+
Die Hand von Samu durfte Jennifer Wolff nach der Geburt halten. Eine Sternenkind-Fotografin hielt die Momente im Kreißsaal mit ihrer Kamera fest.

Sternenkinder

Plötzlich hörte Samus Herz auf zu schlagen: Eine Sternenmama erzählt

  • schließen

Es war die 32.  Schwangerschaftswoche, als das Herz von Samu plötzlich still stand. Trotzdem hat Jennifer Wolff ihren Sohn mit Stolz zur Welt gebracht und ihn auf seinem letzten Weg begleitet. 

Bad Heilbrunn – 1500 Gramm leicht und 42 Zentimeter klein ist Samu bei seiner Geburt. Sein Kopf hat lediglich einen Umfang von 29  Zentimetern. Samus Herz hat in der 32.  Schwangerschaftswoche ganz unerwartet im Bauch seiner Mama aufgehört zu schlagen. Bei seiner Geburt ist Samu tot. Jennifer Wolff ist eine Sternenmama. Mit dem, was sie und ihr Mann Andreas erlebt haben, geht sie offen um – und macht anderen Müttern damit Mut.

Es war am Ostersamstag, als Jennifer Wolff merkte, dass etwas nicht stimmt. Sie hatte mit Jan, ihrem zweijährigen Sohn, gespielt. „Ich musste mich immer wieder ausruhen“, erzählt die 35-Jährige. „Mein Bauch war schon relativ groß.“ Irgendwann ist ihr aufgefallen, dass sie Samu an diesem Tag noch gar nicht strampeln gespürt hat. Bewusst hatte sie die letzte Bewegung ihres Babys am Donnerstag zuvor wahrgenommen.

Irgendwann wurde ihr bewusst: „Ich muss mein Baby gehen lassen.“

Am Abend zog die Bad Heilbrunnerin dann alle Register: Sie schaukelte den Bauch, spielte Musik. Doch eine Reaktion des Kindes blieb aus. „Für uns war nicht denkbar, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte“, sagt Jennifer Wolff. Tags drauf erhielt sie dann im Krankenhaus die traurige Nachricht: „Dort habe ich erfahren, dass kein Herzschlag festzustellen ist.“ Die 35-Jährige fuhr wieder nach Hause. „Am Ostersonntag habe ich viel darüber nachgedacht“, sagt sie. Irgendwann wurde ihr bewusst: „Ich muss mein Baby gehen lassen.“

Nur schwer kann Jennifer Wolff in Worte fassen, wie es ihr an diesem Ostersonntag ging. „Am Abend fühlte sich das Baby wie ein Stein in meinem Bauch an“, sagt sie. „Ich hatte das Bedürfnis, ihn zu halten, aber ich wollte ihn nicht mehr bei mir tragen.“

Am nächsten Tag ist die 35-Jährige zur Einleitung der Geburt wieder ins Krankenhaus gefahren. „Die Kinder werden nicht per Kaiserschnitt geholt“, erklärt die Heilbrunnerin. „Sondern kommen normal zur Welt.“ Das sei wichtig für die Verarbeitung.

„Die Bilder sind das Allerschönste, was ich habe“, sagt Jennifer Wolff

Überraschend schnell sei die Geburt an sich gegangen. „Wir durften ihn sofort halten“, erzählt Jennifer Wolff. „Und durften so viel Zeit mit ihm verbringen, wie wir wollten.“ Im Kreißsaal habe das Baby außerdem ein „wunderschönes Gewand“ bekommen – Hose, Shirt und Mützchen. „Es war zuerst schlimm für mich zu wissen, dass er nichts anzuziehen hat“, sagt die 35-Jährige. Denn auch wenn die Mutter selbst näht, war alles, was sie bis dato vorbereitet hatte, zu groß für den kleinen Samu. „Deshalb war ich so glücklich, dass er dort was zum Anziehen bekommen hat.“ Kurz nachdem Samu auf der Welt war, kam zudem eine Sternenkind-Fotografin in den Kreißsaal. „Die Bilder sind das Allerschönste, was ich habe“, sagt Jennifer Wolff.

Heute geht es mir „sehr gut“, sagt Jennifer Wolff. Auf ihrer Facebook-Seite macht sie anderen Sternenmamas Mut.

Ihre Gefühle nach der Geburt ihres zweiten Sohnes kann die Sternenkind-Mama nur schwer beschreiben. Nach der körperlichen Höchstleistung einer Geburt, dem Schmerz und der Anstrengung, habe sie so etwas wie Stolz verspürt. „Ich habe Samu auf seinem letzten Weg begleitet“, sagt sie. „Ich habe ihn auf die Welt gebracht.“

Die eigentliche Trauer kam danach. „Was habe ich falsch gemacht?“ Diese Frage hat sich Jennifer Wolff immer wieder gestellt – und tut das auch bis heute. Eine Begründung für den Tod ihres Sohnes gab es auch nach der Obduktion nicht. Offiziell heißt es: plötzlicher Kindstod im Mutterleib. Das Baby sei auch laut ihrer Frauenärztin immer topfit gewesen. Sie bezeichnet den Fall sogar als einen von 100 000.

In ihrer Trauerarbeit hat Jennifer Wolff von den Bethanien Sternenkindern erfahren. Mit Katharina Eham hat sie Gespräche geführt. „Es hat mir geholfen, dass sie einfach nur dasaß und zugehört hat“, sagt die Heilbrunnerin. Direkt vor und nach der Geburt ihres Sohnes fühlte sich die 35-Jährige dagegen alleingelassen. Auch wenn ihr Mann Andreas immer eine wichtige Stütze gewesen sei. Im Nachhinein sagt sie: „Mir hätte jemand helfen können, der Erfahrung damit hat.“ Vor allem auch mit den vielen bürokratischen Themen, die damit zusammenhängen. „Viel Glück“ hatte ihre Familie dennoch auf ihrem Weg, sagt die Mutter. Etwa mit der Hebamme oder der Bestatterin, die Fuß- und Handabdrücke ihres Samus in 3D gemacht hat. „Das sind alles Erinnerungen, die uns keiner nehmen kann.“

Das Schlimmste ist, das Geschehene zu verdrängen

Heute geht es Jennifer Wolff „sehr gut“, sagt sie. „Ich kann mit der ganzen Sache Frieden schließen.“ In den Sozialen Medien hat sie angefangen, das Geschehene ein Stück weit zu verarbeiten. „Es war für mich ein wichtiger Weg, da drüber zu schreiben“, sagt die Heilbrunnerin. „Worte dafür zu finden, wofür es keine Worte gibt.“ Und auch anderen Sternenmamas Mut zu machen. „Viele wollen sich einfach mitteilen und austauschen.“

Das Schlimmste sei dagegen, das Geschehene verdrängen zu wollen oder zu ignorieren. Viele wüssten nicht, wie sie mit dem Thema umgehen sollten. „Die meinen, bevor sie was Falsches sagen, sagen sie lieber nichts“, sagt Jennifer Wolff. „Aber ignorieren tut so weh.“ Dabei geht die Mutter ganz offen damit um, was ihr passiert ist. „Ich bin eine Sternenmama“, sagt sie. „Ich habe ein Kind, das in meinem Bauch gestorben ist.“ Und ergänzt: „Aber es gab Samu und wird ihn für uns ein Leben lang geben.“

Die 35-Jährige ist wieder schwanger

Ihre Wunden ein kleines Stück heilen könnte ein Geschwisterchen für Samu und Jan. Aktuell ist die 35-Jährige in der 13.  Woche schwanger. „Dem Baby geht’s super“, sagt Jennifer Wolff. „Die Frühschwangerschaft verlief relativ gut.“ Eine gewisse Angst habe sie freilich dennoch im Hinterkopf. „Die wird wohl auch bleiben.“

Schwierig sei es für sie, darauf zu vertrauen, dass ihr Körper alles richtig mache und das Kind in ihrem Bauch sicher sei. Trotzdem ist die Freude selbstverständlich groß. Vor allem auch über den errechneten Geburtstermin: Ostersonntag 2020. „Das ist ein Zeichen von Samu, damit wir unseren Frieden finden können.“

Weitere Informationen zum Sternenkinder-Verein 

Seit rund einem Jahr kümmern sich Bianca Steinbauer und Katharina Eham um die Betreuung von Sternenkinder-Eltern. Sie bieten eine Akutbegleitung, aber auch die Versorgung mit Abschiedskleidung und Erinnerungsstücken in der Einrichtung Bethanien Sternenkinder Miesbach-Otterfing an. Seitdem die Bethanien Diakonissen-Stiftung vor wenigen Wochen die Stunden ihrer Stelle aufgestockt hat, dürfen sie nun auch ganz offiziell Eltern im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen betreuen. Derzeit sind die beiden auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten – aufgrund der zentralen Lage und weil viele Frauen zum Entbinden in das Kreiskrankenhaus Agatharied kommen, wieder in Miesbach. Je nachdem, wie es läuft, könnte sich Steinbauer auch vorstellen irgendwann eine Art Zweigstelle im Kreis zu eröffnen. Hausbesuche gebe es in der Umgebung ohnehin schon viele. Als nächster Schritt soll aber zunächst einmal ein Netzwerk mit Tölzer Gynäkologen und Hebammen aufgebaut werden. Weitere Informationen gibt es bei Steinbauer unter Telefon 01 79/1 33 19 82 oder per E-Mail an bianca.steinbauer@bethanien-stiftung.de.

Lesen Sie auch:

Interview mit dem Tölzer Stadtpfarrer: „Über den Tod reden ist gar nicht so schlimm“

Ein Jahr nach tödlichem Bergunfall: Familie von Jeff Freiheit kehrt an Absturzstelle zurück

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Weihnachtlich wird’s: Christkindlmarkt in Bad Tölz eröffnet heuer besonders früh
Ein Bummel über den Christkindlmarkt in Bad Tölz ist bereits in gut einer Woche möglich. Zu den kulinarischen Neuerungen zählen „Handbrot“ und „Gögli“.
Weihnachtlich wird’s: Christkindlmarkt in Bad Tölz eröffnet heuer besonders früh
Darum wird in Bad Tölz gleich zweimal für den Frieden gebetet
Sowohl diesen Donnerstag als auch am Sonntag versammeln sich Gläubige verschiedener Konfessionen in der Marktstraße Bad Tölz und beten für den Frieden.
Darum wird in Bad Tölz gleich zweimal für den Frieden gebetet
Auf den Spuren der Benediktbeurer hoch über Verona
Rund 1000 Jahre ist es her, dass Menschen aus dem Klosterland Benediktbeuern nach Norditalien auswanderten. Ein Vortrag über das Volk der Zimbern stieß jetzt wieder auf …
Auf den Spuren der Benediktbeurer hoch über Verona
Lassus-Chor führt Mozarts Requiem auf: Dirigentin muss als Sängerin einspringen
Ganz hervorragend war die Aufführung von Mozarts Requiem jetzt in der Basilika in Benediktbeuern. Auch wenn die Mitwirkenden von einem Problem überrumpelt wurden.
Lassus-Chor führt Mozarts Requiem auf: Dirigentin muss als Sängerin einspringen

Kommentare