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„Ich wollte mal wieder hinlangen“, sagt Christian Findler. Beruflich beschäftigt den Greilinger die Sicherheit von IT-Systemen. Nebenberuflich mietet er sich im Mühlfeldbräu ein und spielt mit neuseeländischem Hopfen.

Brauer aus der Region

Experiment(B)ierfreude

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Bad Tölz-Wolfratshausen - Die Craft-Beer-Welle aus den USA hat auch das Tölzer Land erfasst. Selten war Bierbrauen und -trinken so spannend. Aber Vorsicht: Quantität ist nicht gleich Qualität.

Eierschmalz. Steht das da wirklich auf der Flasche? In diesen neumodischen Bieren ist ja echt alles drin. Pfui! Bevor man auf solche Vermutungen kommen könnte, sagt Daniel Jakob: „Der heißt wirklich so.“ Alles klar, Eierschmalz ist keine Zutat, sondern der Nachname des Brauers. Einer von „vier Genussmenschen“, wie Jakob erklärt. Neben sich selbst meint der Heilbrunner den Kochler Frank Kurio sowie die beiden Bichler Christoph Frick und eben Josef Eierschmalz. Vier Männer zwischen 30 und 40, die sich für Bierexperimente seit Jahren in den Hobbykeller verkriechen. Die ihre Kreationen erst mit Freunden vor der Garage probierten und 2013 eine Firma und einen eigenen Biershop aufzogen. Vier Männer, eine Leidenschaft: das Craft-Beer.

Unabhängigkeit, Kreativität, Identität, Craft-Beer

Der Begriff ist Synonym für stark gehopfte Sorten wie India Pale Ale (IPA) geworden. Immer mehr Kneipen haben neben Tegernseer oder Augustiner ein paar buntbedruckte 0,33-Flaschen im Kühlschrank. Amber Ale hier, Pale Ale dort. Dabei kann auch ein klassisches Helles ein Craft-Beer sein. Das englische Substantiv „craft“ bedeutet im Deutschen „Handwerk“. Und darum geht es, um handgemachtes Bier, um Unabhängigkeit von Konzernen, um Identität und Kreativität. Was alle Craft-Beer-Brauer verbindet: Sie nutzen die Popularität regionaler Produkte, geben sich Mühe beim Etikett-Design und trinken wahnsinnig gerne Bier.

Den Blick in den Braukessel genießen Gäste im Tölzer Binderbräu. Braumeister Andreas Forstner ist gerne kreativ. Im Winter kredenzt er mit Kollege Stefan Fascher das Glühbier – eine spannende Alternative zum Glühwein.

Christian Findler wurde vor zwei Jahren „von der US-amerikanischen Craft-Beer-Welle erfasst“, wie er sagt. Der Greilinger beschäftigt sich beruflich mit der Sicherheit von IT-Systemen. „Ich bin immer in der virtuellen Welt. Ich wollte mal wieder hinlangen.“ Was tun gegen die Sehnsucht nach dem Handwerk? Findlers Idee: Dem Bruder ganz ohne Hintergedanken einen Braukurs für Zwei schenken. 

Der Besuch im Oberhachinger Stadlbräu war die Initialzündung: Findler kaufte sich einen 50-Liter-Braukessel, entwickelte Rezepte und brachte sein Bier bei Grillfesten in Umlauf. Die Freunde waren begeistert und sind schuld daran, dass der 47-Jährige nun ins Tölzer „Gasthaus“ lädt, um seine Craft-Beer-Geschichte zu erzählen. In der Hand hat Findler das „Motueka“. Benannt ist es nach der neuseeländischen Hopfensorte, die das „Single Hop IPA“ nach Mango, Pfirsich und Limonen duften lässt. Auf der Flasche kreuzen sich hell- und dunkelgrüne Tropen-Palmen. Das Etikett-Design stammt von Laura Wolf aus Dietramszell. „Das Etikett ist mindestens genauso wichtig wie der Inhalt“, sagt Findler, während er die Flasche durch die Finger gleiten lässt. Für den Inhalt hat er mit dem Tölzer Mühlfeldbräu kooperiert – ein Gemeinschaftssud, nicht unüblich in der Craft-Beer-Szene.

Tölzer Mühlfeldbräu kommt im Jahr auf 20 Sorten

Das Brauhaus an der Bahnhofstraße ist offen für Experimente. Auf rund 20 Sorten kommen die Brauer im Jahr, im „Gasthaus“ zapfen die Kellner das Bier des Monats. Alle 30 Tage was Neues, ein fruchtiges Weißbier hier, ein braunes, malziges Ale dort. Aktuell ist das „Barrel-Aged Barleywine“ gefragt, ein Starkbier, das sechs Monate in einem Slyrs-Whiskey-Fass gereift ist. Zuletzt kam es zum Austausch mit der „Weyerbacher Brewing Company“. Mühlfeld-Mitarbeiter reisten nach Pennsylvania, die Amerikaner nach Tölz.

