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Rauchen in der Kneipe: Seit zehn Jahren e in Bild der Vergangenheit. 

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10 Jahre Rauchverbot: Wirte sehen Licht und Schatten

Bad Tölz-Wolfratshausen - Ein Abend am Wochenende, die Hälfte sitzt in der Kneipe am Tisch, die andere steht vor der Tür: Seit zehn Jahren darf in Restaurants, Bars, Cafés und Diskotheken nicht mehr geraucht werden. Das hat viele Vorteile, doch die Gemütlichkeit ist verloren gegangen, sagen die Wirte.

Bevor das Rauchverbot eingeführt wurde, wagte Tino Kellner in seiner damaligen Bar „Kellners“ einen Vorstoß und verräumte die Aschenbecher für einen Monat. „Das war eher zu meinem Nachteil, die Umsätze sind zurückgegangen“, sagt er. Inzwischen gibt es das „Kellners“ nicht mehr – das liegt aber nicht am Rauchverbot. Der Gastronom bewirtet heute das Tölzer „Gasthaus“. „Im Restaurant sind die Leute froh, wenn keiner raucht“, sagt Kellner.

Das ist seit zehn Jahren so. 2007 beschloss die Bundesregierung ein neues Nichtraucherschutzgesetz. Die Bundesländer sollten Regeln für das Rauchen in Kneipen aufstellen. Bayern verbannte Zigaretten, Pfeifen und Zigarren aus Cafés, Restaurants, Bars und Diskotheken. Lokale, in denen gegessen wird, sehen diese Regelung überwiegend positiv.

„Am Anfang war es schwierig“, sagt Peter Rank vom „Jägerwirt“ in Kirchbichl. Doch die Proteste seien schnell im Sande verlaufen. „Jetzt ist es extrem positiv – für die Mitarbeiter, wir müssen nicht so oft streichen, und selbst die Raucher finden es vom Raumbefinden besser.“ Robert Werner vom „Altwirt“ war vor Kurzem in Österreich, wo in Gaststätten geraucht werden darf. „Ohne ist es schon angenehmer“, so der Lenggrieser.

Der einzige Nachteil ist allerdings, dass die Gemütlichkeit verloren gegangen ist, sagt Rank. „Gesellschaften werden auseinandergerissen.“ Die Hälfte der Gäste sitzt am Tisch, die andere Hälfte steht vor der Tür. Im Bierzelt merkt man das besonders. „Das zerreißt die Tische einfach“, sagt Peter Gascha, der die Lenggrieser Festwoche organisiert. Ansonsten sei aber durch das Rauchverbot im Bierzelt nicht viel anders geworden. „Die Leute haben sich daran gewöhnt“, so Gascha. Und die Wirte auch: Es werden nun einfach auch draußen Getränke angeboten.

Was sich in der Gastronomie allerdings verändert hat, ist die Stammtischkultur. „Man trifft sich jetzt zum Trinken und Rauchen eben zuhause“, sagt Monika Poschenrieder, Vorsitzende des Deutschen Hotel- und Gastronomieverbands im Landkreis. Die Karten-Stammtische, die es im „Altwirt“ gab, gibt es nicht mehr, bestätigt Werner.

Als über das Rauchverbot entschieden wurde, befürchtete Michael Eichmann, Inhaber des „Pastis“ in Bad Tölz, dass seine Kneipe pleite geht. Das „Pastis“ gibt es zehn Jahre später noch, aber es hat sich einiges geändert. „Statt um 11 Uhr öffne ich werktags erst um 17 Uhr, ich musste fünf Mitarbeiter entlassen und betreibe den Laden nur noch mit meiner Frau“, sagt Eichmann. Er habe viele Mittagsgäste gehabt, die mittags einen Toast essen wollten und dabei ihre zwei, drei Zigaretten rauchen wollten. Weil sie sich im Anzug aber nicht vor die Tür stellen wollten, kamen sie nicht mehr.

Ansonsten hat sich Eichmann aber mit dem Nichtrauchergesetz arrangiert. Abends habe sich nicht viel geändert. „Ich mache noch ein paar Jahre weiter“, sagt der „Pastis“-Wirt. Auch „Kult“-Chef Jörg Hart musste erst mal mit einem Umsatzeinbruch kämpfen, als das Rauchen in Bars verboten wurde. Inzwischen habe sich das aber eingependelt – auch der Lärm vor der Tür, durch den es anfangs an vielen Ecken in Bad Tölz Probleme gab.

Insgesamt habe sich einfach die Weggeh-Mentalität geändert. Das könne man aber nicht allein auf das Rauchverbot schieben, sagt Hart. „Das ist eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, wenn sich Jugendliche in einem Lokal gegenseitig Nachrichten schicken, obwohl sie sich gegenüber sitzen.“

Was Hart allerdings kritisch sieht ist, dass das Rauchverbot die Schwarzgastronomie gefördert habe. Jetzt gebe es eben mehr Stadlfeste, bei denen geraucht werde. „Gerade in der Anfangszeit haben die Menschen lieber privat im Vereinsheim gefeiert, wo sie rauchen können. Das ist zum Teil immer noch so“, sagt auch der „Altwirt“.

„Aus Sicht der Kneipenbetreiber und auch vieler Gastwirte wären abgetrennte Raucherräume ideal gewesen“, meint Monika Poschenrieder. Willi Spichala hätte diese Möglichkeit gerne gehabt, als er das „Groovy Sue“ mit seiner Frau am Tölzer Moraltverteilter eröffnet hat. „Das Rauchverbot ist tödlich für jeden Gastronomen“, sagt er. Gerade in kleinen Bars zerstöre es jede Atmosphäre, wenn ab 22 Uhr 80 Prozent der Gäste draußen stünden. „Wir könnten mehr Umsatz machen. Raucher konsumieren mehr und sind geselliger.“ Letztlich sei das Verbot trotz vieler Vorteile im Rückblick betriebswirtschaftlich gesehen nicht förderlich gewesen, meint auch Poschenrieder.

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