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Sepp Holzer (77) bewirtschaftet den Krameter-Bergbauernhof im Salzburger Land und hat sich in den vergangenen Jahren mit seiner sehr erfolgreichen naturnahen Bewirtschaftungsweise im In- und Ausland einen Namen gemacht. Für die Stiftung Nantesbuch hat er in Bad Heilbrunn eine ehemalige Pferdekoppel in ein blühendes Gartenparadies verwandelt. 

Zusammen mit Sepp Holzer

Permakultur in Nantesbuch: Mit Unordnung zum Erfolg

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Büsche voller leuchtender Blumen, große Früchte, eine reichhaltige Ernte. Und das alles auf einem Areal, das vor einem Jahr noch eine Pferdekoppel war. 

Bad Heilbrunn– Es mutet tatsächlich an wie ein Paradies, wenn man ein Stück Land hinter dem Wirtschaftshof der Stiftung Nantesbuch in Bad Heilbrunn betritt.Allerdings wie ein Paradies, in dem ziemliche Unordnung herrscht, wenn man das Prinzip der naturnahen Wirtschaftsweise von Sepp Holzer nicht kennt. Da stehen Kartoffeln, Tomaten, Eberraute, Kürbisse, Johanniskraut, Erdbeeren, Radieserl und Ringelblumen munter durchmischt Seit’ an Seit’. Daneben gedeihen Himbeeren, Wirsing, Stachelbeeren, Topinambur und Artischocken. Dazwischen stehen junge Apfel-, Zwetschgen und Birnenbäume. Eine Zucchinipflanze mit einer Frucht so dick wie ein Oberarm gesellt sich zu Brombeeren, Brennnesseln, Johanniskraut und Rosenkohl, dazwischen leuchten die Blüten von Cosmea („Schmuckkörbchen“). Auch Amaranth, Schwarzwurzel und Haferwurz wachsen kräftig.

Am Boden wächst an verschiedenen Stellen Salat. Dicke, fette Schnecken laben sich daran. Spätestens jetzt stehen vielen Gartenbesitzern die Haare zu Berge. Unwillkürlich will man zur Ordnung schreiten, zumindest die Schnecken zerschneiden. Nicht so Sepp Holzer. „Des passt schon“, sagt er mit seinem Salzburger Dialekt und wendet den Schnecken keine weitere Sekunde Aufmerksamkeit zu.

Wenn der 77-jährige Landwirt vom Krameterhof im Salzburger Land das Prinzip seiner Permakultur erklärt, ist er nicht mehr zu bremsen. Temperamentvoll schwingt er die Arme und erklärt mit weit ausladenden Gesten, wie es gelingen kann, im Laufe von nur wenigen Monaten das mehr oder weniger brach liegende Areal in Nantesbuch in ein blühendes Paradies zu verwandeln. Im Oktober und November 2018 wurde es angelegt, im April war Aussaat. Für beides hat Holzer Ratschläge gegeben. Nun steht er in diesem Schlaraffenland und wundert sich eigentlich nur darüber, wie sich alle anderen wundern. Seit Tagen wird nämlich geerntet.

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„Wir haben uns hier den schwierigsten Bereich zur Bearbeitung ausgesucht“, sagt Holzer. Es war eine Pferdekoppel mit verdichtetem, harten Lehmboden und leichter Hanglage. „Als erstes haben wir Terrassen angelegt, um die Fläche leichter zu bewirtschaften“, erklärt Holzer seine Vorgehensweise. Warum Terrassen? Aus zwei Gründen: Zum einen solle man auch mit Arbeitsgeräten wie Schubkarren oder Traktor durchfahren können, zum anderen speichern die Terrassen das Wasser. „Es sickert ein, und der Boden trocknet nicht aus.“

Dann wurden vielfach längliche Hügelbeete angelegt. Insgesamt, sagt Holzer, solle „der Garten einem entgegenwachsen“. Das gelte sowohl für die Anlage selbst als auch für die Art und Weise der Bewirtschaftung. Vereinfacht gesagt, wachsen zum Beispiel hohe Pflanzen neben niedrigen, um diesen Schatten zu spenden. Holzers Philosophie ist es, in einen Garten alles einzubeziehen, also alle Pflanzen und Lebewesen: Von der Artischocke bis zur Zucchini und von der Ameise bis zur Wühlmaus. „Jedes Tier ist zu etwas nützlich. Es gibt keine Schädlinge“, sagt Holzer. „In der Natur hat alles eine Aufgabe.“

