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Startklar, um die Kunden wieder im Gewächshaus zu begrüßen, sind (v. li.) Tom Braun, Michael Holzmann, Birgit Mayr, Martin Angerer, Angela Cistelecan und Tobias Hartfelder von der Gärtnereiengemeinschaft Hofgut Letten.  Hilfe wäre sofortnötig gewesen – istaber noch nicht da

Einzelhandel

Geschäfte dürfen wieder öffnen - doch die Vorfreude der Inhaber bleibt gedämpft

  • Andreas Steppan
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Die Ladeninhaber im Tölzer Land fiebern dem Tag entgegen, an dem sie wieder öffnen dürfen. Doch unbeschwerter Enthusiasmus mag sich noch nicht einstellen.

Bad Tölz-WolfratshausenBei „Garten Holzmann“ in Bad Heilbrunn laufen die Vorbereitungen auf den großen Tag auf Hochtouren. Alle Mitarbeiter, die sich in Kurzarbeit befinden, hat Inhaber Jürgen Kling gestern angerufen, dass sie wieder anfangen können. Gärtnereien gehören zu den ersten Verkaufsgeschäften, die nach der Corona-Zwangspause wieder aufmachen dürfen. Zuletzt hatte Kling gemeinsam mit Aushilfen und der Auszubildenden die Gärtnerei soweit über Wasser gehalten, „dass wir am Tag X wieder anfangen können“, sagt er. „Den Blumen kann man ja nicht sagen: ,Jetzt ist Corona, jetzt bekommt Ihr kein Wasser mehr.‘“

Mit einem kontaktlosen Verkauf im Freien mit Kasse auf Vertrauensbasis und einem Lieferservice sei der Betrieb zuletzt auf Sparflamme weitergelaufen, sagt Kling. Aber im extrem wichtigen Ostergeschäft habe man auf diese Weise nur etwa zehn Prozent der Umsätze generiert. Jetzt hofft Kling auf die Sommersaison. Viele Kunden hätten schon nach Geranien gefragt, und für die Menschen sei es in Zeiten von Kurzarbeit und Ausgangsbeschränkungen ja auch sehr wichtig, sich zumindest im heimischen Garten betätigen zu können. Sich und sein Team hat Kling unter anderem mit Plexiglas-Visieren ausgestattet. „Das sieht zwar etwas futuristisch aus, schützt aber die Kunden und Mitarbeiter sehr gut.“

Zeitverzögerung der Ladenöffnung in Bayern „ist verheerend“

Über die Rückkehr zu einem Stück Normalität freut sich auch Birgit Mayr vom Betrieb „Alpenbioblume“, der zusammen mit den Gemüsegärtnern von Tom Braun und Michael Holzmann die Gärtnereigemeinschaft Hofgut Letten bildet. „Weil unser Sortiment zu 60 bis 70 Prozent aus Jungpflanzen besteht, durften wir zuletzt einen Freiverkauf mit Selbstbedienung führen und haben auch übers Internet und per Lieferservice verkauft“, sagt Mayr. „Das haben die Kunden gut angenommen.“ Dennoch seien die vergangenen Wochen eine Gratwanderung und für die Mitarbeiter mit viel Mehrarbeit verbunden gewesen. Daher herrsche jetzt Vorfreude auf den Montag.

Noch eine Woche länger gedulden müssen sich andere Geschäfte – und darüber ist Renée Obermeir entsetzt. Sie führt an der Tölzer Marktstraße das Kindermodengeschäft „Blue Flamingo“. Eigentlich wollte sie am 1. April nebenan, in den ehemaligen Räumen der „Tölzer Trachtenstube“, ein weiteres Geschäft eröffnen, mit Geschenkartikeln, Wohnaccesoires, Damen- und Herrenmode. Obermeier hat viel in den Umbau investiert. Dass Bayern die Ladenöffnung erst ab 27. April erlaubt, sei „viel zu spät“, findet sie . Die Woche Verzögerung gegenüber anderen Bundesländern sei „verheerend“.

Abwarten, ob sich in der Tölzer Marktstraße wieder die übliche Frequenz einstellt

Sie verstehe nicht, „dass Baumärkte angeblich startklar sein sollen, aber wir nicht“. Sie selbst sei „seit Wochen vorbereitet“, um die nötigen Schutzmaßnahmen vorzuhalten, habe schon vor Corona penibel alles desinfiziert und längst geplant, Sonderöffnungszeiten für Angehörige der Risikogruppen anzubieten. „Alle gehen immer davon aus, dass es für die Geschäfte schon irgendwie gehen wird. Aber der Schaden für mich wird sechsstellig, und das kann mir keiner wiedergeben.“

Auch Nikolaus Hauser, Juniorchef von „Männermoden Hauser“ in Bad Tölz, klingt nicht ganz sorgenfrei, wenn er sagt: „Wir sind sehr froh, dass wir wieder aufsperren können.“ Es bleibe abzuwarten, ob sich in der Fußgängerzone wieder die übliche Frequenz einstellt, solange die Gastronomiebetriebe geschlossen haben. Und die Verluste der vergangenen Wochen seien nicht aufzuholen. „Die Osterzeit ist im Jahr das zweit- oder drittwichtigste Geschäft nach Weihnachten“, erklärt er.

Kaufhaus Rid verspricht schönes und hygienisches Einkaufserlebnis 

Auf die Wiedereröffnung mit umfassendem Hygienekonzept bereitet sich auch das Kaufhaus Rid vor – und Geschäftsführer Florian Lipp verspricht als Resultat ein „schönes Einkaufserlebnis“. Er räumt ein: „Wir hätten natürlich gern früher wiedereröffnet. Aber die eine Woche kriegen wir auch noch rum.“

Manuela Schlosser, Inhaberin von „Sport Sepp“ in Lenggries, übt sich ebenfalls in Geduld. „Es ist nun mal eine außergewöhnliche Situation, da muss man Verständnis haben“, sagt sie. Dem 27. April blickt sie mit großer Vorfreude entgegen, die Vorbereitungen sind in vollem Gange. „Meine Mama näht Mundschutz für unsere Mitarbeiter, und beim Glaser haben wir eine Spuckschutz für den Kassenbereich bestellt.“ Genügend Desinfektionsmittel habe „Sport Sepp“ schon seit Anfang März vorrätig.

Hilfe wäre sofort nötig gewesen – ist aber noch nicht da

Kritik übt Manuela Schlosser allerdings daran, dass die staatliche Soforthilfe noch nicht eingetroffen sei. „Man kann eben nicht alle Ausgaben schieben oder stoppen“, sagt sie. Die Hilfe sei ihrem Namen entsprechend tatsächlich sofort nötig gewesen. Für die Solidarität der Kunden, die Gutscheine kauften oder online und am Telefon bestellten, sei sie zwar „sehr dankbar“.

Bei Markus Teltscher, Inhaber des Tölzer Telefonladens Teleprofi hingegen ist die Soforthilfe bereits eingegangen. Auch dank eines Mietnachlasses und der Treue vieler Kunden sei er „irgendwie über die Runden gekommen“, sagt er. Dass der 27. April für seinen Betrieb nun die große Wende zum Guten bringt, daran hegt Teltscher noch Zweifel. „Ich habe gute Freunde in Tirol, die sagen, es bringt ihnen gar nichts. Die Ausgangsbeschränkungen gelten ja weiter. Sie stehen in einem leeren Laden in einer leeren Innenstadt – und die Betriebskosten laufen voll weiter.“

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