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Literaturfest in Nantesbuch: Eine Kultur-Farm mit Rhythmus und Melodie

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Aus Wien nach Nantesbuch gekommen war die junge Autorin Stefanie Sargnagel. Sie stellte ihr Werk „Dicht: Aufzeichnungen einer Tagediebin“ vor.
Aus Wien nach Nantesbuch gekommen war die junge Autorin Stefanie Sargnagel. Sie stellte ihr Werk „Dicht: Aufzeichnungen einer Tagediebin“ vor. © Riesenhuber

Zum fünften Mal fand am vergangenen Wochenende das Literaturfest der Stiftung Kunst und Natur auf Gut Nantesbuch statt. Die Prominenz war groß, der Zuspruch allerdings nicht so groß wie erhofft. Die Gäste, die gekommen waren, erlebten ein sehr entspanntes Festival.

Bad Heilbrunn - Zum ersten Mal fand das Festival im sogenannten Wirtschaftsteil, einer Ansammlung von Maschinenhalle, Ställen, Scheune und viel Landschaft. Das hatte etwas von einer Kultur-Farm, in der statt der Tiere Leser flanierten. Auch ein paar Hühner flatterten in einem Gehege und ein Hahn kommentierte lautstark alles, was da an Literatur in diesen Tagen so passierte.

„Es gilt das gesprochene Wort“: Diese Formulierung, die Presseleute manchmal lesen, wenn sie den Text einer Rede als Manuskript vorgelegt bekommen, war das Thema, das Kurator Hans von Trotha und sein Team für dieses Literaturfest gewählt hatten. Und es hat sich als ein ebenso vielschichtiges wie tief greifendes Thema erwiesen. Denn natürlich kommt alles Erzählen und alle Literatur aus dem Mündlichen. Der gesprochene Text, das konnte man in diesen Tagen immer wieder erleben, klingt. Er hat die Farbe einer Stimme. Aber mehr noch, er besteht aus Rhythmus und Melodie, verrät etwas über die Emotionen des Vortragenden.

Beeindruckend: Matthias Brandt und sein Roman „Blackbird“

Besonders eindrucksvoll hat das Sharon Dodua Otoo, die Gewinnerin des renommierten Ingeborg-Bachmannpreises von 2016, gezeigt. Sie las aus ihrem Roman „Adas Raum“ und spielte dabei mit Rhythmen, Akzenten und Sprachfärbungen. Natürlich lag es bei diesem Thema nahe, mindestens einen schreibenden Schauspieler einzuladen, der gewissermaßen beide Manifestationen von Literatur kennt. So wurde die Veranstaltung von Matthias Brandt eröffnet. Wiebke Porombka, Literaturkritikerin beim Deutschlandfunk, sprach mit ihm über seinen Roman „Blackbird“, über die Faszination der 70er-Jahre und über die Frage, wie das Kunststück gelingt, dass ein geschriebener Text so klingt, als würde er seinem Leser gerade im Augenblick des Lesens erzählt. Brandts Buch handelt von einem knapp 17-jährigen Jungen, der, zumindest für seine Außenwelt, verstummt ist, aber pausenlos mit sich selbst spricht. Im Angesicht eines großen Verlusts wechseln tiefe Gefühlserlebnisse und Banalitäten einander ab.

Las aus ihrem Roman „Adas Raum“ und spielte dabei mit Rhythmen, Akzenten und Sprachfärbungen: Sharon Dodua Otoo.
Las aus ihrem Roman „Adas Raum“ und spielte dabei mit Rhythmen, Akzenten und Sprachfärbungen: Sharon Dodua Otoo. © Riesenhuber

Brandt, der betonte, dass er sich selbst in erster Linie als Schauspieler sieht, gelang es, all die Unsicherheiten, das Stottern und Verstummen, das Zögern des Protagonisten im Umgang mit anderen Menschen, in seinen Vortrag zu legen und so für das Publikum den schleichenden Übergang von geschriebenem zum gesprochenen Wort erfahrbar zu machen.

