Anita Schmeußer (re.) erhielt 1994 eine Spenderniere. Regelmäßig kommt sie zu Reha-Aufenthalten in die Fachklinik nach Bad Heilbrunn. Betreut wird sie dort unter anderem von Chefärztin Dr. Doris Gerbig.
+
Anita Schmeußer (re.) erhielt 1994 eine Spenderniere. Regelmäßig kommt sie zu Reha-Aufenthalten in die Fachklinik nach Bad Heilbrunn. Betreut wird sie dort unter anderem von Chefärztin Dr. Doris Gerbig.

8000 Menschen warten auf eine Niere

Tag der Organspende: Anita Schmeußer lebt seit fast 30 Jahren mit einer fremden Niere

  • Veronika Ahn-Tauchnitz
    VonVeronika Ahn-Tauchnitz
    schließen

Der erste Samstag im Juni ist Tag der Organspende. Seit fast 30 jahren lebt Anita Schmeußer mit einer fremden Niere. Fast drei Jahre stand sie auf der Warteliste - und damit hatte sie noch Glück. Heute, sagt Chefärztin Dr. Doris Gerbig, warten manche Patienten bis zu 13 Jahre auf ein Organ.

Bad Heilbrunn – Jedes Jahr am 14. Dezember lässt Anita Schmeußer einen Dankgottesdienst halten. An diesem Tag denkt die 60-Jährige an eine Frau, deren Namen sie nie erfahren hat. Sie kennt nur ihr Alter und weiß, dass sie in Holland gelebt hat. Und Anita Schmeußer kennt den Todestag der Frau. Es ist der 14. Dezember 1994. Der Tag, an dem für die heute 60-Jährige durch eine gespendete Niere ein neues Leben begann. Ihr Wunsch zum heutigen Tag der Organspende: „Es sollte sich jeder mit dem Thema auseinandersetzen.“

Als Anita Schmeußer 31 war, versagte die verbliebene Niere ihren Dienst

Anita Schmeußer lebt bei Schweinfurt. Alle vier Jahre kommt sie nach Heilbrunn und verbringt einen mehrwöchigen Reha-Aufenthalt in der m&i-Fachklinik. „Das tut mir hier richtig gut“, sagt sie. Schon als Kind wurde bei ihr eine Schrumpfniere diagnostiziert. Ständige Krankenhausaufenthalte waren die Folge, bis die rechte Niere entfernt und vieles zunächst einmal besser wurde. „Das Leben hat für mich als Jugendliche erst richtig angefangen“, erinnert sich Schmeußer. Bis sie 31 war, lief alles gut. Sie arbeitete bei Meßmer-Tee in der Produktion, spielte Fußball, führte ein aktives Leben. Dann stellte die verbliebene Niere zunehmend ihren Dienst ein. Es war ein schleichender Prozess. „Die Niere stirbt leise“, sagt Dr. Doris Gerbig, Chefärztin der Nephrologie an der Fachklinik.

„Ich habe immer versucht, mich nicht unterkriegen zu lassen“, sagt die 60-Jährige.

Irgendwann musste Schmeußer die Funktion der Niere durch Dialyse ersetzen. Sie entschied sich für die Baufelldialyse. Alle fünf Stunden muss dazu Reinigungsflüssigkeit in die Bauchhöhle ein- und wieder ausgeleitet werden. „Das kann man zu Hause machen“, sagt Schmeußer. Ihr Arbeitgeber richtete einen Raum ein, den sie dafür nutzen konnte. Wenn sie unterwegs war, „habe ich notfalls auch mal bei fremden Leuten geklingelt“, sagt sie. Ein Nagel in der Wand, um den Beutel mit Flüssigkeit aufzuhängen, sei alles gewesen, was sie gebraucht habe. „Ich habe immer versucht, mich nicht unterkriegen zu lassen“, sagt die 60-Jährige.

8000 Menschen warten derzeit in Deutschland auf eine Niere

Mit Beginn der Dialyse wurde Anita Schmeußers Name auf die Liste für eine Organtransplantation gesetzt. Gut 8000 Menschen warten derzeit in Deutschland auf eine Niere, sagt Gerbig. „Die durchschnittliche Wartezeit für ein Nierentransplantat beträgt acht Jahre, es gibt aber auch viele, die bis zu 13 Jahren warten müssen.“ Das liegt vor allem daran, dass die Zahl der Menschen, die bereit sind, nach ihrem Tod Organe zu spenden, seit Jahren stagniere, so Gerbig. Die Krankenkassen schicken zwar regelmäßig Spenderausweis-Vordrucke an ihre Mitglieder. „An den Zahlen hat das aber nichts geändert.“ Gerbig war daher eine Verfechterin der Widerspruchslösung. Dabei hätte jeder Bürger als potenzieller Spender gegolten – außer er hätte zu Lebzeiten explizit widersprochen. „Ich bin traurig, dass das im Bundestag nicht durchgegangen ist.“

„Wir haben eine Niere für dich“, sagte die Ärztin am Telefon

Anita Schmeußer stand knapp drei Jahre auf der Warteliste, als ihr Piepser ging. Allerdings hörte sie das nicht. Den Piepser hatte sie während eines Reha-Aufenthalts nämlich im Zimmer vergessen. Als sie gegen 22.30 Uhr zurückkam, klingelte das Telefon. Am anderen Ende: ihre Ärztin. „,Wir haben eine Niere für dich’, hat sie gesagt - und dann habe ich zum Schlottern angefangen“, erinnert sich Schmeußer. Freude, aber auch Zweifel, ob das wirklich funktioniert, waren die vorherrschenden Gefühle. „Erstaunlich ist, dass viele Patienten in dem Moment, in dem sie informiert werden, sagen, dass es ausgerechnet jetzt gar nicht passt“, sagt Gerbig. Die Information müsse bei den meisten erst einmal richtig ankommen. „Man braucht in diesem Moment guten Zuspruch“, sagt auch Schmeußer.

