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Erfolgreich als Anti-Gewalt-Trainer: Ali Cukur (54) engagiert sich in Bad Tölz unter anderem im Projekt „Durchboxen“ an der Lettenholzschule. Mehrere überregionale Medien interviewten ihn dieser Tage zum Fall Tugce.

Anti-Gewalt-Trainer Ali Cukur

Beim Boxen lernen, nicht zuzuschlagen

Bad Tölz - Der Boxtrainer Ali Cukur engagiert sich in Bad Tölz und Umgebung auf vielfältige Weise, damit Jugendliche nicht gewalttätig werden.

Ali Cukur ist dieser Tage ein gefragter Interview-Partner. Nach dem Tod der Studentin Tugce in Offenbach wollten die „Berliner Morgenpost“ ebenso wie die „Welt“ von dem 54-Jährigen wissen: Woran liegt es, wenn Jugendliche gewalttätig werden? Wie lässt sich vorbeugen? Denn Cukur hat sich als Anti-Gewalt-Trainer einen Namen gemacht. Zitiert wird er stets als Box-Trainer des TSV 1860 München. Tatsächlich verbringt er mittlerweile aber auch viel Zeit in Bad Tölz und Umgebung, wo er sich auf vielfältige Art engagiert.

Bergtouren "unter mittelalterlichen Bedingungen"

Im Mittelpunkt steht dabei das Projekt „Durchboxen“. Jeden Dienstag lädt Cukur in Zusammenarbeit mit dem Verein „Die Brücke“ zum kostenlosen Boxtraining in die Turnhalle der Lettenholzschule. Um 15 Uhr sind Kinder an der Reihe, um 19 Uhr Jugendliche. Freitags boxt Cukur zudem gemeinsam mit Schülern am Sonderpädagogischen Förderzentrum in Bad Tölz. An der Mittelschule in Gaißach ist er als Inklusionshelfer im Einsatz. Er begleitet einen Schüler mit besonderem Förderbedarf durch den Schulalltag.

Nicht zuletzt kümmert sich Cukur um straffällig gewordene Jugendliche aus dem Landkreis – in gerichtlich angeordneten Maßnahmen der besonderen Art: „Gerade erst war ich wieder mit sechs Jugendlichen auf der Kohlstattalm“, berichtet er. Drei Tage war die Gruppe in den Bergen unterwegs. „Wir leben da unter mittelalterlichen Bedingungen“, berichtet der Anti-Gewalt-Trainer. „Die Jugendlichen müssen ihr Essen hochschleppen, selbst kochen und heizen.“ Die Abgeschiedenheit – ohne Fernsehen, ohne Handyempfang – gebe ihnen Zeit zum Nachdenken und um voneinander zu lernen.

Vor allem aber sei die Tour ein Erfolgserlebnis für sie. „Beim Hochgehen fragen sie ständig, wie lange es noch dauert. Aber wenn sie es geschafft haben, sind sie stolz. Am Ende gibt es viele glückliche Gesichter.“

"Im Sportverein gibt es keinen Türsteher"

Selbstwertgefühl vermitteln: Das ist Cukurs Hauptansatz, um Gewalt zu verhindern. Denn Jugendliche, die zuschlagen, fühlen sich nach Cukurs Überzeugung in Wirklichkeit schwach. „Viele haben gar kein Selbstbewusstsein. Sie versuchen, sich in eine Gruppe zu integrieren, schaffen es aber nicht. Am Ende haben sie das Gefühl, sie müssten sich anders beweisen.“ Beim Boxtraining begegnet Cukur seinen Schützlingen mit „Mitgefühl und Wertschätzung“, wie er sagt. Er will ihnen klar machen: „Gewalttätig zu werden, das hast du gar nicht nötig.“

Statt des zweifelhaften Applauses bestimmter Kreise bietet Cukur Erfolgserlebnisse anderer Art. Das Größte für echte Boxtalente wäre da die Teilnahme an einem echten Wettkampf – aber das geht nur mit Vereinszugehörigkeit. „Deswegen habe ich die Idee, Tölz zu einer Filiale des TSV 1860 München zu machen.“

Eine weitere Erkenntnis Cukurs: „Jugendliche brauchen Zugehörigkeit.“ Auch dafür sei der Sport perfekt. „Es kann sein, dass sie in eine Disco oder in ein Lokal nicht hineingelassen werden. Aber im Sportverein oder im Fitnessstudio, da gibt es keinen Türsteher.“ In seinem Training kämen auch Jugendliche zusammen, die sonst nichts miteinander zu tun haben oder sich feindselig gegenüber stünden. „Das gibt sich, wenn sie beim Aufwärmen in der gleichen Mannschaft Basketball spielen.“

Auch aus Tölz sind Cukur schlimme Gewaltfälle bekannt

Im Isarwinkel findet Cukur bei alledem noch deutlich bessere Bedingungen vor als etwa in München. „Die Stadt Bad Tölz macht das sehr gut“, findet der Münchner. „Mit dem Jugendcafé und der Filiale im Lettenholz werden Treffpunkte angeboten.“ Auch von den Lehrern in Gaißach und am Tölzer Förderzentrum „bin ich begeistert“, sagt Cukur. Zudem seien auf dem Land die „familiären Werte“ noch stärker. „Eltern achten auf ihre Kinder, da ist es schwieriger, auf die schiefe Bahn zu geraten.“

Eine Insel der Seligen sei Tölz trotzdem nicht. „Auch hier gibt es Vorurteile und Ausgrenzung, und die führen zu Frustration.“ Ihm sind aus Tölz auch schwerwiegende Gewaltfälle bekannt. Ein Jugendlicher habe einem anderen mit einer Holzlatte auf den Schädel geschlagen, eine anderer mit dem Fuß gegen den Kopf eines am Boden Liegenden getreten, „als wäre es ein Fußball“.

Mit dem aktuellen Fall Tugce, zu dem er immer wieder interviewt wird, hat Cukur eigentlich nichts zu tun. „Aber er hat mich angerührt, denn ich habe selbst zwei Töchter, die sich auch ganz gern in solche Angelegenheiten einmischen.“ Tugce soll auf der Toilette eines Offenbacher McDonald’s-Restaurant zwei Mädchen verteidigt haben, die von einem jungen Mann belästigt wurden. Der soll der Studentin kurz darauf vor dem Restaurant aufgelauert und ihr einen Schlag versetzt haben, an dessen Folgen sie schließlich starb. Seinen eigenen Töchtern würde Cukur trotzdem raten, weiterhin Zivilcourage zu zeigen. „Sie sollten auf jeden Fall einschreiten“, sagt er. „Nur sollten sie dabei ruhig mit demjenigen sprechen, ihn nicht beleidigen und abwerten, sondern sagen: So was hast Du gar nicht nötig.“

Von Andreas Steppan

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