Das interkulturelle Projekt, ein dunkler Weißbierbock mit Hopfen aus den USA und 10,1 Prozent Alkohol, rührte auch Sebastian Heuschneider an. Der Braumeister sagt, das Kundeninteresse sei nie größer gewesen als gerade. Aber er sagt auch: „Hopfen und Malz zusammenschütten ist nicht schwer. Viele meinen: ,Das kann ich auch‘“. Die Qualität ebbt bei der Quantität der Craft-Beer-Welle schon mal ab, findet Heuschneider. „Das geht noch ein paar Jahre gut, dann wird’s wieder ruhiger.“ Die Kunden lernen dazu, ihre Ansprüche an ein gutes Bier steigen, meint Heuschneider. Das gilt auch für die Brauer: „Ein Helles ist viel schwieriger als ein IPA. Das verzeiht dir als Brauer mehr, viel Hopfen und Malz überlagert einiges.“

Bierbrauer, Bierblogger, Biersomelier: Daniel Jakob aus Bad Heilbrunn mit der neuesten Wampenbräu-Kreation, dem „Centalaxy IPA“. Es enthält eine australische und eine US-amerikanische Hopfensorte.

Daniel Jakob erzählt die Geschichte von dem norwegischen Brauer, der die Preispolitik der Craft-Beer-Macher mit einer schrägen Mischung karikierte. „Er hat eine Tiefkühlpizza und Geldscheine in den Sud geworfen.“ Der Name des 17,5-prozentigen Gesöffs: „Big Ass Money Stout“. Die Botschaft: Es wird teuer verkauft, was schlecht gemacht ist.

Biere zu bewerten, ist Jakobs Leidenschaft, er macht das fast täglich, seit über sieben Jahren. Auf seinem „usox-Bierblog“ beurteilt er den Gerstensaft nach Aussehen, Geruch und Geschmack. „Das ist immer subjektiv“, sagt Jakob. „Aber es gibt objektive Schubladen.“ Nach dem Motto: Was draufsteht, muss auch drin sein. Ein IPA müsse bitter sein, ein Doppelbock malzig und süß, das Helle nicht dunkel. Einer mit Jakobs Biererfahrung schmeckt, wenn alter Hopfen verwendet oder das Bier falsch gelagert wurde.

„Hopfen stopfen“: Gängige Praxis für Aroma-Tüftler

Mit seinen Wampenbräu-Freunden hat er das Centalaxy IPA vorgelegt. „Unbedingt aus dem Weinglas trinken, damit sich der Geschmack entfaltet“, sagt er. 7,5 Prozent Alkohol, gebraut nach dem Reinheitsgebot, aber – wie so oft beim Craft-Beer – mit immens viel Hopfen. Namensgeber sind der amerikanische Centennial- und der australische Galaxy-Hopfen. Nur ihretwegen riecht das Bier wie ein Obstkorb und schmeckt nach exotischen Früchten. Die Aroma-Tüftler haben die beiden Sorten nicht nur im Sud verkochen lassen, sondern jede Menge davon in der kalten Gärungsphase nochmals dazugegeben. „Hopfen stopfen“ nennen Carft-Beer-Brauer die gängige Praxis.

Kooperierten mit Brauern in Pennsylvania: Braumeister Sebastian Heuschneider und seine Kollegen vom Tölzer Mühlfeldbräu.

Während sich Hobby-Brauer wie Jakob und Findler beim Mühlfeldbräu einmieten, hat sich Andreas Binder seine eigene Brauerei bauen lassen. Seit ungefähr einem Jahr entsteht im Binderbräu echtes Tölzer Bier. Dafür sorgen Braumeister Andreas Forstner und Stefan Fascher, der in Weihenstephan Brauwesen studiert. Auch sie experimentieren: „Wir haben mal ein Pils mit Mandarinen-Hopfen gemacht – und waren total enttäuscht“, erzählt Forstner und lacht. Es schmeckte kein bisschen nach Mandarine. „Wir haben’s dann als normales Pils ausgeschenkt.“

Kein Grund, die Kreativität schleifen zu lassen: Aktuell gibt es ein Aperitif-Bier beim Binderbräu. „Ein Helles mit Blutorangen-Note. Kommt gut an“, sagt der Chef. „Gerade bei Frauen.“ Das gilt auch für die Winterkreation namens „Glühbier“. Den eigenen Weißbierbock haben Forstner und Fascher mit Kirschsaft, braunem Rum, Zimtstangen, Vanilleschoten und vielem mehr angereichert. Eine spannende Alternative zum Glühwein. Die Fantasie kennt beim Bierbrauen keine Grenzen mehr.

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