Erst süßlich, dann entwickeln sie eine sanfte Schärfe: Kräuterpädagogin Anneliese Stockinger probiert eine Taglilie.
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Erst süßlich, dann entwickeln sie eine sanfte Schärfe: Kräuterpädagogin Anneliese Stockinger probiert eine Taglilie.

Nützliches für alle Lebenslagen im Kräuterpark

Führung durch den Kräuter-Erlebnispark in Bad Heilbrunn mit Anneliese Stockinger

Das kalte, nasse Frühjahr hat auch im Kräuter-Erlebnispark seine Spuren hinterlassen. Vor wenigen Wochen blühte noch gar nicht viel. Aber mit den warmen Tagen sei es richtig losgegangen, erklärt Anneliese Stockinger.

Bad Heilbrunn - Im Hauptberuf Pfarrsekretärin, hat sie sich vor zehn Jahren zur Kräuterpädagogin ausbilden lassen und führt seither mit großer Freude Besucher durch den 2009 eröffneten Park. Schon als Kind habe sie mit der Oma Kräuter gesammelt. „Das Interesse daran war immer schon da.“ Und genau wie sie damals gesammelt hat, um zuhause einen Tee zu brühen oder den Salat anzureichern, ist es Anneliese Stockinger auch bei ihren Führungen wichtig, aufzuzeigen, was sich mit dem Sammelgut so alles herstellen lässt. Zum Beispiel eine erfrischende „Gierschonade“: Die Zutaten hat die Kräuterpädagogin im Weidenkorb mitgebracht. Als Grundregel empfiehlt sie, nur das zu nehmen, was man zweifelsfrei erkennen kann. Immer wieder tödlich endet bekanntlich die Verwechslung von wildem Bärlauch mit Maiglöckchen sowie den ganzjährig vorhandenen Herbstzeitlosen. „Und der Giersch wird leicht mit dem Engelwurz verwechselt. Doch an seinem dreieckigen Stängel ist er eindeutig zu erkennen“, erläutert Stockinger.

Aphrodisiaka, Hustensaft oder Wundpflaster

Neben diesem vermeintlichen „Unkraut“ kommen Pfefferminze und Gundermann in die Limonade. Von letzterem darf es nicht zu viel sein. „Er schmeckt sehr dominant.“ Kinder könne man damit erfreuen, indem man die Blätter in Schokolade taucht. „Das ergibt Gundermann-Aftereight“, schmunzelt Stockinger. Ernsthafter geht es nun bei den ersten Beeten zu, die die Pflanzen des Benediktbeurer Rezeptars enthalten. „Das sind Klosterrezepte aus dem 13. Jahrhundert“, erklärt die Fachfrau. In diesen wird die Heilkraft der Kräuter beschrieben. Da findet sich etwa Haselwurz, aus dem sich eine Salbe für Verletzungen herstellen lässt, Fenchel, dessen Samen gegen Husten wirken, oder Schwertlilien, deren Wurzeln in Wein eingelegt einen Sud gegen Mundgeruch ergeben. Aus der Eberraute lässt sich eine Zugsalbe bereiten, die Betonie, in warmes Wasser eingelegt, ist gut für Augenumschläge. Und Klee sollten alle Sänger im Garten oder auf der Fensterbank haben: Mit rohen Eiern und zerstoßenem Pfeffer vermischt ist er Balsam für die Stimme. Noch exotischer: Binse mit pulverisierten Schneckenhäusern in Wasser gegeben soll dem „Viehsterben“ Einhalt gebieten. Und den Hauswurz aufs Hausdach gepflanzt schützt angeblich vor Blitzeinschlag.

