Vorübergehende Unterkunft für 150 Asylbewerber: Übers Wochenende haben Helfer des THW in der Tölzer Gymnasiumsturnhalle Betten und Spinde aufgestellt.

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Asyl in der Turnhalle: So geht’s weiter

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    VonAndreas Steppan
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Bad Tölz - Die Turnhalle des Tölzer Gymnasiums hat sich übers Wochenende grundlegend gewandelt: 19 Helfer des THW haben hier eine Erstaufnahmeeinrichtung für 150 Asylbewerber eingerichtet. Der Tölzer Kurier beantwortet die wichtigsten Fragen dazu.

  • Warum wird die Turnhalle jetzt mit Flüchtlingen belegt? Wie berichtet, hat die Regierung von Oberbayern am Donnerstagabend den Notfallplan Asyl für Bad Tölz-Wolfratshausen aktiviert. Die Erstaufnahmeeinrichtungen in München sind überfüllt, es müssen vorab gemeldete Notquartiere in den Landkreisen in Anspruch genommen werden. Ab 2. November folgt die Turnhalle der Geretsrieder Mittelschule.
  • Wann genau kommen die Flüchtlinge an? „Ob die Asylbewerber am Montag oder Dienstag ankommen, weiß keiner so genau“, sagt Landrat Josef Niedermaier. „Wir haben gebeten, dass die Busse bei uns am Montag um 10, 11 und 12 Uhr ankommen sollten“, erklärt die zuständige Abteilungsleiterin Helga Happ. Doch genau nach Terminkalender geht es bei der Zuteilung nicht zu.
  • Welche Personengruppen ziehen in die Turnhalle? Das wird man erst sehen, wenn die Busse am Landratsamt vorfahren. „Der jetzige Aufbau in der Turnhalle ist nur provisorisch, weil wir nicht wissen, wie viele Kinderbetten wir brauchen“, so Niedermaier. Fest steht: Es wird sich um Menschen handeln, die gerade erst am Wochenende nach ihrer Flucht in München angekommen sind. Vom dortigen Ankunftszentrum werden sie mit einem Aufnahmeschein („White Paper“) und nach einem ersten medizinischen Check direkt nach Bad Tölz geschickt.
  • Wie läuft die Ankunft der Asylbewerber ab? Im Landratsamt werden die Flüchtlinge registriert und einem gesundheitlichen Erstscreening auf Verletzungen oder Krankheiten unterzogen. „Wer offensichtlich krank ist, kommt gleich ins Krankenhaus“, so Niedermaier. Die anderen ziehen in die Turnhalle ein.
  • Was passiert in der Erstaufnahmeeinrichtung? Die Flüchtlinge werden hier warten, bis sie auf Asylunterkünfte vornehmlich innerhalb Oberbayerns verteilt werden. In dieser Zeit stehen für jeden von ihnen zwei Termine an: Einmal müssen sie zur eingehenderen medizinischen Untersuchung, die das Gesundheitsamt mit Hilfe einer Reihe pensionierter Ärzte im Landratsamt durchführt. Ein weiteres Mal geht es zum Röntgen ins Krankenhaus.
  • Welche Lebensbedingungen haben die Flüchtlinge in der Turnhalle? Von Privatsphäre kann hier keine Rede sein. Bett steht an Bett, meist in Vierergruppen. Zu jedem gehört ein schmaler Metallspind. Trennwände gibt es nur zwischen vier großen Bereichen, die 30, 34, 40 beziehungsweise 48 Plätze umfassen. Zum Waschen und Umziehen stehen den Flüchtlingen die Gemeinschaftsduschen und -umkleiden im ersten Stock zur Verfügung. Vier Waschmaschinen und Trockner werden aufgestellt. Die Verpflegung übernimmt ein Caterer. Er wird das Essen anliefern und in einem Geräteraum ausgeben. Gegessen wird an Biertischen in der Turnhalle. „Sie sind genau so breit, dass zwei Tabletts gegenüber Platz haben“, so Jeffrey Pflanzer, Fachbereichsleiter Asyl im Landratsamt. Je nach Bedarf wird eine Spielecke eingerichtet. Ein Sicherheitsdienst ist mit vier Personen rund um die Uhr vor Ort.