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Apropos Wühlmäuse: Für sie ist zum Beispiel Topinambur eine, wie Holzer sagt, „Ablenkungspflanze“. Während sich die Mäuse an ihr genüsslich tun, würden sie andere Pflanzen, etwa Obstbäume, verschonen. Auch Wühlmäuse seien nützlich, sie würden durch ihre Gänge im Erdreich den Boden durchlüften und ihm so Sauerstoff zuführen. Um alles aber richtig anzuordnen, brauche man schon Erfahrung.

In Holzers Gartenparadies gibt es im Wesentlichen keine Gruppen. Deswegen wächst auch alles durcheinander wie buchstäblich Kraut und Rüben. Auffallend ist jedoch der Mulch, eine Mischung aus Gras und Stroh. Damit deckt Holzer die Hügelbeete und die Trassen dazwischen ab. In diesen Trassen wurden Kartoffeln, Bohnen, Ringelblumen und Erbsen eingesät. Alles gedeiht prächtig. Die Gras-Stroh-Mischung darüber sei wichtig, damit der Boden nicht austrockne, Nährstoffe erhalten blieben, Starkregen standhalte und nicht vom Wind abgetragen werde. Im Laufe der Zeit sammle sich Kondenswasser und setze einen Verrottungsprozess in Gang, der wiederum zu Leben im Boden führe. „Wenn man alles richtig macht, hat man wenig Arbeit und großen Ertrag“, verspricht der Salzburger. „Im Einklang mit der Natur multipliziert sich alles.“

Natur im Gleichgewicht – das ist Holzers Prinzip. „Wir haben die natürliche Art und Weise der Bewirtschaftung verlernt“, sagt er. „Stattdessen wurden uns Chemie und Intensiv-Landwirtschaft anerzogen.“ Der 77-Jährige weiß, dass er auch Kritiker hat. „Aber nur die Vielfalt, nicht die Einfalt erhält das System“, sagt er, während er von einer großen, kräftigen Topinambur-Pflanze einfach den Stengel umknickt – und liegen lässt. Dem konventionellen Gärtner fährt ein Stich ins Herz. Nicht so Sepp Holzer. Lächelnd sagt er: „Das wächst schon wieder nach.“

Für die Stiftung Nantesbuch sei das Projekt mit Holzer erstmal ein Versuch gewesen, sagt Geschäftsführer Konstantin Reetz. „Auch wir wollten das Projekt der sogenannten Permakultur-Bewirtschaftungsweise kennenlernen.“ Der Erfolg habe alle überrascht. Eine Gruppe von Freiwilligen hilft derzeit bei der Ernte. Die Stiftung würde das Projekt gerne fortsetzen, Gespräche mit Holzer laufen. Der Salzburger ist international ein gefragter Ratgeber. Auch in Nantesbuch kann man sich vorstellen, Seminare mit ihm anzubieten.

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Beim Anblick der einst brach liegenden Wiese geht auch Holzer das Herz auf. „Natürlich ist das hier eine Unordnung, aber eine schöne“, sagt er. Letztlich habe man damit aber viel mehr Ertrag als mit einer Monokultur. „Nahrung ist Medizin“, sagt der Landwirt. Auch deshalb ist es ihm ein großes Anliegen, über seine ökologische Bewirtschaftungsweise zu sprechen. Für kleine Gärten und Balkone hat er ebenfalls Ideen entwickelt, beispielsweise mit pyramidenförmigem Pflanzaufbau.

Angrenzend an das rund ein Hektar große Areal hat die Stiftung Nantesbuch ein Bienenvolk angesiedelt. Der alte Baumstamm wurde so gestaltet, dass man ihn rückseitig öffnen kann und dank einer Glasplatte das Leben im Bienenstock beobachten kann. Darin geht es munter zu. Für die Insekten könnte der Platz nicht besser gewählt sein: Sie haben das Schlaraffenland direkt vor der Haustür.

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