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Außerhalb der Praxis-Öffnungzeiten können sich Patienten an den ärztlichen Bereitschaftsdienst wenden. Hinter den Kulissen ändert sich in der Region im Herbst einiges. Das ruft Kritiker auf den Plan. 

Zum 30. Oktober 

Das ändert sich beim Bereitschaftsdienst

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) organisiert den ärztlichen Bereitschaftsdienst neu. In den Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach greift die Regelung zum 30. Oktober. Der Tölzer Kurier erklärt, was sich ändert.

Bad Tölz-Wolfratshausen– Im nördlichen Landkreis schlägt die Reform hohe Wellen – und auch im südlichen ist sie mit einigen Befürchtungen verbunden. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Neuordnung des ärztlichen Bereitschafsdienstes.

 

Der Bereitschaftsdienst hilft abends, nachts und am Wochenende bei nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen weiter, mit denen man zu den normalen Sprechzeiten zum Hausarzt gehen würde, deren Behandlung aber nicht warten kann, bis die Praxen wieder aufmachen. Der Patient kann dann die Telefonnummer 116 117 wählen. In der Regel erfährt er dort den Standort der nächsten Bereitschaftspraxis. Ist er nicht „gehfähig“, „zum Beispiel wegen Rückenschmerzen oder einer Durchfallerkrankung“, wie KVB-Sprecherin Birgit Grain sagt, wird ein Hausbesuch vermittelt.

 

Aktuell gibt es Dienstbezirke, in denen die Ärzte unter sich den Bereitschaftsdienst organisieren. In Bad Tölz gründete sich vor elf Jahren der Verein „Tölzer Hausärzte“, der am Standort der Notaufnahme der Asklepios-Stadtklinik auf freiwilliger Basis eine Bereitschaftspraxis eröffnete. 20 Hausärzte aus Bad Tölz, dem Isarwinkel und dem Loisachtal machen mit. Die Praxis ist samstags, sonntags und feiertags von 9 bis 12 Uhr und von 16 bis 19 Uhr geöffnet.

Neben diesen „Sitzdiensten“ gibt es – auch außerhalb dieser Öffnungszeiten – „Fahrdienste“ für Hausbesuche. Im Bereich Wolfratshausen/Geretsried gibt es keine zentrale Bereitschaftspraxis, die Ärzte dort wechseln sich mit den Bereitschafsdiensten nachts und am Wochenende ab.

Warum kommt jetzt eine Änderung?

 „Dahinter steht das Problem der Überalterung der Ärzteschaft“, erläutert Dr. Matthias Bohnenberger, Vorsitzender der „Tölzer Hausärzte“. „Viele Kollegen sind über 62 – und ab diesem Alter kann kein Arzt mehr verpflichtet werden, einen Fahrdienst zu übernehmen.“ Es mangele also an Ärzten für den Bereitschaftsdienst. Daher sei der Grundgedanke der Reform „nicht unvernünftig“, bayernweit gesehen sei sie sicher von Vorteil. Im Raum Bad Tölz habe es eigentlich „keinen Handlungsdruck“ gegeben, da das bestehende System gut funktioniere. „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.“

Was ändert sich in Sachen Bereitschaftspraxen?

Laut Bohnenberger gab es im Raum Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach bislang acht Dienstbezirke, in denen je ein Arzt Bereitschaftsdienst hatte. Diese werden jetzt zu einem einzigen zusammengelegt. Der verfügt über zwei Standorte, die die einzigen Anlaufstellen für „gehfähige“ Patienten sein werden: die beiden bestehenden Bereitschaftspraxen in Agatharied und in Bad Tölz. Die Trägerschaft der Tölzer Praxis geht dann vom Verein „Tölzer Hausärzte“ auf die KVB über. Die Öffnungszeiten werden voraussichtlich erweitert, Details stehen noch nicht fest. In Bad Tölz greift die KVB also auf bestehende Strukturen zurück. Im Raum Wolfratshausen/Geretsried gibt es die so nicht. Die KVB plant auch nicht, dort einen Bereitschaftsstandort einzurichten. Die gehfähigen Patienten werden wohl in der Regel nach Tölz verwiesen – oder an einen anderen Standort außerhalb des Landkreises, wie Starnberg, Pullach oder Solln.

 

Nicht mehr der Arzt selbst setzt sich an Steuer, um zu einem Hausbesuch zu fahren, sondern er wird in einem KVB-Auto von einem Fahrer dorthin gebracht. „Es kam gerade bei nächtlichen Hausbesuchen schon häufiger zu tätlichen Übergriffen“, erklärt Grain. „Da ist es gut, wenn noch jemand dabei ist.“ Laut Bohnenberger „begrüßen insbesondere die Ärztinnen das sehr“. Ein zusätzlicher Vorteil sei, dass die Fahrer ausgebildete Sanitäter seien. „Der kann dann auch einmal zupacken und helfen, zum Beispiel eine Infusion legen“, so Bohnenberger.

Was sind die Kritikpunkte?

Die Ickinger Bürgermeisterin Margit Menrad und ihr Wolfratshauser Kollege Klaus Heilinglechner protestieren dagegen, dass es im nördlichen Landkreis keinen Standort mehr für den Bereitschaftsdienst geben soll. In beiden Kommunen werden Unterschriften gegen die Reform gesammelt – über 1000 sollen es schon sein. Skeptische Stimmen wurden auch unter den Hausärzten im Landkreis Miesbach laut. Sie warnen davor, dass zu bestimmten Zeiten ein einziger Arzt den Fahrdienst für die zwei Landkreise übernehmen müsse. Das bedeute längere Wartezeiten für die Patienten. Es wird befürchtet, dass sich die Hilfesuchenden deswegen verstärkt an die ohnehin überlasteten Notaufnahmen der Krankenhäuser wenden, ohne dass es sich um echte Notfälle handelt.

Dazu sagt KVB-Sprecherin Grain: „In Zeiten, in denen erfahrungsgemäß viele Hausbesuche anfallen, etwa am Wochenende vormittags, werden drei bis vier Fahrzeuge im Einsatz sein.“ Nachts dagegen werde im Schnitt nur alle zwei Stunden ein Hausbesuch angefordert. „Sehr selten“ stünden dann nachts nur ein Arzt und ein Fahrzeug zur Verfügung. Bei Bedarf könne man aber zusätzlich auf Fahrzeuge aus Nachbarregionen zurückgreifen, etwa dem Raum Rosenheim. In der Pilotregion Weilheim-Schongau/Garmisch-Partenkirchen sei das geplante Modell schon erprobt. „Dort wurde es als sehr positiv empfunden.“ Weil die Bereitschaftspraxen länger geöffnet seien, würden die Notaufnahmen sogar entlastet.

 

Christopher Horn, Sprecher er Asklepios-Stadtklinik, äußert sich auf Anfrage abwartend. „Grundsätzlich begrüßen wir die Bestrebungen der KVB, wonach bayernweit flächendeckend Bereitschaftspraxen aufgebaut werden sollen“, erklärt er. „Um das Modell abschließend bewerten zu können, müssen wir jedoch die Details abwarten. Das Modell sollte allerdings so ausgestaltet sein, dass es auch tatsächlich zu einer Entlastung der Notaufnahmen der Krankenhäuser führt.“

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