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Expertin für Transplantations-Nachsorge: Dr. Doris Gerbig bespricht mit einem Patienten die Ultraschall-Untersuchung der Niere.

Interview

Heilbrunner Expertin zum Thema Organspende: „Es mangelt an Motivation“

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Organspender sind schwer gefragt: Expertin Dr. Doris Gerbig von der Heilbrunner Fachklinik spricht über Schwachstellen in Krankenhäusern und belastende Gespräche mit Angehörigen.

Bad Tölz-Wolfratshausen– Die Zahl der Organspender ist in Deutschland auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gesunken. Gab es 2011 noch 1200 Spender, waren es im vergangenen Jahr nur noch 797. Haben die Menschen Angst vor der Organspende? Fürchten sich die Ärzte davor, mit Angehörigen der Verstorbenen über dieses Thema zu sprechen? Unsere Zeitung sprach darüber mit Dr. Doris Gerbig, Chefärztin und Expertin für Transplantationsnachsorge an der Fachklinik in Bad Heilbrunn.

-Frau Dr. Gerbig, mangelt es in der Bevölkerung an der Bereitschaft, Organe zu spenden?

Nein. Es gibt Befragungen der Krankenkassen, die zeigen: Die Zahl der Menschen, die Organe spenden wollen, hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Umfragen haben ergeben, dass etwa Dreiviertel der Bundesbürger bereit wären, Organe zu spenden.

-Warum sinkt die Zahl der Organspender seit einigen Jahren trotzdem kontinuierlich?

Ich denke, es gibt dafür mehrere Gründe. Der Hauptgrund ist aus meiner Sicht die Situation in unseren Entnahme-Krankenhäusern. Sie sind die Schlüsselstellen im Organspende-Prozess. Ein Verstorbener kann in Deutschland nur zur Organspende freigegeben werden, wenn er auf einer Intensivstation stirbt und wenn dort der irreversible Hirnfunktionsausfall festgestellt wird, den man früher Hirntod genannt hat. Dann kann man den nächsten Schritt gehen und sagen: „Ist das ein potenzieller Organspender?“ Es muss zur weiteren Klärung mit den Angehörigen gesprochen werden. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation muss benachrichtigt und der Organspendeprozess muss in die Wege geleitet werden. Das sind viele Aufgaben, die die Ärzte und das Pflegepersonal zusätzlich zu ihren normalen Aufgaben übernehmen müssen. Und hierfür haben wir auf den Intensivstationen oft nicht genug Kapazitäten. Teilweise fehlt auch eine eindeutig positive Haltung und Motivation zugunsten der Organspende.

-In Bayern wurde 2017 das Landesausführungsgesetz für Transplantations-Beauftragte verabschiedet. Damit soll das Transplantationsgesetz besser umgesetzt werden. Was hat dies bewirkt?

Sehr viel. In Bayern gibt es jetzt klare und verbindliche Regeln, die besagen, dass die Transplantations-Beauftragten in den Krankenhäusern von anderen Aufgaben freigestellt werden müssen. Das heißt: Es gibt dadurch mehr Personalreserven für den Organspendeprozess. Im Gegensatz zum Bundesdurchschnitt konnte Bayern die Anzahl der Organspenden um 18 Prozent in 2017 steigern.

-Welche Aufgaben hat dieser Transplantations-Beauftragte?

Er ist Ansprechpartner für die Klinikmitarbeiter in allen Fragen zum Thema Organspende und soll das Verständnis und die Motivation für die Gemeinschaftsaufgabe Organspende vertiefen. Er schult die Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit der DSO, er erstellt klinikinterne Leitlinien zum Ablauf der Organspende und ist auch der autorisierte Ansprechpartner für die DSO, wenn eine Spendermitteilung erfolgt ist.

-Haben Ärzte Angst, mit Angehörigen über Organspende zu reden?

Solche Gespräche zu führen, ist für alle Beteiligten belastend, aber eben wichtig und notwendig. Ich habe diese Gespräche auch schon geführt, als ich am Klinikum Großhadern gearbeitet habe. Man muss in diesem Gespräch auf der einen Seite sagen, dass der Lebenspartner, Sohn, die Tochter oder der nahe Angehörige verstorben ist. Im gleichen Gespräch oder vielleicht auch schon im Sterbeprozess muss man den Angehörigen fragen: „Sind Sie mit einer Organentnahme einverstanden? Hat sich der Verstorbene ihnen gegenüber geäußert, ob er Organe zur Organspende freigeben wollte?“

-Wie reagieren Angehörige auf diese Frage?