  • Wie wirkt sich die Belegung auf den Sportunterricht aus? Die Schule muss 131 Unterrichtsstunden Sport pro Woche „anders organisieren“, so der stellvertretende Schulleiter Harald Küst. „Wir kooperieren dazu mit den Nachbarschulen, werden bei jedem Wetter ins Freie gehen, einen Kurs Wintersport en bloc abhalten oder schauen, Eiszeiten im Eisstadion zu bekommen.“ Er ist zuversichtlich, dass keine Stunde Sportunterricht ausfällt.
  • Wie wird das Zusammenleben von Schülern und Asylbewerbern aussehen? Laut Küst ist das Ziel ein „funktionierendes Nebeneinander. Aber wir können uns nicht begegnen und vermischen“. Man wolle sich nicht abschotten, aber den Schulbetrieb klar vom Lebensbereich der Flüchtlinge trennen. Diese müssten nach der traumatischen Flucht zur Ruhe kommen, der Aufbau von Bindungen oder Integrationsbemühungen stünden in diesem ersten Stadium noch nicht an, da sie ohnehin nur einige Wochen in Bad Tölz bleiben. Der Eingang zur Turnhalle ist für die Flüchtlinge auf der Seite Peter-Freisl-Straße, also nicht über den Schulhof.
  • Wie stehen die Schüler zu der Situation? Die Stimmungslage der Schüler beschreibt Küst mit „großer Neugier“ und „Ungewissheit“. Dem Asyl-Helferkreis des Gymnasiums gehören etwa 100 Schüler an. Er wird sich bemühen, den Flüchtlingen mit kleinen Gesten die Ankunft zu verschönern. „Die Schüler haben Bilder mit positiver Symbolik gemalt, die in der Turnhalle aufgehängt werden“, erklärt Helferkreis-Leiterin Michaela Theil. „Jeder bekommt außerdem einen Willkommensapfel aufs Bett gelegt. Die Sichtschutzwände würden von der Fachschaft Kunst gestaltet.
  • Wann ist die Turnhalle wieder für Schul- und Vereinssport nutzbar? Nach jetzigem Kenntnisstand in sechs bis acht Wochen. Dann, so Niedermaier, werden die Asylbewerber alle binnen kurzer Zeit weiterverteilt. Anschließend wird überprüft, ob in der Halle Sanierungsbedarf besteht. „Das wird sofort gemacht“, verspricht Happ. Die Möblierung werde ebenso schnell wieder abgebaut, wie sie aufgestellt wurde.
  • Werden jetzt Sachspenden benötigt? „Nein“, sagt Jeffrey Pflanzer. Zunächst müsse man feststellen, was die Flüchtlinge benötigen, zum Beispiel Winterkleidung. Den Bedarf werde man aus der Münchner Kleiderkammer decken oder eventuell schulintern einen Aufruf an die Eltern starten.
  • Kommen gleichzeitig weitere Asylbewerber nach Bad Tölz und in den Landkreis? „Die Belegung der regulären Unterkünfte geht weiter“, sagt Niedermaier. Aktuell bekommt der Landkreis wöchentlich 37 Flüchtlinge zugeteilt, der Landrat rechnet damit, dass es bald 50 sind. Bis Ende des Jahres kalkuliert der Landkreis mit etwa 2000 Asylbewerbern. Nach aktuellem Stand ist es wahrscheinlich, dass sämtliche von den Gemeinden gemeldete Turnhallen, die das Landratsamt als prinzipiell geeignet eingestuft hat, belegt werden.


Andreas Steppan

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