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Die ermordete Dienstmagd Maria Schwaighofer hat am 8. März 1899 auf dem Tölzer Friedhof bei der Franziskanerkirche ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Historisches Verbrechen

Grausamer Lustmord an einer Dienstmagd

Die Ermordung der Dienstmagd Maria Schwaighofer in Oberbuchen im Jahr 1899 gilt als besonders grausames Gewaltverbrechen. Heute ist es in Vergessenheit geraten.

Oberfischbach – War die manchmal zitierte „guade oide Zeit“ wirklich so gut? Wer in den Zeitungen aus jenen Jahren zum Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts blättert, wird schnell eines Anderen belehrt: Der Lebensalltag seinerzeit war karg und rau, die Justiz hatte alle Hände voll zu tun. So wie etwa bei der Klärung des besonders grausamen Gewaltverbrechens, dem am 5. März 1899 die Dienstmagd Maria Schwaighofer zum Opfer gefallen ist.

An jenem Tag abends gegen 20 Uhr, es war bereits dunkel und die Magd befand sich auf dem Rückweg von Tölz zu ihrem Dienstplatz beim „Bacher“ im Oberbuchener Ortsteil Linden, kam es zu dem verhängnisvollen Zusammentreffen mit ihrem Mörder. Die Tat erregte natürlich großes Aufsehen und Entsetzen in der Bevölkerung. Nachdem der Unhold aber gefasst und seiner Strafe zugeführt werden konnte, geriet der dramatische Vorfall allmählich in Vergessenheit. Heute weiß kaum mehr jemand davon – nicht einmal die Nachfahren aus dem engsten Familienkreis des Opfers.

Maria Schwaighofer ist erst 19, als sie auf ihren Mörder trifft

Was genau sich an jenem Abend und danach bis zur Überführung des Täters abspielte, darüber berichtete der Tölzer Kurier ebenso detailliert wie über die Verhandlung vor dem Schwurgericht des königlichen Landgerichts München I im Oktober selbigen Jahres.

An dieser Stelle zwischen dem im Oberfischbacher Ortsteil Glaswinkel und dem Weiler Allhofen ereignete sich das Verbrechen.

Maria Schwaighofer stammte aus Kiensee. In dem zu Heilbrunn gehörigen Weiler hatten sich ihre Eltern auf dem „Graber“-Anwesen eine Existenz geschaffen. Vater Jakob Schwaighofer – so ist es alten Dokumenten zu entnehmen – stammte aus dem „Schneggn“-Hof in Oberfischbach. Ihre Mutter Anna war eine geborene Waldherr aus dem „Kohlhauf“-Anwesen in der Stallau.

Maria wächst mit einer acht Jahre älteren Schwester auf. Wie seinerzeit üblich verdingt sie sich nach ihrer Schulzeit als Magd. Und sie ist gerade erst 19 Jahre alt, als sie an jenem 5. März abends auf dem Fußweg zwischen Glaswinkl und Dürrmühle (heute Weiglhof) auf Johann Kobler trifft. Der wiederum steht gerade als Knecht im Dienst beim „Glaswinkler“-Bauern Josef Heufelder und befindet sich in dieser unseligen Stunde ebenfalls auf dem Rückweg von Tölz zu seiner Arbeitsstelle.

Nach dem Lustmord an der Dienstmagd gerät zunächst der Falsche unter Verdacht

Warum und wie genau es zu dem „Lustmord“ kommt, erfährt man erst einige Wochen später. Denn nach dem Auffinden der schrecklich zugerichteten Leiche am Morgen des 6. März verdächtigt man zunächst den bei einem hiesigen Sägmühlbesitzer beschäftigten Taglöhner Mathias Duftner aus Hauserdörfl – dieser hatte ein Verhältnis mit Maria Schwaighofer, doch einem Gerücht zufolge soll sie diese Liebschaft beendet und sich damit seinen Groll zugezogen haben. Duftner wird verhaftet, aber aufgrund seines Alibis bald wieder auf freien Fuß gesetzt.

Die Danksagung der Familie, die seinerzeit im Tölzer Kurier erschienen ist.

Und nun gerät Kobler ins Visier der Ermittler. Es gibt Zeugen, die am besagten Abend ihn selbst und in einigem Abstand eine Frauensperson auf ihrem Heimweg gesehen haben. Man erinnert sich an sein merkwürdiges Benehmen beim Transport der Leiche, bei dem er und sein Dienstherr mithalfen. Man findet Fußspuren, die vom Tatort zum Glaswinkler-Anwesen führen. Und eine Haussuchung fördert mit frischem Blut befleckte Kleidungsstücke des Knechtes zutage, aus seiner Joppe ist ein Stück Stoff herausgerissen.

