmt. Wer sich gestört fühlt, kann auf Unterlassung klagen. Auch für Drohnen gibt es besondere Bestimmungen.

Abwasser

„Ein Fall drehte sich um einen Abwasserkanal, der über ein gemeinsames Grundstück führt, das einem Nachbarn gehört. Das Problem war, dass der Kanal saniert werden muss und der Nachbar sich nicht an den Kosten beteiligen wollte, obwohl er den Kanal flächenmäßig sogar mehr genutzt hatte. Sie stritten um die Kosten in Höhe von 25.000 Euro.“ Tipp: vor einem Hauskauf ganz genau das Objekt sowie die Versorgungs- und Leitungsrechte prüfen – oder prüfen lassen. Wäre das so gewesen, gäbe es heute eine genaue Nutungsregelung – und keinen Prozess.

Grillen

Im Sommer ein Traum – nicht immer aber für den Nachbarn. Er kann nur dagegen vorgehen, wenn er zur Miete wohnt. „Der Vermieter regelt die Grenzen in der Hausordnung“, sagt Groll. Zum Beispiel, dass man nur zu bestimmten Zeiten grillt, einen Elektrogrill nutzen darf und keine Holzkohle. Hält sich der Nachbar nicht daran, kann man ihn auf Unterlassung verklagen.

Andreas Thieme

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