+
Hans Falter auf seinem Hof in Unterleiten.

Ein Jahr nach dem Ende der Quote

„In der Milch ersoffen“

  • schließen

Bad Tölz-Wolfratshausen - Viele Sorgen waren vor einem Jahr mit dem Wegfall der Milchquote verbunden. Seither ist eingetreten, was Pessimisten vorhergesagt hatten: Der Milchpreis ist auf Talfahrt. Die Produzenten im Landkreis sind sich einig, dass zu viel Milch auf dem Markt ist. Doch wie sich das ändern lässt, weiß keiner so recht.

„Es ist eins zu eins so gekommen, wie wir es vorausgesagt haben.“ So lautet das Resümee des Kreisvorsitzenden des Bunds Deutscher Milchviehhalter (BDM), Hans Falter, nach einem Jahr ohne Milchquote. Schon nach einer kurzen Übergangsphase habe es in den meisten Betrieben in Sachen Milchproduktion geheißen: „Jetzt geben wir Gas.“ Einige Bauern hätten „drauflosproduziert wie die Geisteskranken“.

In diesem Fall freut sich Falter nicht, Recht behalten zu haben – im Gegenteil. „Auf dem Markt haben wir jetzt eine Schieflage von A bis Z, ich bin stocksauer.“ Zu viele seiner Berufskollegen hätten blind auf diejenigen gehört, die sagten: „Der Weltmarkt braucht Eure Milch, nur her damit.“ Das habe sich aber nicht bestätigt. Erklärungen, das liege an der Krise in China und dem russischen Wirtschaftsembargo, das sind für Falter bloß „Phrasen“. Aus seiner Sicht ging die Rechnung von Haus aus nicht auf.

Unter den Bauern sei es angesichts des Preisverfalls längst „kein Tabu mehr zu sagen, dass zu viel Milch auf dem Markt ist“, sagt Falter. Helfen könnte aus seiner Sicht eine europaweit für jeden Betrieb verbindliche Drosselung der Produktion – um zirka 0,5 bis 1 Prozent und zeitlich befristet. „Wenn sich der Markt konsolidiert hat, erlischt es wieder“, so die Vorstellung des Bauern aus Unterleiten (Gemeinde Dietramszell). Das wäre so etwas wie eine Quote – nur dass es Falter nicht so nennen will. „Dieses Wort ist verschlissen, es ist zu negativ besetzt.“

Dass zu viel Milch auf dem Markt ist, „das muss man ohne Wenn und Aber zugeben“, konstatiert auch Peter Fichtner, Kreisobmann beim Bayerischen Bauernverband (BBV). Und er sagt: „Im Nachhinein muss man womöglich sagen: Ja, die Abschaffung der Milchquote war ein Fehler.“ Hinterher sei man immer klüger. Doch der Markt sei komplex, und den Wegfall der Milchquote sieht Fichtner als nur einen von vielen weltwirtschaftlichen Gründen für den Verfall des Milchpreises. Fichtner gibt aber auch zu: „Die ganzen Experten haben möglicherweise unterschätzt, welches Reservepotenzial in den Betrieben verborgen liegt.“

Einen einfachen Ausweg aus der Milchkrise sieht Fichtner derzeit nicht. Mit der Forderung nach einer Reduzierung der Milchmenge habe der BDM „nicht Unrecht“. „Aber das muss man auch zu Ende denken, mit allen Konsequenzen“, fügt der Heilbrunner hinzu. Vor allem aber fragt er sich, wer so eine verbindliche Regelung durchsetzen sollte: Die Bauern selbst würden sich bestimmt nicht untereinander einig. „Und die Politik hat daran null Interesse, denn sie wünscht sich billige Lebensmittel.“ Und die meisten Verbraucher seien wohl nicht bereit, mehr auszugeben, um einen fairen Milchpreis zu ermöglichen.

Lediglich auf regionaler Ebene scheint eine Produktionsdrosselung ansatzweise zu funktionieren: Die Molkerei Berchtesgadener Land rief ihre Lieferanten dazu auf, die Produktion zurückzufahren. „Die sind auch in Milch ersoffen“, sagt Fichtner. „Offenbar hat der Aufruf Früchte getragen, die Menge ist etwas zurückgegangen.“ Doch die Pidinger Molkerei ist ohnehin eine große Ausnahme auf dem Markt. Sie hat es geschafft, sich mit ihrer „Bergbauernmilch“ vom Markt abzukoppeln und bietet ihren Lieferanten noch immer einen zwar sinkenden, aber mit rund 35 Cent noch relativ guten Preis. Fichtner gibt sich aber keinen Illusionen hin: Andere Molkereien hätten kein wirtschaftliches Interesse daran, den Bauern weniger Milch abzunehmen – denn damit würden sie nur ihr eigenes Geschäft schmälern.

Nur am Rande wahrgenommen wird in der Diskussion der Ansatz des Vereins der „Fairen Milchlieferanten“. Der Gaißacher Andreas Dachs ist nach eigenem Wissen das einzige Mitglied im weiteren Umkreis, nur in Piesenkam ist ihm ein Mitstreiter bekannt. Die „Fairen Milchlieferanten“ beschränken ihre Produktionsmenge freiwillig, was eine Plakette am Hof kundtut. Dachs: „Wenn ich mich selbst an eine Quote halte, dann kann ich es auch von anderen verlangen.“ Wie Fichtner baut auch Dachs weder auf Staat noch EU. „Das müssen die Marktteilnehmer selbst regeln.“ Deswegen schlagen die „Fairen Lieferanten“ eine sogenannte B-Quote vor: Der Molkereien sollen den Preis für jeden Liter Milch, der über eine bestimmte Menge hinaus geht, drastisch reduzieren. Der Appell zur Selbstbegrenzung findet aber nicht viel Widerhall.

So befürchten die Milchbauern, dass die Preisspirale sich weiter nach unten bewegt. Das frische Gras, das jetzt im Frühling sprießt, gibt nahrhaftes Futter ab – und die Kühe geben noch mehr Milch.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Hans Söllner in Tölz: Weltfrieden und ein Jahr ohne Hendl
Der Liedermacher Hans Söllner war in Bad Tölz und hatte einiges zu sagen. Und er hatte eine einfache, klare Botschaft.
Hans Söllner in Tölz: Weltfrieden und ein Jahr ohne Hendl
Termine des Tages: Das steht an am Donnerstag
Termine des Tages: Das steht an am Donnerstag
Gemeinderat Benediktbeuern sagt einstimmig Ja zum geplanten Fraunhofer-Tagungshaus
Gemeinderat Benediktbeuern sagt einstimmig Ja zum geplanten Fraunhofer-Tagungshaus
Isar erreicht in Lenggries erste Meldestufe
Isar erreicht in Lenggries erste Meldestufe

Kommentare