Ganz unterschiedlich. Es ist für sie sehr, sehr hart, in dieser schweren Stunde auch noch diese Entscheidung zu treffen, insbesondere wenn sie nicht wissen, wie der Wunsch des Verstorbenen gewesen wäre. Wenn man sich noch nie mit diesem Thema auseinandergesetzt hat, fühlen sich Angehörige überfordert und sagen dann eher nein.

-Welchen Rat geben Sie?

Wenn wir Informationsveranstaltungen zum Thema Organspende machen, raten wir immer: Sprecht mit euren Angehörigen, was ihr im Zeitpunkt eures Todes möchtet. Möchtet ihr, dass mit euren Organen anderen Menschen geholfen wird? Dass mehrere Menschen mit eurem Herz, eurer Leber, eurer Lunge und eurer Niere weiterleben können oder nicht? Und bitte dokumentiert euren Willen im Organspendeausweis. Dann müssen die Angehörigen diese Entscheidung zum Zeitpunkt des Todes nicht selber fällen, und das Thema Organspende verliert für die Angehörigen ein wenig seinen Schrecken. Die Angehörigen wissen dann, dass in dieser ganz schlimmen Situation noch einem letzten Wunsch des Verstorbenen nachgekommen werden kann.

-Wie viele Menschen haben einen Organspende-Ausweis?

So weit ich weiß, haben ihn 20 bis 30 Prozent aller Menschen immer ausgefüllt dabei.

-Wie viele Menschen mit einem eingepflanzten Organ haben Sie zur Reha in Bad Heilbrunn?

Sehr viele. Wir sind schon seit 18 Jahren eine spezialisierte Reha-Klinik für Nieren- und Leber- und Pankreastransplantierte Patienten. Wir rehabilitieren ca. 500 Patienten pro Jahr und sind damit mit Abstand die größte Nachsorge-Rehaklinik in Deutschland, was Transplantationen betrifft. Zu uns kommen frisch transplantierte Patienten, aber auch Transplantierte in der Langzeit-Nachsorge und Nierenlebendspender.

- Wie viele Menschen stehen derzeit auf der Organspende-Warteliste?

Etwa 10 000, darunter 8000 für Nieren-Transplantationen.

-Wie sieht es mit den Wartezeiten aus?

Die Wartezeit für eine postmortale Niere beträgt durchschnittlich sieben Jahre, aber auch bis zu zwölf Jahre.

-Schaffen denn alle Patienten die Wartezeit?

Die Überlebenschancen werden mit zunehmender Wartezeit kleiner. Wir kämpfen dafür, dass wir mehr Dialyse-Patienten hier im Rahmen der Reha betreuen können, um sie fit auf der Warteliste zu behalten. Mit zunehmender Dauer der Dialyse nehmen die Begleiterkrankungen deutlich zu, und es geht einem von Jahr zu Jahr schlechter. Irgendwann kommt unter Umständen der Zeitpunkt, dass gar nicht mehr transplantiert werden kann, weil die Begleiterkrankungen überhandnehmen und man die ganzen Nebenwirkungen der Anti-Abstoßungs-Therapie gar nicht mehr aushalten kann.

-Andere Patienten dürften noch schlechtere Perspektiven haben...

Stimmt. Patienten, die zum Beispiel leber-, lungen- oder herzkrank sind und auf ein Transplantat warten, haben ein der Dialyse vergleichbares Ersatzverfahren. Da ist die Sterberate auf der Warteliste deutlich höher.

-Wie wird festgelegt, wer ein Organ bekommt?

Das geht über den Eurotransplant-Verbund, dem acht europäische Länder angehören. Die Zentrale von Eurotransplant ist in Leiden in den Niederlanden. Die haben eine große Datenbank mit den potenziellen Transplantat-Empfängern. Es gibt ganz klare Kriterien für die Organvergabe. Bei der Niere ist es zum Beispiel die Zeit, wie lange man schon an der Dialyse ist. Pro Jahr Dialyse bekommt man so und so viele Punkte. Ein Kriterium ist es auch die Blutgruppe. Es gibt Blutgruppen, die kann man besser transplantieren, andere schlechter. Eine Rolle spielen auch das Alter und der aktuelle Gesundheitszustand. Patienten mit einer hohen Dringlichkeit werden schneller transplantiert. Eurotransplant kümmert sich auch um die Organisation, wie das Organ zum Empfänger kommt.

