Die Ausgabe an den Tafeln ist in der Corona-Zeit mit einigen Schwierigkeiten verbunden, so auch in Kochel.
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Die Ausgabe an den Tafeln ist in der Corona-Zeit mit einigen Schwierigkeiten verbunden, so auch in Kochel.

Interview-Reihe „Wie geht‘s“

Armut kennt kein Alter: So erlebt Tafel-Loisachtal-Koordinator Thomas Schneider die Corona-Zeit

34 Helfer, die meisten von ihnen Frauen, engagieren sich derzeit bei der Tafel Loisachtal. Die Ausgabe erfolgt jeden Montag in der Heimatbühne in Kochel. Besonders jetzt ist das nicht einfach.

Kochel am See - Die Kunden der „Tafel Loisachtal“ kommen aus Kochel, Schlehdorf und Benediktbeuern. Organisator Thomas Schneider (68) aus Benediktbeuern und sein Team standen in der Corona-Zeit vor einigen Herausforderungen, um die Ausgabe der Lebensmittel zu meistern. Kurier-Mitarbeiterin Sabine Näher hat sich mit Schneider darüber unterhalten.

Mussten Sie Ihre Arbeit in der Pandemie einstellen oder konnten die Tafeln geöffnet bleiben, Herr Schneider?

Wir mussten aufgrund behördlicher Anordnung genau einmal geschlossen bleiben, ansonsten ist unsere Arbeit während der gesamten Corona-Zeit weiter gelaufen.

Aber die Abläufe haben sich in der Pandemie vermutlich schon geändert?

Am Ausgabetag sammeln unsere beiden Fahrer bei den Bäckereien und Lebensmittelläden, die uns unterstützen, in der Früh die gespendeten Lebensmittel ein. Gegen 10.30 Uhr treffen sich dann zirca acht Helfer, um die Spenden zu sortieren und herzurichten. Eine Stunde später beginnt die Ausgabe. Und da lief es vor Corona so, dass die zur Abholung Berechtigten sich eine Kiste an Lebensmitteln selbst zusammen stellen konnten. Um die Ansammlung vieler Personen im Wartebereich zu vermeiden, sind wir dann dazu übergegangen, von uns fertig bestückte Kisten draußen zu verteilen. Allerdings mussten wir feststellen, dass vieles im näheren Umkreis der Ausgabestelle einfach weg geworfen wurde, was den Geschmack der jeweiligen Abholer nicht getroffen hat… Deshalb regeln wir es aktuell so, dass draußen gewartet werden muss und der Einzelne sich dann drinnen seine Kiste wieder selbst zusammen stellen darf. Natürlich muss Abstand gehalten und Maske getragen werden; es gibt Desinfektionsspender und Luftfilter.

Thomas Schneider, Organisator der Tafel Loisachtal

Voraussetzung zur Abholung ist die SozialCard: Wie streng wird das gehandhabt?

Da sind wir schon angehalten, streng zu sein. Das würde sonst ausufern.

Wie setzen sich Ihre Kunden zusammen: eher jung oder alt, Singles oder Familien?

Da ist alles dabei! Wir haben einen Stamm von zirca 50 Abholern, etwa die Hälfte von ihnen sind Migranten.

Können Sie die oft zu hörende Feststellung bestätigen, dass die Nachfrage in den letzten Jahren stetig zugenommen habe, weil die Armut wächst?

Nein, einen kontinuierlichen Zuwachs konnte ich nicht feststellen. Eher ist es so, dass die Nachfrage jahreszeitlich und wetterbedingt schwankt. Und in den Ferien steht statt einem Abholer für alle gerne auch gleich die komplette Familie vor der Tür…

Ihre Spenden bekommen Sie von Bäckereien, Lebensmittelläden und ähnlichen Geschäften: Wie viele beteiligen sich da insgesamt?

Da sind so sieben, acht Geschäfte insgesamt. Und mehr könnten wir auch gar nicht einsammeln, weil die Kapazität unserer Autos nicht mehr hergibt. Und die Spenden reichen aktuell auch aus, um die Nachfrage zu decken.

Wird nach Ihrer Schätzung trotzdem vieles lieber weggeworfen als Ihnen angeboten?

Das kann ich wirklich nicht abschätzen. Auffällig ist allerdings, dass wir von manchen Unternehmen richtig große Mengen bekommen, von anderen ähnlicher Größe dagegen ganz wenig.

Dass generell noch genießbare Lebensmittel in großem Stil vernichtet werden, dürfte außer Frage stehen. Sollte man das gesetzlich unterbinden?

Es zu verhindern, wäre natürlich schon gut. Aber ich habe da eigentlich keine große Hoffnung. Sicher sollte man verstärkt auf das Problem hinweisen, aber auf der Basis der Freiwilligkeit. Eine gesetzliche Vorschrift sehe ich da eher nicht.

Wie viele Helfer hat die Tafel Loisachtal derzeit?

Aktuell können wir auf 34 Helfer zurückgreifen, wobei die Frauen etwa 70 Prozent ausmachen. Wegen der Corona-Vorschriften dürfen sich nun immer nur vier Personen im Ausgaberaum aufhalten. Zum vorherigen Sortieren kommen aber nach wie vor etwa doppelt so viele, dazu die beiden Fahrer. So haben wir uns in drei Gruppen unterteilt, und jeder ist alle drei Wochen an der Reihe. Abgesprungen ist trotz Pandemie noch keiner. Und natürlich arbeiten alle ehrenamtlich. Die Trägerschaft liegt übrigens beim Roten Kreuz.

Könnten Sie dennoch mehr Leute gebrauchen?

Nein, aktuell sind wir gut ausgestattet, zumal wir bei der Ausgabe ohnehin nur mit reduzierter Zahl im Einsatz sein dürfen.

Können Privatpersonen auch mit Spenden helfen?

Es kommt mitunter vor, dass jemand Sachspenden vorbei bringt, aber das sind meist keine Lebensmittel, sondern beispielsweise Hygieneartikel. Die nehmen wir aber gar nicht. Geldspenden sind natürlich willkommen, aber direkt annehmen dürfen wir die nicht. Das muss schon über das Rote Kreuz laufen, wo man dann aber als Verwendungszweck ‚für die Tafel Loisachtal’ angeben kann.

Vermuten Sie, dass die Zahl der Hilfesuchenden durch Corona weiter wachsen wird?

Da wir nach einem ganzen Jahr in der Pandemie noch keine Zuwächse verzeichnet haben, gehe ich eigentlich nicht davon aus.

Und hat Corona für Sie auch irgendetwas Positives gebracht?

Nein! Das ist doch alles einfach nur total lästig, was damit verbunden ist…

In der Reihe „Wie geht’s?“ fragen wir bei Menschen aus dem Landkreis nach, wie sie die außergewöhnlichen Corona-Zeiten erleben.

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