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Ist beliebig einsetzbar und widerspricht nicht: De r BLLV-Vorsitzende Bernd Kraft fotografierte die „Lehrerbarbie“.

Bayernweite Aktion

Wegen Anordnung des Kultusministers: Lehrer-Protest mit Barbiepuppe

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Auch in Bad Tölz-Wolfratshausen protestieren viele Lehrer gegen Mehrarbeit und strengere Ruhestands-Regeln. Dabei wurden sie teils sehr kreativ.

Bad Tölz-Wolfratshausen– Sieht so die perfekte Lehrerin aus? Sie ist allzeit einsatzbereit, gibt keine Widerworte und ist beliebig reproduzierbar. Nur ob die Qualität stimmt: Daran darf man so seine Zweifel hegen. Denn sie ist aus Plastik.

Mit dem Foto von einer „Lehrerbarbie“ hat der Heilbrunner Bernd Kraft am Freitag auf kreative und ironische Art seinem Unmut gegen die aktuelle Politik des Kultusministeriums Ausdruck verliehen. Der Kreisvorsitzende des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV) und Rektor der Mittelschule Lenggries beteiligte sich damit an einem bayernweiten Protesttag.

BLLV-Kreisvorsitzender: „Lehrer arbeiten jetzt schon am Anschlag“

Unter den Lehrern an Grund-, Mittel- und Förderschulen „ist der Unmut groß, es herrscht richtig Frust“, sagt Kraft, der auch Personalratsvorsitzender im Landkreis ist. Grund sind die „Maßnahmen zur Sicherung der Unterrichtsversorgung“, die Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) Anfang Januar angeordnet hat. Diese beinhalten für die Lehrer zum Beispiel Mehrarbeit und den Wegfall des vorzeitigen Ruhestands.

Dabei würden die Lehrer jetzt schon „am Anschlag“ arbeiten, wie Kraft sagt. „An meiner Schule zum Beispiel fehlen aktuell fünf Vollzeitkräfte“, sagt er. Das Kollegium habe unter diesen Umständen alle Mühe, „die Schüler irgendwie zu betreuen“, sagt der Pädagoge. „Teilweise geht es nur noch darum, dass jemand da ist, während die Schüler still arbeiten – von unterrichten kann mitunter keine Rede mehr sein.“ An vielen anderen Schulen im Landkreis sei die Lage ähnlich. Die Überlastung ziehe einen hohen Krankenstand nach sich.

„Viele haben sich verzweifelt an mich gewandt“

Kraft stellt dabei klar: „kein einziger Kollege hat sich darüber beschwert, dass er jetzt eine Stunde in der Woche mehr arbeiten soll.“ Doch als BLLV-Vorsitzender und Personalrat kennt Kraft die individuellen Auswirkungen von Piazolos Anordnung.

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Wenn Lehrer vorzeitig in den Ruhestand gehen und dafür finanzielle Einbußen hinnehmen, „dann tun sie das nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil sie einfach nicht mehr können“, betont der Heilbrunner. „Viele haben sich verzweifelt an mich gewandt.“ Ein „Extremfall“ sei ein Kollege, der mit 63 ein Sabbatjahr angetreten hatte und danach in Ruhestand gehen wollte. Er habe schon seinen Abschied aus dem Schuldienst gefeiert – müsse nun aber davon ausgehen, noch einmal für ein Jahr unterrichten zu müssen.

Lehrer protestieren mit kreativen Fotos und Postkarten

Kraft erklärt auch die Folgen einer veränderten Teilzeitregelung. Lehrer mit minderjährigen Kindern können ihre Arbeitszeit auf bis zu sechs Stunden pro Woche reduzieren. Wird das Kind 18, konnten sie ihre Arbeitszeit bislang als „Bestandsschutz“ beibehalten. Jetzt aber müssen sie auf mindestens 24 Stunden aufstocken. „Eine Kollegin Ende 50 hat jahrelang 17 Stunden gearbeitet und soll jetzt plötzlich sieben Stunden mehr arbeiten“, berichtet Kraft. „Solche Fälle habe ich im Landkreis aktuell 10 bis 20. Die Kollegen wissen nicht, wie sie das schaffen und mit ihrer Lebenssituation vereinbaren sollen.“ Diese vermeintlichen „Einzelfälle“ würden sich summieren und für erheblichen Frust sorgen.

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Kraft glaubt kaum, dass junge Menschen unter diesen Umständen motiviert würden, den Lehrerberuf zu ergreifen. Und fast zeitgleich mit Notmaßnahmen zur Sicherung des Basisunterrichts brumme Piazolo den Lehrern dann auch noch eine zusätzliche Projektwoche Alltagskompetenz auf. „Reichlich ungeschickt“ findet Kraft das.

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Am Freitag nun rief der BLLV die Lehrerkollegien auf, mit kreativen Fotos und Postkarten zu protestieren. Im Landkreis hätten sich Lehrerinnen und Lehrer auf Gruppenbildern mit dem Daumen nach unten oder mit schwarzem Papier vor dem Gesicht abgelichtet – Motto: „Ich sehe schwarz.“ Und Kraft selbst lieh sich kurz die Barbiepuppe seiner Tochter aus.

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