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In der ZDF-Sendung "Frontal 21" berichteten Rentner von ihrer Wohnsituation - auf einem Campingplatz.

Wohnungen zu teuer

Ohne fließend Wasser, ohne Klo: Schickt Jobcenter arme Rentner auf den Campingplatz?

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Wer als Rentner in der Stadt Westerburg nur wenig Geld zur Verfügung hat, wird vom Jobcenter scheinbar auf den Campingplatz geschickt. Die Bedingungen dort sind schlimm.

Der 84-jährige Rentner Johann Schulz lebt schon seit 20 Jahren auf Campingplatz "Zum Katzenstein" im Westerwald. Aber nicht, weil es ihm dort so gut gefällt - ihm bleibt kaum eine andere Wahl.

Schickt Jobcenter Rentner auf Campingplatz, weil Wohnungen zu teuer sind?

Sein Leid klagte der Rentner in der ZDF-Sendung "Frontal 21" vom 19. März 2019. Schulz arbeitete als Schlosser und lebt nun mit einer Rente plus Grundsicherungszuschuss, die insgesamt 632 Euro monatlich ergibt. Damit kann er sich keine Wohnung in der drei Kilometer entfernten Stadt Westerburg leisten. Die ARGE, das Jobcenter vor Ort, soll Rentnern in seiner Situation deshalb laut "Frontal 21" empfehlen, den Campingplatz "Zum Katzenstein" aufzusuchen. 250 Euro Miete zahlt Schulz dort, Stromkosten kommen noch obendrauf. 30 Dauermieter tun es ihm gleich. Ein Drittel von ihnen bezieht Hartz IV oder Grundsicherung. "Wir haben eine Menge Leute auf dem Platz, die alle auf Wohnungssuche sind, die alle keine Wohnung haben", erklärt Schulz.

Auch Campingplatzbetreiber Michael Graf scheint mit der Situation nicht zufrieden: "Die schicken Leute hierher, weil in der Stadt gibt’s nichts", erklärt er. Das Jobcenter bezahle die Miete und einen Teil der Umlagen - und sieht damit seine Arbeit als erledigt an. "Ich bin quasi der Letzte, der dann hier die Leute an der Backe hat, um zu gucken, die Leute wieder auf den richtigen Weg zu bringen oder sie loszuwerden."

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Unter diesen Bedingungen müssen Rentner auf dem Campingplatz leben

Für viele der dort lebenden Rentner gibt es allerdings keine andere Alternative. Deshalb müssen sie "menschenunwürdige" Bedingungen auf sich nehmen, wie Jessica Hill vom Verein "Menschenwürdige Grundsicherung" kritisiert. In den Wohnwagen gibt es nämlich kein fließendes Wasser und auch keine Klos.

Zwar gäbe es auf dem Campingplatz Toiletten, doch in einer kalten Nacht, würde der Weg dorthin für Schulz zu lange dauern: Schließlich sieht er nur noch schlecht und kann nicht mehr gut gehen. Deshalb holt er sich jeden Abend einen Eimer Wasser in den Wohnwagen. Für Jessica Hill ist das ein Unding: "Menschen dort abzustellen und zu vergessen – und dann auch noch so weit weg von der Infrastruktur – das darf es einfach nicht geben in unserem reichen Land."

Rentner auf Campingplatz: Niemand will sich kümmern

Laut "Frontal 21" fühlten sich Bürgermeister und Verbandsgemeinde jedoch nicht zuständig für die campenden Rentner. Die Kreisverwaltung erklärte zu dem Thema lediglich, dass es nun mal Menschen gäbe, "die sich selbstbestimmt gerade für eine solche Wohn- und Lebensform im Einklang mit der Natur bewusst entscheiden und eine dauerhafte feste Behausung ablehnen."

Den Bewohnern des Campingplatzes bleibt also wohl vorerst nichts anderes übrig, als sich irgendwie gegenseitig zu unterstützen - bei Fahrten zum Arzt etwa oder beim Austausch von Gasflaschen: "Aber irgendwann ist bei so einer Lebenssituation mal Schicht im Schacht", ist sich ein Nachbar von Schulz sicher.

Jobcenter dementiert: 84-Jähriger nicht ihn seinem Zuständigkeitsbereich

Auf Anfrage der Westdeutsche Allgemeine Zeitung dementierte das Jobcenter, Arbeitslose den Campingplatz "Zum Katzenstein" als Wohnort zu empfehlen. Die Begründung: "Der im Bericht aufgegriffene Fall des 84-Jährigen fällt nicht in die Zuständigkeit des Jobcenters. Wir können hier daher keine Auskunft erteilen." Des Weiteren heißt es: "Um Missverständnisse zu vermeiden, möchten wir noch ergänzend anmerken, dass die Jobcenter generell nur für erwerbsfähige Menschen bis zur Erreichung des Rentenalters zuständig sind."

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