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Die meisten Asylbewerber haben Smartphones, um den Kontakt in die Heimat und zur Familie zu halten. Das Landratsamt zahlt weder das Handy noch die Rechnung.

Der Tölzer Kurier fragt nach

Gerüchte über Asylbewerber - und was wirklich dran ist

Bad Tölz-Wolfratshausen – Kostenlose Handys und Gutscheine für Markenkleidung: Über Asylbewerber wird viel erzählt, was nicht stimmt. Wir haben bei Leuten nachgefragt, die es wissen müssen.

Sie bezahlen angeblich nicht für teure Markenkleider, das Landratsamt kauft ihnen Handys, und die Polizei kehrt jede Straftat unter den Teppich: Gerüchte über Asylbewerber sind viele im Umlauf. Per Mail, Brief, auf Facebook, im persönlichen Gespräch werden sie immer und immer wieder weitererzählt. Wahr werden sie dadurch aber noch lange nicht. Der Tölzer Kurier hat nachgefragt, was an den Gerüchten dran ist.

Gerücht: Asylbewerber müssen, wenn sie kein Geld haben, im Supermarkt nicht bezahlen. Das übernimmt nach einem Anruf das Landratsamt.

Dr. Michael Foerst, Abteilungsleiter am Landratsamt: „Ein Asylbewerber nimmt am Geschäftsverkehr teil, wie jeder Inländer auch, bei beiden gilt: Hat man kein Geld, kann man sich nichts kaufen. Sollte der Fall eintreten, dass ein Asylbewerber versucht, etwas zu kaufen, obwohl er kein Geld hat, wird er die Ware nicht erhalten, es sei denn der Verkäufer will sie verschenken. Das Landratsamt springt jedenfalls nicht ein. Es ist wichtig, dass die Asylbewerber lernen, mit ihrem Geld auszukommen.

Ein alleinstehender Asylbewerber erhält Geldleistungen in Höhe von 325,61 Euro im Monat. Diese Summe setzt sich zusammen aus 141,85 Euro für Nahrungsmittel, 7,19 Euro für Gesundheitspflege, 33,57 Euro für Bekleidung und 143 Euro für das soziokulturelle Existenzminimum. Letzteres ist das sogenannte Taschengeld. Mit diesem Taschengeld muss er seine Ausgaben für Verkehrsmittel, Freizeit, Bildung, Unterhaltung, Kultur, Nachrichtenübermittlung, Beherbergungs- und Gaststättenleistungen und andere Waren und Dienstleistungen abdecken.

Der Ehepartner in einer Familie erhält 293 Euro, für jedes Kind gibt es pro Monat zwischen 209,23 und 266,11 Euro – je nach Alter. Davon muss die Familie unter anderem Nahrungsmittel, Gesundheitspflege und Bekleidung kaufen.“

Gerücht: Asylbewerber bekommen mehr als 2000 Euro pro Monat und müssen nichts dafür tun.

Foerst: „Siehe Antwort zu Frage 1.“

Gerücht: Asylbewerber sind oft wohlhabend, bekommen aber trotzdem noch Geld vom deutschen Staat.

Foerst: „Asylbewerber müssen ihr eigenes Vermögen aufbrauchen, bevor sie Geld vom deutschen Staat bekommen.“

Gerücht: Wird ein Asylbewerber beim Ladendiebstahl erwischt, gibt es keine Anzeige, weil das Landratsamt die Kosten begleicht.

Foerst: „Wie bei einem Inländer wird der Geschädigte völlig zurecht Anzeige erstatten. Das Landratsamt springt auch hier nicht ein.“

Josef Mayr, stellvertretender Leiter der Tölzer Polizeiinspektion: „Weder Innenministerium noch Landratsamt könnten etwas Derartiges anweisen. Wir haben ein Strafrecht. Das wäre ja illegal. Natürlich würde es in diesem Fall eine Anzeige geben.“

Gerücht: Asylbewerber bekommen hohe Zuschüsse für Kleidung. Deshalb können sie sich auch teure Markenkleidung und Lederjacken leisten. Reicht der Gutschein des Landratsamts für den Kauf nicht aus, legt die Behörde auch hier den Rest noch drauf.

Foerst: „Ein alleinstehender Asylbewerber erhält 33,57 Euro für Bekleidung im Monat. Mit diesem Geld muss ein Asylbewerber auskommen. Das Landratsamt springt nicht ein.“

Das sagen Vertreter des Einzelhandels in Bad Tölz:

Ivonne Elsner vom „Schuhhof“: „Dass einer nicht bezahlt und auf das Landratsamt verweist, ist bei uns noch nicht passiert. Manche fragen nach einem Rabatt, aber wenn wir sagen, dass es den nicht gibt, belassen sie es dabei. Es kommt vor, dass Asylbewerber mit ihren Betreuern da sind und einkaufen, aber auch dann wird ganz normal bezahlt.“

Anton Klugherz, Geschäftsführer „Sport Krätz“: „Ich habe das Gerücht schon öfter gehört, aber hier hat noch kein Asylbewerber so etwas versucht. Man weiß nie, woher Gerüchte kommen, aber ich würde natürlich auch keine Ware rausgeben, nur weil angeblich das Landratsamt bezahlt.“

Peter von der Wippel, Geschäftsführer „Sport Peter“:

„Das ist totaler Käse von vorn bis hinten. Ich finde es erschreckend, wie einfältig manche Leute sind, wenn sie sowas glauben. Die fühlen sich halt immer gleich übervorteilt. Bei uns ist sowas nicht im Ansatz vorgekommen.

