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Die Begegnung mit einer Kuh kann durchaus Respekt einflößend sein.

Regeln für Wanderer

Nach Klagen gegen Almbauern: Schilder warnen Wanderer vor Kühen auf der Weide

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„Achtung Weidetiere – Bitte Abstand halten!“ Diese Warnung, die man seit heuer vielerorts in den Bergen sieht, hat einen guten Grund.

Bad Tölz-Wolfratshausen– Wer dieser Tage in den Bergen unterwegs ist, dem werden vielerorts die grünen Schilder auffallen: „Achtung Weidetiere – Bitte Abstand halten!“ Die Warnung hat einen guten Grund. Denn immer wieder kommt es vor, dass Weidekühe Wanderer angreifen – was für den Betroffenen höchst gefährlich und für den Tierhalter extrem teuer werden kann.

Aktuell sorgt das Thema wieder für Diskussionen: Das Oberlandesgericht in Innsbruck hat kürzlich ein Urteil gegen einen Tiroler Bauern aufgehoben. Auf seiner Weide hatte eine Kuh eine Wanderin (45) zu Tode getrampelt. Der Landwirt wurde in erster Instanz verurteilt, den Hinterbliebenen 180 000 Euro sowie eine monatliche Rente von 1500 Euro zu bezahlen. Das Oberlandesgericht sah nun eine Teilschuld bei der Wanderin, weil sie ein Warnschild ignoriert und mit ihrem Hund über die Weide gegangen war.

Auf den Almen weisen Bauern mit Schildern auf Verhaltensregeln für Wanderer hin, wenn sie eine Weidefläche überqueren. 

Auch wenn der Landwirt jetzt nur noch etwa halb so viel zahlen muss: „Wenn man diese Summen aus einem landwirtschaftlichen Betrieb heraus stemmen muss, ist das fatal“, kommentiert Georg Mair aus Gaißach, Vorsitzender des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern (AVO), das Urteil. Es sei „sicher ein positiver Ansatz“, die Verantwortung der Wanderin stärker zu gewichten. „Aber das Urteil ist nach wie vor besorgniserregend“, sagt Mair – gerade in einer Zeit, „in der generell die Mentalität herrscht, dass man schaut, wie man jemanden belangen kann“.

Begegnung zwischen Wanderern und Kuhherden: Schilder warnen

Die Sorge, dass der Tiroler Fall „Trittbrettfahrer“ auf den Plan rufen könnte, sind bei den Almbauern durchaus vorhanden. Auch weil im Frühjahr bekannt wurde, dass eine Schlierseerin (74) nach einer Kuhattacke auf der Gindelalm (Kreis Miesbach) Schadenersatz von einer Almbäuerin fordert.

Um Unfällen vorzubeugen, haben der AVO, der Bayerische Bauernverband (BBV) und Tölzer Land Tourismus gemeinsam eine Sammelbestellung von Warnschildern initiiert. Als wichtigste Verhaltensregel wird hier aufgeführt: „Hunde unbedingt an der Leine führen und bei Gefahr loslassen!“

Auch der Lenggrieser Josef Heiß, der im Sommer Vieh im Bereich Lärchkogel/Bächental stehen hat, hat solche Schilder aufgestellt. Er weiß: „Rinder gehen vor allem auf Hunde los. Es ist ein häufiger Fehler, dass die Hunde dann zum Menschen hingezogen werden.“ Doch damit gerate nur zusätzlich der Hundehalter in Gefahr. Lasse man aber den Hund laufen, dann passiere in der Regel nichts. „Der Hund ist schneller und wendiger als das Rind.“

Almbauer: Wer eine Kuhweide überquert, hat Eigenverantwortung

Heiß sieht eine „Eigenverantwortung“ bei demjenigen, der über eine Kuhweide geht. In der Praxis laufen die Begegnungen zwischen Wanderern und Almvieh in aller Regel aber ohnehin konfliktfrei ab, so seine Beobachtung. „Natürlich gibt es immer solche und solche – aber die Masse der Wanderer ist in Ordnung“, meint Heiß . Auch Peter Fichtner, Kreisobmann des BBV, sagt, dass an ihn noch keine Klagen über kritische Situationen herangetragen worden seien. „Ich bin überzeugt, dass der allergrößte Teil der Wanderer vernünftig ist – es sind halt immer die Unvernünftigen, die auffallen“, so der Heilbrunner.

Als plötzlich ein Mountainbiker mitten auf der Jungviehweide stand

Er selbst habe etwa vor Jahren erlebt, wie auf seiner heimischen Jungviehweide plötzlich ein querfeldein fahrender Mountainbiker auftauchte. „Er hat gesagt, dass er sich verfahren hatte – aber um an diese Stelle zu kommen, musste er über mehrere Stacheldrahtzäune drübergekraxelt sein.“ Fichtner erzählt, dass er dem Mountainbiker gesagt habe: „Morgen kommt der Stier auf die Weide – und der versteht keinen Spaß.“ Er hab da „bewusst ein bisserl übertrieben“, räumt Fichtner mit einem Schmunzeln ein. Aber wenn eine Kuh mit Kalb auf der Weide stehe, das vielleicht einmal unbemerkt zur Welt gekommen sein könnte, „dann sieht sie die Sache nicht so entspannt“.

Lesen Sie auch: Kühe auf der Weide: So verhalten sich Wanderer richtig

Auch auf der Alm könne es in Zukunft häufiger vorkommen, dass man zur Verteidigung bereite Mutterkühe antreffe, gibt Georg Mair vom AVO zu bedenken. In Oberbayern weideten zwar bislang selten Mutterkühe auf der Alm, in Österreich und der Schweiz aber schon häufiger. „Und auch bei uns wird es mehr werden, weil immer mehr kleinere Betriebe auf Mutterkuhhaltung umstellen.“

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Letztlich will aber auch Mair keinen Konflikt auf der Alm heraufbeschwören. „Es müsste doch reichen, an die Vernunft zu appellieren und auf Aufklärung zu setzen“, hofft er. In zusätzlichen Absperrungen sieht er nicht die Lösung: „Es gibt doch sowieso schon so viele Zäune.“ Auch wollten die Almbauern niemanden ausgrenzen. „Die Almen, die bewirtschaftet sind, profitieren ja auch von den Wanderern und vom guten Miteinander.“

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