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Hier gehen die Notrufe ein: Die Integrierte Rettungsleitstelle.

Erste Hilfe

Notfall im Funkloch: „Man ist hilflos“

Bad Heilbrunn – Es ist eine Lage wie im Albtraum: Man will übers Handy einen Notruf absetzen – doch man hat keinen Empfang, kommt einfach nicht durch. Das erlebte eine Autofahrerin in Bad Heilbrunn. Sie wollte helfen, konnte aber nicht.

Veronika Stangl war an einem Montagmorgen auf dem Weg von Weilheim in Richtung Tegernsee, als sie im Vorbeifahren aus dem Augenwinkel etwas Ungewöhnliches wahrnahm. Neben der B 472, auf Höhe des Bad Heilbrunner Blumenfelds, stürzte ein Mensch vornüber in den Schnee. „Erst dachte ich, das wäre ein Kind, das im Schnee spielt“, sagt die 30-Jährige. „Dann kam es mir doch komisch vor. Ich habe umgedreht und bin rechts rangefahren. Da sah ich, dass ein Mann mit dem Gesicht im Tiefschnee lag.“ Zunächst versuchte die Kreutherin, den Fremden umzudrehen. „Aber er war zu schwer.“ Gleichzeitig wählte Stangl auf ihrem Handy die 112. Doch sie hörte weder ein Freizeichen noch eine Stimme.

Veronika Stangl versuchte wild fuchtelnd, andere Autofahrer herbeizuwinken. Nach einer Weile hielten einige an. „Ein Mann hat ebenfalls versucht, den Notruf zu wählen, ist aber auch nicht durchgekommen“, schildert Stangl. Der Mann ging zu den nächstgelegenen Häusern, klingelte an einer Tür, um ein Festnetztelefon zu benutzen, aber keiner öffnete. Dort, ein paar Schritte weiter, hatte er aber offenbar wieder Handyempfang. Gleichzeitig klingelte Veronika Stangls Handy. Es war ein Mitarbeiter der Rettungsleitstelle, der feststellte, dass sie immer wieder den Notruf gewählt und sich nicht gemeldet hatte – warum sie denn die Leitung blockiere. So konnten sowohl Stangl als auch der andere Helfer den Fall schildern, ein Notarzt war bald vor Ort. Was dem Patienten fehlte, weiß Stangl nicht. „Es könnte ein Krampfanfall gewesen sein. Er hat sich selbst wieder aufgesetzt.“

Trotz des guten Endes: Das Erlebnis steckt der 30-Jährigen noch in den Knochen. „Ich habe mich in der Situation extrem hilflos gefühlt“, sagt sie. „Selbst helfen konnte ich nicht, und Hilfe zu holen, war auch nicht möglich.“ Sie musste fürchten, dass es wertvolle Minuten waren, die da verloren gingen.

Dass es mitten in Bad Heilbrunn solche Netzprobleme gegeben haben soll, hält Helmut Ochs, Chef der Integrierten Leitstelle (ILS) Oberland in Weilheim, für „verwunderlich“. Zurückgerufen habe die ILS wahrscheinlich deswegen, weil man von „Hosentaschenanrufen“ ausging – also versehentlich abgesetzte Anrufe, weil die Tastensperre die Notruffunktion nicht blockiert.

Laut Ochs’ Stellvertreter Christoph Fischer gibt es im Landkreis zwar generell eine „sehr gute Abdeckung“ beim Handynetz. „Man kann nicht davon sprechen, dass es ein regelrechtes Problem damit gibt, Notrufe abzusetzen. Bei uns gehen auch Notrufe aus den tiefsten Wäldern und den entlegensten Tälern ein.“ Trotzdem könne es Situationen geben, in denen Menschen in Not keinen Handyempfang haben, etwa in Schluchten oder Talkesseln, aber auch mal in einer Tiefgarage. Der einzige kritische Bereich im Landkreis liege diesbezüglich hinter Fall und Hinterriß, sagt Christoph Brenninger, Bereitschaftsleiter der Lenggrieser Bergwacht.

Fischer macht darauf aufmerksam, dass es auch vorübergehende technische Störfaktoren geben kann. „Das Funknetz ist sensibel. Eine bestimmte Wetterlage, ein in der Nähe ausgesandtes starkes Signal oder Reparaturarbeiten an einem Mast können Gründe sein, warum das Netz nicht an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr zur Verfügung steht.“

Falls der Notruf nicht über das Netz des eigenen Anbieters – etwa Telekom oder Vodafone – funktioniert, suche das Telefon generell Signale eines anderen Netzes. „In diesem Fall ist aber das Problem, dass wir die Leute nicht zurückrufen können, um zum Beispiel nach dem genauen Standort zu fragen“, sagt Brenninger.

Fischers Rat für den Fall, dass gar nichts geht: „Ruhig bleiben.“ Wenn möglich, solle man ein paar Meter weiterlaufen und prüfen, ob es dort ein Netz gibt. Auch andere Passanten zu bitten, es mit ihrem Handy zu versuchen, oder an der nächsten Haustür zu klingeln und dort den Festnetzanschluss zu nutzen, seien – sofern umsetzbar – gute Lösungen.

Andreas Steppan

Die Nummern für den Notfall

 
  • Die Notrufnummer 112 „Die 112 sollte man immer dann wählen, wenn man der Meinung ist, es liegt ein schwerwiegendes Problem vor“, erklärt Christoph Fischer, stellvertretender Leiter der Integrierten Leitstelle Weilheim – „ob nun der Mülleimer brennt, jemand einen Herzinfarkt hat, in den Bergen abgestürzt ist oder zu ertrinken droht“, nennt er einige Beispiele. Freilich solle man die 112 nicht „einfach so“ wählen. Man müsse sich bewusst sein: „Ein Notruf bedeutet: Ich bin in Not.“ Fischer empfiehlt aber, die 112 auch zu wählen, wenn man sich unsicher ist. 
  • Der Polizeinotruf 110 Hier ist man richtig, wenn weder Rettungsdienst  noch Feuerwehr oder Bergwacht gefragt sind, sondern es um „polizeiliche Gefahrenabwehr“ geht, so Fischer. 
  • Der ärztliche Bereitschaftsdienst: 116 117 Laut Fischer ist das die richtige Nummer in Fällen, in denen man zu gewöhnlichen Praxis-Öffnungszeiten mit einem medizinischen Problem zum Hausarzt gehen würde. 
  •  Der Giftnotruf 089/1 92 40 Unter dieser Nummer erhalten Anrufer rund um die Uhr Auskünfte von der toxikologischen Abteilung des Krankenhauses Rechts der Isar. Im Zweifelsfall – etwa wenn ein Kind etwas aus einer Flasche getrunken hat, von dem man nicht weiß, wie gefährlich es ist – rät Fischer aber zur 112.

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