Florian Lipp, Geschäftsführer Kaufhaus Rid: „Ich kann versichern, dass es so einen Fall in unserem Laden noch nicht gegeben hat.“

Gerücht: Das Landratsamt kauft den Asylbewerbern Handys – deshalb haben alle so moderne Geräte. Natürlich wird auch die Handyrechnung beglichen.

Foerst: „Ein alleinstehender Asylbewerber erhält wie gesagt 143 Euro Taschengeld. Die Kommunikation mit der Heimat ist den Asylbewerbern oft so wichtig, dass sie manchmal das gesamte Taschengeld dafür ausgeben. Ein Asylbewerber, der sein Taschengeld komplett nur in die Nachrichtenübermittlung investiert, hat nichts mehr für die anderen Lebensbereiche übrig.“

Das sagen die Mitarbeiter der Tölzer Handyläden:

Emely Kaak von „Vodafone“: „Wir verkaufen keine Telefone ohne Vertrag. Um einen Vertrag zu bekommen, muss der Antragsteller schon zwei Jahre in Deutschland gemeldet sein. Das ist unsere Vorgabe. Wir schauen uns deshalb auch die Ausweise an. Asylbewerber wollen bei uns nur Prepaid-Karten kaufen oder fragen nach, wenn etwas an ihrem Telefon nicht funktioniert.“

Stavros Karassakaliadis vom „Telekom“-Laden: „Mit Sicherheit hat hier bei uns noch keiner das Handy vom Landratsamt bezahlt bekommen.“

Martin Herr, stellvertretender Marktleiter bei „Expert“:

„Das ist einfach Stimmungsmache. Wenn mir einer sagen würde, dass das Landratsamt die Kosten für ein Handy übernimmt, müsste ich das vorher eindeutig abklären. Vorgekommen ist das aber noch nie.“

Gerücht: Das Landratsamt zahlt viel zu hohe Mieten, um an Wohnungen für Asylbewerber heranzukommen.

Foerst: „Die Miete für Wohnungen für Asylbewerber orientiert sich an der ortsüblichen Vergleichsmiete. Mieten, die die ortsübliche Vergleichsmiete deutlich übersteigen, können nicht bezahlt werden.“

-Gerücht: Landratsamt und Stadt haben bereits deutschen Mietern gekündigt, um die Wohnungen mit Asylbewerbern belegen zu können.

Foerst: „Im Landkreis gibt es keinen einzigen Fall, wo staatliche oder kommunale Vermieter einem Deutschen gekündigt hätten, um Asylbewerber unterzubringen. Die Kündigung von Wohnraum für diesen Zweck wäre rechtswidrig und unwirksam.“

Gerücht: Asylbewerber belästigen Frauen. Besonders blonde Mädchen. Daher gab es schon zahlreiche Übergriffe. Überhaupt ist die Anzahl der Straftaten rapide nach oben gegangen, seitdem Asylbewerber hier leben. Dazu gehören auch Einbrüche und Diebstähle.

Foerst: „Es werden von 100 000 Asylbewerbern nicht mehr Sexualdelikte verübt, wie von 100 000 Inländern. Bei Asylbewerbern wie bei Inländern gibt es immer einen sehr kleinen Prozentsatz von Sexualstraftätern. Sollte es einen Vorfall in diese Richtung im Landkreis geben, wird dies angezeigt und verfolgt. Das Landratsamt verfährt hier nach einer Null-Toleranz-Strategie, und auch Missverhalten im Bagatellbereich wird nicht geduldet.“

Mayr: „Von einem rapiden Anstieg kann überhaupt keine Rede sein. Ja, es gibt Straftaten, die Asylbewerber begehen, und ja, da sind auch sexuelle Übergriffe dabei. Diese Fälle haben wir alle über die Medien öffentlich gemacht. Einbrüche unter Beteiligung von Asylbewerbern haben wir keinen einzigen. Es gibt eine geringe Anzahl von Diebstählen. Allerdings lässt sich hier in manchen Fällen nicht klären, ob beispielsweise ein Handy in der Gemeinschaftsunterkunft in der Turnhalle wirklich gestohlen oder verloren wurde. Es gibt auch hier keinen signifikanten Anstieg.“

Gerücht: In der Erstaufnahmeeinrichtung in der Tölzer Turnhalle gibt es so viele Zwischenfälle, dass die Polizei alle zwei Tage mit einem Großaufgebot anrücken muss.

Mayr: „Tatsächlich gab es bislang genau einen Zwischenfall, bei dem ein Großaufgebot angerückt ist, das sich später allerdings auch als unnötig erwies. Männer unterschiedlicher Nationalität waren bei der Essenausgabe in Streit geraten. Darüber hat der Tölzer Kurier ja auch berichtet. Ansonsten gibt es die eine oder andere Streitigkeit – ohne Handgreiflichkeiten. Dabei können wir wenig ausrichten, da wir ja auch nicht verstehen, ob sich die Kontrahenten beleidigen.“

Gerücht: Es stimmt gar nicht, dass Asylbewerber so wenige Straftaten begehen. Die Polizei darf darüber nur nicht berichten.

Mayr: „Wir machen alle Vorfälle öffentlich. Wir sind auch vom Präsidium angehalten, durchaus offensiv damit umzugehen. Bei einem Ladendiebstahl würden wir im Pressebericht jetzt nicht extra dazu schreiben, dass es sich beim Täter um einen Asylbewerber handelt. Aber das würden wir ja auch nicht machen, wenn der Täter in Tölz wohnt, aber eigentlich Grieche oder Österreicher ist. Kommt es zu Vorfällen in den Unterkünften selber, schreiben wir das natürlich dazu.“

Veronika Ahn-Tauchnitz und Ines Gokus

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