Aber das Literaturfest hatte – quasi unter der Hand – noch zwei weitere Themen: „Tempo“ lautet das Jahresthema der Stiftung, und der Verbindung von Natur und Kultur hat man sich ohnehin verschrieben. So gab am Sonntagmorgen mit Sten Nadolny gleichsam der Spezialist für die Bedeutung von Tempo ein Gastspiel auf dem „grünen Hügel von Nantesbuch“. Sein Roman von der Entdeckung der Langsamkeit erschien bereits 1983 und ist dennoch ungeheuer präsent beim Lesepublikum. Ein Umstand, für den man „einfach nur dankbar“ sein muss, so Nadolny. Nicht ohne zu erwähnen, dass er auch gerne mal etwas aus anderen Büchern lese. Zusammen mit Tilman Spengler bot er ein Gespräch unter Freunden über Langsamkeit, Sprache und Landschaft, gespickt mit Anekdotischem und kurzen Ausschnitten aus ihren Büchern.

Mit dem Kopfhörer übers Gelände

Noch ein Stück näher an der Landschaft war Thea Dorn. Sie hat für dieses Literaturfest einen Text geschrieben, der auf einer Waldlichtung und später per Kopfhörer auf dem Festivalgelände zu hören war. Dabei hatte sie sich zunächst selbst gefragt, wie sie wohl ein „Lichtungsgefühl an meinem Berliner Schreibtisch abrufen“ solle. Ihren Text schrieb sie, ohne die Lichtung vorher gesehen zu haben. Aber, „Karl May war auch nie in Amerika“, so Thea Dorn. Hans von Trotha war jedenfalls begeistert davon, wie gut es passte.

Ein Gespräch unter Freunden über Langsamkeit, Sprache und Landschaft boten Tilmann Spengler und Sten Nadolny den Besuchern.
Ein Gespräch unter Freunden über Langsamkeit, Sprache und Landschaft boten Tilmann Spengler und Sten Nadolny den Besuchern. © Riesenhuber

Währenddessen las Marcel Beyer vor sonniger Bergkulisse aus seinen Gedichten. Seine Zuhörer saßen im Schatten einiger Bäume und in der Ferne hörte man das Schellen von Kuhglocken. Erzählt hat Beyer davon, wie er schreibt, aber auch davon, wie schön es ist, für Sänger zu schreiben und dabei schon zu wissen, dass man diesen Text nicht selbst auf der Bühne vortragen muss.

Ein weiterer Höhepunkt war sicherlich der Auftritt von Anna Thalbach und Daniel Sträßer, die aus einem Buch von T.C. Boyle lasen. Aber nicht nur alte Meister und bekannte Namen konnte man an diesem Wochenende erleben. Auch junge Autoren, wie Stefanie Sargnagel aus Wien waren gekommen. Auftritte im sogenannten Lyrikkarussell oder einen Soundtrack mit den Stimmen von Autoren konnte man über Kopfhörer beim Spaziergang über das Gelände erleben.

Zelt-Radiostation mit Geräuschen und Musik

In einem Stall, den man selbstbewusst zum „Torfpalast“ erklärt hatte, wurden die Besucher in einen Sommertag an einem der Bäche im Englischen Garten gleichsam hineingezogen. Eine Videoinstallation von Saskia Groneberg zeigte Menschen, die sich dem Spiel am und im Wasser hingeben. Akustisch hatte der Künstler Marcus Maeder aus Zürich „Horchposten“ auf dem Gelände installiert und sendete von einer kleinen Zelt-Radiostation Geräusche und Musik aus Nantesbuch über das Gelände und in den Äther, während am Abend Flammen in Feuerschalen flackerten und über der gesamten Veranstaltung auch ein Duft von Rauch und Grillwurst lag. Zum Abschluss gesellte sich die Musik, gespielt vom Rodin-Quartett aus München, zu einer Lesung von Christian Schulteisz.

Insgesamt ein gelungenes, bei Spätsommerwetter sehr entspanntes und keineswegs überlaufenes Festival. (Heribert Riesenhuber)

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