Amtsgericht 

„Ein grauenhaftes Schauspiel“

Ein Bad Heilbrunner soll seine Lebensgefährtin gegen den Küchentisch geschlagen haben. Deshalb musste sich der Mann nun vor Gericht verantworten. Am Ende wurde er freigesprochen

Bad Heilbrunn/Wolfratshausen – Die Frau tapst etwas unsicher in den Gerichtssaal. Sie stolpert, stürzt geradewegs auf den Richtertisch zu. Gewinnt gerade noch so die Balance wieder, um zu vermeiden, dass sie dagegen stößt.

Der Aufritt der Zeugin (45) kam wie bestellt, denn der mitunter wacklige Gang der Frau dient der Verteidigung als wichtigstes Argument für die Unschuld des Angeklagten. Der Mann (48) soll seine Lebensgefährtin in seiner Wohnung in Bad Heilbrunn an den Haaren gepackt und mit dem Kopf gegen die Kante des Küchentischs geschlagen haben. So steht es in der Anklageschrift. Der Mann bestreitet das. Der Richter äußert Zweifel, muss den Angeklagten am Ende jedoch freisprechen.

Fest steht: Als die Polizei am 28. Januar dieses Jahres kurz nach 16 Uhr an der Wohnung des Angeklagten eintrifft, sitzt die Frau bereits im Rettungswagen. Ein Verband überdeckt die 1,5 Zentimeter lange Platzwunde an ihrem Kopf. Ihr Freund habe von einem Streit berichtet, dabei habe die Frau „sich absichtlich gegen die Tischkante geworfen“, erzählt ein Polizist im Zeugenstand. Die Geschädigte habe kein Interesse an einer Strafverfolgung gehabt. „Sie wirkte eingeschüchtert, als wolle sie alles unter den Teppich kehren“, so der Zeuge vor Gericht. „Aber die Verletzung war zu gravierend, als dass man es einfach hätte hinnehmen können.“

So landete der 48-Jährige auf der Anklagebank. Der Mann räumte ein, dass es einen Streit gegeben hatte. Wie häufig in der Beziehung habe die Frau ihm mal wieder eine Eifersuchtsszene geliefert, als er auf der Couch liegend mit seinem Handy gespielt habe. „Sie meinte, ich schreibe mit anderen Frauen“, sagte der Angeklagte. Als sie ihm das Handy wegnahm, sei es genug gewesen. „Ich wollte das nicht mehr. Ich habe sie am Schopf gepackt und sie in die Küche geschoben.“

Zum weiteren Verlauf hatte der Mann, der zum Tatzeitpunkt rund 1,5 Promille Alkohol im Blut hatte, zwei Versionen. Der Polizei hatte er erklärt, seine Freundin habe sich nach dem Streit auf einen Stuhl gesetzt und ihren Kopf auf die Tischplatte geschlagen. Vor Gericht erzählte er: „Sie hat sich losgerissen, ich bin wieder ins Wohnzimmer gegangen, dann habe ich ein Rumpeln gehört.“

Auch die Geschädigte lieferte mehrere Versionen: Zunächst hatte sie behauptet, mit Socken auf dem Fliesenboden ausgerutscht zu sein. Nun stellte sie richtig: „Ich wollte mir Schuhe anziehen, habe mich gebückt. Dann wurde mir schwindelig und ich bin nach links gefallen….“ Unabhängig davon habe sie Probleme mit der Hüfte, so die 45-Jährige. Die Folge: „Ich stolpere immer.“

Auch das Gutachten einer Rechtsmedizinerin brachte keine zweifelsfreien Erkenntnisse. „Die Wunde kann durch die Tischkante oder die Arbeitsplatte ohne Fremdeinwirkung entstanden sein“, erklärte die Gutachterin. „Die Art der Wunde spricht nicht für eine wahnsinnig heftige Gewalteinwirkung.“

Richter Helmut Berger bewertete den Auftritt des Paares im Wolfratshauser Gerichtssaal als „ein grauenhaftes Schauspiel“. Zwar halte er die Einlassungen beider Beteiligter „für ganz großen Mist“, aber Beweise, die eine Verurteilung des Angeklagten rechtfertigten, gab es nicht. Der Heilbrunner wurde schließlich freigesprochen.

Rudi Stallein

Rubriklistenbild: © dpa

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