Fünf Tage nach der Tat wird Kobler verhaftet. Nach anfänglichem Leugnen gesteht er unter dem Druck der Beweise am 17. März die Tat. Erst am 30. März aber gibt er dann preis, dass er dem Mädchen einen unsittlichen Antrag gemacht habe, jedoch zurückgewiesen worden sei. Er habe dann mit Gewalt seinen Willen durchzusetzen versucht, doch habe Maria Schwaighofer energischen Widerstand geleistet. Nachdem er sie mit dem Griff seines Messers oder seinem Tabakglas niedergeschlagen hatte, habe er sich gedacht: „Jetzt musst du sie umbringen, sonst zeigt sie dich an.“

Täter sagt aus, er habe „betrunken und im Zorn“ gehandelt

Der damals 35-jährige Kobler, der in Stauern, Gemeinde Panzing (heute Gangkofen), Bezirksamt Eggenfelden, gebürtig war, ist den Gesetzeshütern kein Unbekannter. Er hat bereits ein Vorstrafenregister wegen Diebstahls, Unterschlagung, „schwerer Subordinationsverletzung“ sowie wegen „Verbrechen wider die Sittlichkeit“. Die grausame „Abschlachtung“ der Dienstmagd aber geht über jegliche Vorstellungskraft. „Betrunken und im Zorn“ habe er gehandelt, so seine Aussage.

Die Kleider des Mädchens waren zerfetzt und zerrissen. Das Gutachten beschreibt einen zuerst ausgeführten Stich in die rechte Herzkammer, der bereits tödlich gewesen sein soll. Ein weiterer Stich durchschnitt Kehlkopf und Speiseröhre bis zur Wirbelsäule und – damit noch nicht genug des Blutrausches – „war ihr der Bauch in einer Länge von 25 Zentimeter aufgeschlitzt, sodass die Gedärme herausgedrungen sind, von denen Kobler ein 162 Zentimeter langes Stück gewaltsam herausgerissen hat.“ Eine Vergewaltigung vor oder nach Zufügung der Verletzungen stellt die Sektion nicht fest.

„Das Urteil ließ den Angeklagten völlig ruhig und kalt“

Die veranlasste sechswöchige Beobachtung in der Kreisirrenanstalt kommt zu dem Ergebnis, dass der Täter geistig normal sei. Einige der insgesamt 36 befragten Zeugen schildern ihn als fleißig, aber jähzornig. Sein brutales Vorgehen erklärt man sich in Verbindung mit seiner großen Vorliebe „für vieles Lesen von Schauspielen, in denen Mord und Totschlag eine Hauptrolle spielen“. Nicht umsonst, so heißt es, sei Kobler hier auch unter dem Namen „Schauspieldirektor“ bekannt – er habe in früheren Jahren in Wackersberg Theatervorstellungen arrangiert.

Der Termin für ein Verhör am Tatort im Beisein des Untersuchungsrichters aus München ist zwar öffentlich nicht bekannt, doch irgendwie verbreitet sich die Kunde davon, und es sammeln sich an der Tölzer Isarbrücke viele Menschen, um den Delinquenten zu sehen. Die beiden Gendarmen, die Kobler mit sich führen, wollen einen Aufruhr vermeiden und nutzen deshalb auf dem Rückweg zum Amtsgerichtsgefängnis die Fähre bei Lebender’s Kaffeehaus (Isarlust).

Das Gericht verurteilt den Mörder schließlich „zum Tode, drei Jahren Zuchthaus und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebensdauer“. Der Tölzer Kurier schreibt dazu: „Das Urteil ließ den Angeklagten völlig ruhig und kalt.“

Todesstrafe wird nicht vollzogen

Es passt zu der mehr als makaberen Geschichte, dass schon bald darauf beim Glaswinkler-Bauern unverhofft ein kurzzeitiger Zellengenosse Koblers auftaucht und sich gegen Vorlage eines dubiosen Testaments als angeblich „auserwählter Erbe“ die wenigen Habseligkeiten des Inhaftierten aushändigen lässt. Bei der Überprüfung dieses zwielichtigen Auftritts bestätigt Kobler aber trotz vorliegender Widersprüchlichkeiten, seine Sachen dem ehemaligen Mithäftling überlassen zu wollen.

Die Todesstrafe wird letztlich nicht vollzogen, Kobler muss stattdessen lebenslänglich ins Zuchthaus. Maria Schwaighofer hat am 8. März 1899 auf dem Tölzer Friedhof bei der Franziskanerkirche ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Rosi Bauer

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