„Wildkräuter haben eine hohe Wirkkraft“

Doch egal, welches Wehwehchen behandelt werden soll: „Wildkräuter haben eine hohe Wirkkraft. Man weiß nie, wie der Körper reagiert. Deshalb sollte man immer behutsam mit der Anwendung beginnen“, warnt Stockinger. Doch manches Kraut entfaltet seine Wirksamkeit ohnehin erst, wenn der göttliche Beistand eingeholt wird: Wenn man beim Rupfen und Zerreiben der Duftveilchen zahlreiche Vaterunser betet, sie alsdann in Wein aufwallen lässt und mit Pfeffer würzt, senken sie das Fieber. Praktischer sind da die Taglilien: Ihre leuchtenden Blüten lassen sich einfach so verzehren. „Erst schmecken sie süßlich, dann entwickeln sie eine sanfte Schärfe“, erläutert Stockinger. Sie passen ebenso gut zu Süßspeisen wie zum Salat. Darauf folgt das Bibel-Kräuter-Beet, in dem die Pflanzen versammelt sind, deren Wirkkraft im Buch der Bücher gepriesen wird. Neben Weinstock, Ysop und Silberkerze finden sich Wiesenlabkraut („Marias Bettstroh“), die Madonnenlilie oder die weiße Pfingstrose als Jungfrauen- und Mariensymbol („Rose ohne Dornen“).

Die weißen Pfingstrosen haben heuer sehr spät geblüht.

Und mit einem berauschenden Duft macht die historische Rose de Resht nachdrücklich auf sich aufmerksam. Ein Duftkräuter-Beet nahebei ist gerade in Arbeit. Schon vorhanden ist die Schokoladenkosmee: Ihre samtigen, rotbraunen Blüten sehen zum Anbeißen aus, doch sie will nicht gegessen werden, sondern mit ihrem Schokoduft betören. Beim Passieren der Holundersträucher weist Stockinger nochmals auf die überall lauernde Verwechslungsgefahr hin: „Es gibt schwarzen, roten und Zwergholunder. Die sehen sich alle sehr ähnlich. Aber letzterer ist sehr giftig! Man kann ihn daran erkennen, dass er nicht in Büschen wächst, sondern auf Stängeln.“

Die Hundspetersilie, die auf Wiesen und in Gärten vorkommt und der glatten Petersilie ziemlich ähnlich sieht, ist hochgiftig!

Schon verblüht ist nebenan der Waldmeister. Der hilft, als Tee aufgebrüht, gegen Kopfweh – nicht nur, wenn man zuvor zu viel Bowle getrunken hat. „Ich mache aber lieber einen Likör daraus“ gesteht Stockinger. Neu angelegt wurde die „Kräutersonne“, wie Sonnenstrahlen ausgerichtete Erntebeete: Von Ringelblume bis Zitronenmelisse, von Spitzwegerich bis zur Malve wird hier angepflanzt, was die Besucher nach der Ernte und Verarbeitung später als gesunde Teemischungen im Kräuterladen erwerben können. Die folgenden Themenbeete schließlich sind weiteren praktischen Anwendungen gewidmet. Da gibt es Badekräuter als Zusatz fürs Badewasser wie Lavendel oder Rosmarin oder solche für die Gesichts- oder Haarpflege. Besonders kurios: die „Kurschatten-Gewächse“ oder „Aphrodisiaka aus der Natur“. Was sich dahinter verbirgt? Man glaubt es kaum: Lavendel, Rosen – oder Petersilie. Doch Obacht geben: Die Hundspetersilie, die auf Wiesen und in Gärten vorkommt und der glatten Petersilie ziemlich ähnlich sieht, ist hochgiftig! Womit endgültig bewiesen wäre, dass sich im Kräuterpark Nützliches für alle Lebenslagen finden lässt. (Sabine Näher)

Jahreszeitliche Führungen

im Kräuter-Erlebnis-Park: Jeden Mittwoch ab 14 Uhr

Thematische Führungen mit Workshops: Jeden Samstag, 10 Uhr. Anmeldungen erforderlich bei der Gästeinformation unter der Nummer 08046 / 323 oder per E-Mail an info@bad-heilbrunn.de. Website: www.bad-heilbrunn.de

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