Den bekam sie unter anderem vom Taxifahrer, der sie in der Nacht von der Rehaklinik in Kassel nach Würzburg brachte. Den Transport mit dem Hubschrauber hatte sie abgelehnt. „Ich hab’ gedacht, nicht, dass ich jetzt noch abstürze“, sagt Schmeußer. Auf der Fahrt durch die Dunkelheit entdeckte sie ganz fern am Himmel ein Licht. „Für mich hat es sich so angefühlt, als wäre das das Licht der Verstorbenen, die mir ihr Organ gibt.“ Dieses Licht zu beobachten, habe ihr gut getan.

Heute gibt es die Möglichkeit, mit den Hinterbliebenen des Spenders in Kontakt zu treten

Um 7 Uhr kam sie in der Klinik an, um 14 Uhr wurde sie in den OP geschoben. Nicht alles lief glatt. Während des Eingriffs musste die Niere noch einmal raus und neu eingesetzt werden. Auch in den Monaten danach gab es Probleme, weil sie die Medikamente nicht vertrug. „Natürlich ist immer die Angst dabei, dass was mit der Niere nicht stimmt“, sagt Schmeußer. Generell versuche sie aber „ein normales, ein umsichtiges Leben zu führen“.

Als sie ihre Niere bekam, gab es keine Möglichkeit, Kontakt mit den Hinterbliebenen der Spenderin aufzunehmen. Heute könne man über die Deutsche Stiftung Organtransplantation einen Brief weiterleiten lassen, sagt Gerbig. Beide Seiten bleiben anonym. Es sei aber eine Möglichkeit, der Familie des Spendenden Danke zu sagen.

Warum die Organe mit in den Himmel nehmen, wenn sie hier gebraucht werden?

Anita Schmeußer

Schmeußer wünscht sich, dass sich mehr Menschen mit dem Thema Organspende befassen. Werde der Wille in einem Organspendeausweis dokumentiert und am besten zu Lebzeiten mit den Angehörigen besprochen, ob man bereit sei, nach dem Hirntod Organe zu spenden, sei das für die Angehörigen im Ernstfall einfacher, eine Entscheidung zu treffen. „Die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst einmal ein Organ braucht, ist aber wesentlich größer als die Wahrscheinlichkeit, dass man Spender wird“, sagt Gerbig. „Organspende rettet Leben – vielleicht sogar einmal Ihr eigenes“, sagt die Chefärztin. Anita Schmeußer formuliert das anders. „Warum die Organe mit in den Himmel nehmen, wenn sie hier gebraucht werden?“

Rehabilitation vor und nach der Organspende

In Deutschland wurden im Jahr 2020 mehr als 3500 Organe transplantiert, davon knapp 1500 Nieren nach postmortaler Organspende und 450 Nieren nach Lebendspende. Letztere ist eine Möglichkeit zwischen sich nahe stehenden Menschen. Die m&i-Fachklinik in Bad Heilbrunn ist eine der führenden Kliniken bei der Reha nach Nierentransplantation und nach einer Lebendspende.

Zirka 400 Patienten nach Nierentransplantation und 100 Spenderpaare (also Spender und Empfänger) werden dort pro Jahr behandelt. Dass Spender und Empfänger gemeinsam kommen, sei wichtig, sagt Chefärztin Dr. Doris Gerbig. „Der Spender muss auf sich achten und alles dafür tun, die Restniere zu erhalten.“ Und er müsse das Loslassen lernen, müsse lernen, dass der zuvor oft hilfsbedürftige Partner nun weniger Hilfe brauche und wolle. „Deshalb haben wir auch eine Psychologin im Team“, so Gerbig. Über das Thema hat sie gerade einen Artikel im Fachmagazin „Der Nephrologe“ erstveröffentlicht.

Es gibt aber nicht nur Reha nach einer Organspende, sondern auch davor. Bei dem Programm, das mit der Uni Erlangen entwickelt wurde, werden die Betroffenen fit für die Transplantation gemacht. Letztlich gehe es darum, dafür zu sorgen, dass die Patienten, die jahrelang auf der Warteliste stehen, „nicht zu krank für eine Transplantation werden“, erklärt Gerbig. Trainingsübungen auch während der Dialyse gehören dazu genauso wie psychologische Hilfsangebote. Das Projekt läuft drei Jahre. Unterstützung gibt es vom Gesundheitsministerium und den Krankenkassen. Gerbig: „Die Patienten sind jeweils drei bis vier Wochen bei uns. Bis jetzt bekommen wir sehr gute Rückmeldungen.“

Bad-Tölz-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Bad-Tölz-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Bad Tölz – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare