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Die Arbeit bleibt dieselbe. Aber Kreisbäuerin Ursula Fiechtner bekommt künftig weniger Geld für die Milch. 

Neuvermessung

Gleiche Milch, weniger Geld: Wer darf sich noch „Bergbauer“ nennen?

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Eine Neuabgrenzung der Bergbauern-Gebiete in Bayern sorgt unter Landwirten für großes Aufsehen. Im Tölzer Land hat sie zur Folge, dass einige Betriebe weniger Geld für ihre Milch bekommen.

Bad Tölz-Wolfratshausen Eine Neuvermessung von sogenannten benachteiligten Gebieten in Bayern hat für etliche Landwirte im Landkreis erhebliche Konsequenzen. Hintergrund ist die ELER-Verordnung der Europäischen Union, in der es um die Förderung der ländlichen Entwicklung in Europa geht. Gebiete wurden neu abgegrenzt und neu vermessen. Im Kern geht es um die Feinjustierung von Ausgleichszahlungen.

Für die Bezeichnung „Bergbauer“ gelten bestimmte Kriterien, unter anderem eine Höhenlage von mindestens 700 Metern und eine gewisse Hangneigung. „Bayern hat sich entschieden, hier nicht nach Gemeindegrenzen, sondern nach Gemarkung vorzugehen“, berichtet der Heilbrunner Landtagsabgeordnete Martin Bachhuber (CSU). Für Landwirte in Oberbuchen etwa hat das große Konsequenzen: Seit der Gebietsreform von 1972 gehören sie zwar politisch zur Gemeinde Bad Heilbrunn, ihre Flächen befinden sich aber laut Liegenschaftskataster in der Gemarkung Oberbuchen. Ebenfalls betroffen sind Landwirte in Unterfischbach (Gemeinde Wackersberg), einzelne Betriebe im Raum Bad Tölz sowie Bauern in Manhartshofen (Gemeinde Dietramszell).

Betroffene Landwirt bekommen einen Cent weniger pro Liter Milch

„Die Situation sorgt für großen Frust“, sagt Peter Fichtner, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands aus Oberbuchen und selbst einer der Betroffenen. Die Gemarkung Oberbuchen hat durchschnittlich 640 Höhenmeter, Fichtners eigener Betrieb liegt auf 680 Metern. Das Problem: Einige Landwirte haben zwar Grundstücke mit der erforderlichen Höhenlage und Hangneigung, aber nicht in ein- und derselben Gemarkung. Somit gelten sie nicht mehr als Bergbauern.

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In der Folge verlieren diese Landwirte auch bei der Molkerei Berchtesgadener Land ihren Bergbauern-Status und bekommen für die Milch weniger Geld. Betroffen davon sind allein in Unterfischbach und Oberbuchen rund 40 Landwirte, so Fichtner. Sie bekommen pro Liter Milch jetzt einen Cent weniger. „Bei einer Jahresmilchleistung von 150.000 Kilogramm sind das 1500 Euro weniger, und das bei gleichbleibender Arbeit“, sagt Kreisbäuerin Ursula Fiechtner. Auch ihre Landwirtschaft ist betroffen. „Hochgerechnet auf zehn Jahre ist das eine neue landwirtschaftliche Maschine“, sagt Peter Fichtner.

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Von dem Verlust des Bergbauern-Status’ bei der Molkerei Berchtesgadener Land sind durch diese Neubewertung Landwirte am ganzen Alpenrand betroffen, sagt Fichtner. Die „Bergbauern-Milch“ ist bundesweit eine Premium-Marke im Lebensmittelbereich. Fichtner zufolge gehen der Molkerei jetzt etwa zehn Millionen Liter Milch, die bislang als Bergbauern-Milch deklariert werden konnte, pro Jahr verloren. Das entspricht laut Fichtner in etwa drei Prozent der Jahresmilchmenge der Molkerei. Diese Milch laufe jetzt in einer anderen Sparte, nämlich im Bereich Großabnehmer, erklärt Kreisbäuerin Uschi Fiechtner. „Unsere Milch ist nicht schlechter“, sagt Fiechtner. „Aber sie gilt halt nicht mehr als Bergbauern-Milch.“

Gemarkungen zu beurteilen, ist schwierig. Zumeist sind sie historisch gewachsen. „Insgesamt führt die Neubewertung dazu, dass beispielsweise intensiver Ackerlandbau auf über 700 Höhenmetern jetzt als Berggebiet gilt“, erklärt Fichtner kopfschüttelnd.

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Wenigstens spiele die Neuvermessung für die staatliche Förderung keine Rolle, denn: „Da gelten wir weiterhin als benachteiligtes Gebiet, und da ist der Fördersatz gleich hoch“, sagt der Kreisbauer. Eine Änderung der Gemarkungen hält Fichtner für ausgeschlossen: „Viel zu viel Aufwand und Kosten.“

Das Problem wurde vor Kurzem bei einer Versammlung der Heilbrunner CSU von Vorstand Josef Schwaller, selbst Landwirt in Untersteinbach, erstmals öffentlich angesprochen (wir berichteten). Zusammen mit dem Landtagsabgeordneten Martin Bachhuber zeigen sich die Heilbrunner kämpferisch. Bachhuber, einst dort Bürgermeister, kennt die Situation sehr genau. „Für die betroffenen Landwirte ist das tragisch“, sagt der Politiker. „Für diese Härtefälle müssen wir eine Lösung finden.“

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Bachhuber hat Kontakt zu Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber und will am 21. Mai mit der CSU-Europa-Abgeordneten Angelika Niebler sprechen, wenn diese auf Wahlkampftour in Bad Tölz ist. Bachhuber setzt zudem auf eine Petition der Landwirte, um eine Diskussion in der Öffentlichkeit in Gang zu setzen.

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