-Gibt es eine Altersgrenze für Organspender?

Eigentlich nicht. Wir hören bei unseren Fortbildungs-Veranstaltungen immer wieder die Aussage: „Ich bin 65, ich bin 75. Ich brauche keinen Organspender-Ausweis mehr auszufüllen, weil mein altes Zeug ja keiner mehr will.“

-Was antworten Sie?

Bitte auf alle Fälle den Organspende-Ausweis ausfüllen. Zum Zeitpunkt X, wenn der Patient auf der Intensivstation verstorben ist und eine Organspende stattfinden soll, wird jedes Organ genau untersucht, ob man es noch sinnvoll transplantieren kann – oder nicht. Es wird nicht kritiklos alles transplantiert, was geht.

-Lohnt es sich für die Kliniken finanziell, eine Organentnahme durchzuführen?

Damit treffen Sie einen ganz wunden Punkt. Das Intensivbett mit Beatmungsmaschinen ist von einem Verstorbenen über einige Stunden oder auch ein bis zwei Tage belegt, bis geklärt ist, wie das mit der Organspende abläuft. Dann muss für die Organentnahme ein Operationssaal und Personal bereitgestellt werden. Das ist durchaus ein Problem, weil man in dieser Zeit auch andere Operationen durchführen könnte. Eine Organentnahme ist meines Wissens aber keinesfalls kostendeckend.

-Wäre es sinnvoll, dass die Krankenhäuser für die Organentnahme mehr Geld bekommen?

Man muss die Kosten abbilden, die das Krankenhaus definitiv hat, aber es darf natürlich für das Krankenhaus aus ethischen Gründen kein Gewinn dabei rauskommen.

-Wie ist der Ablauf bei solch einer Organ-Entnahme?

Es wird festgelegt, welches Organ-Entnahmeteam kommt. Es kommen immer Kollegen von Transplantationszentren, die auf die Organentnahme spezialisiert sind. Die arbeiten mit dem Personal in dem jeweiligen Entnahme-Krankenhaus zusammen. Dieses Personal muss vom Entnahme-Krankenhaus vorgehalten werden, genauso wie das Intensiv-Bett und der Operationssaal.

-Es gibt Menschen, die fürchten, dass sie während der Organentnahme Schmerzen haben könnten. Ihre Meinung dazu?

Das ist eine ganz furchtbare Diskussion, die keinerlei wissenschaftliche Grundlage hat. Es ist klar belegt: Wenn das Hirn nicht mehr durchblutet, also die Hirnfunktion irreversibel ausgefallen ist, dann gibt es nach wissenschaftlichen Erkenntnissen kein Leben mehr und auch keine Möglichkeit mehr, ins Leben zurückzukommen. Wer sagt, dass man als Organspender Schmerzen hat, negiert die Tatsache, dass man dann bereits tot ist.

-In anderen Ländern gibt es die Regelung, dass man aktiv einer Organentnahme widersprechen muss. Was halten Sie davon?

Das ist für die Organspendezahlen sicher förderlich. Ich wäre dafür, dass man sich zu Lebzeiten ganz klar mal Gedanken machen muss. Wenn man keine Organspende möchte, muss man das ganz klar fixieren. So ist es zum Beispiel in Österreich und in vielen anderen Ländern. Bei uns ist es anders herum: Wir müssen zu Lebzeiten ganz klar Ja gesagt haben.

-Ihnen würde die österreichische Regelung also ganz gut gefallen?

Für die Patienten, die auf Organe warten, ist die Widerspruchslösung besser, weil man da automatisch mehr Organspender hat. Es ist in den vergangenen Jahren immer wieder diskutiert worden, ob diese Widerspruchs-Lösung in Deutschland möglich ist. Nach meinen Informationen werden wir die Widerspruchslösung – auch aus historischen Gründen – in Deutschland nicht durchbekommen.

-Welche Lösung schlagen Sie stattdessen vor?

Ich bin für einen hohen Informationsstand. Das Thema Organspende sollte in der breiten Bevölkerung diskutiert werden, jeder sollte sich informieren und sich für oder gegen Organspende entscheiden, und man sollte in den Entnahmekrankenhäusern eine positive Haltung und Motivation zugunsten der Organspende auf allen Ebenen fördern.

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