Der Sprecher der Tölzer Bergwacht, Norbert Weinhuber, über die zeitlosen Aufgaben der Bergretter. 
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Der Sprecher der Tölzer Bergwacht, Norbert Weinhuber, über die zeitlosen Aufgaben der Bergretter. 

Interview mit Norbert Weinhuber

Bergretter aus Leidenschaft

Seit 100 Jahren opfern Ehrenamtliche bei der Bergwacht Bad Tölz ihre Freizeit, um in Bergnot geratenen Menschen zu helfen. Wie sieht ihre Arbeit heute aus, was bedeutet ihnen Kameradschaft, wieso geraten Menschen in Bergnot und wie lassen sich Gefahren vermeiden? Darüber sprach Kurier-Mitarbeiter Rainer Bannier mit Bergwacht-Sprecher Norbert Weinhuber.

Lenggries/Bad Tölz – 

Bergrettung ist anstrengend und nicht selten auch gefährlich. Wie lässt sich das Gefühl beschreiben, einen Menschen gerettet zu haben?

Helfen ist mit Hingabe verbunden. Das ist ein tiefgehendes Glückserlebnis – bei kleineren Einsätzen ebenso wie bei schwierigeren, die körperliche Anstrengung und Konzentration verlangen. Außerdem erfüllt es einen mit Stolz, das Erlernte auch in der Praxis anwenden zu können.

Beim Klettern passiert heute weniger. Weil das Material besser geworden ist und die Routen besser abgesichert sind?

Das ist richtig. Darüber hinaus ist heute die Möglichkeit der technischen und körperlichen Vorbereitung in Kletterhallen ein großes Plus. Dazu sind Kurse und Lehrgänge hilfreich, auch für das Verhalten bei Ski- oder Hochtouren.

Sprecher der Tölzer Bergwacht über zeitlose Aufgaben von Bergrettern 

Früher hieß es oft, dass Unfallopfer schlecht ausgerüstet waren. Sind sie heute gut ausgerüstet, aber ohne realistische Selbsteinschätzung und Erfahrung?

Das subjektive Gefahrenelement erleben wir sehr häufig. Zwei Beispiele: Heuer am 1. Mai war strahlendes Wetter, Frühling in der Stadt. Am Fockenstein lagen 40 Zentimeter feuchter Neuschnee. Viele Gipfelstürmer purzelten im steilen, rutschigen Südostabstieg – mit Turnschuhen und ohne Halt gebende Skistöcke. Schlimm. Am Abend eines Skitages fand die letzte Bergwachtstreife in der Garlandabfahrt einen Vater mit seiner zehnjährigen völlig überforderten Tochter, körperlich und psychisch am Ende. Kurzerhand das Mädchen in den schützenden Ackja gepackt, fand es für die beiden noch ein glückliches Ende. Es ist schon eher so, dass viele Bergfreunde mit dem Neuesten ausgerüstet sind – doch Erfahrung kann man sich halt nicht kaufen.

Besonders viel passiert im Bereich von Bergbahnen. Weil dort Menschen ohne jede Erfahrung ins Hochgebirge katapultiert werden?

Wo viele Menschen unterwegs sind, passiert auch mehr. Im Bereich der Bergbahnen sehen wir schon viele, die offenbar von alpinen Gefahren schon aufgrund ihrer sichtbar mangelhaften Ausrüstung und ihres Verhaltens keinen Schimmer haben. Im Sommer wie im Winter.

Manchmal müssen sich Bergwachtler selbst in Lebensgefahr begeben, um jemanden zu retten, der durch bodenlosen Leichtsinn in diese Situation geraten ist. Hat man da nicht auch schon mal eine Wut im Bauch?

Dazu passt der Satz des Lenggrieser Bergwachtkollegen Christoph Brenninger: „Wir fragen nicht, wir helfen.“ Ohne Wut und Verurteilung. Aber ein Kopfschütteln ist schon drin, wenn einer bei Lawinenwarnstufe fünf abseits der Piste mit den Skiern in den Garlandhang hechtet und prompt verschüttet wird. Eine aus der Lawine herausschauende, entdeckte Skispitze und die Nähe der gut besetzten Bergwachthütte haben ihm das Leben gerettet. Da geht’s um Minuten.

Gemeinsame Bergerlebnisse, aufeinander Achtgeben, Bewältigung von Gefahren: „Das schweißt unbandig zusammen.“

Da gab es doch einmal diesen krassen Zwischenfall mit einem Pistenrowdy?

Ja, da kann man schon Wut bekommen: Bergwachtler versorgten einen Skifahrer und forderten wegen der Schwere seiner Verletzung den Hubschrauber an. Für seine Landung wurde die Piste abgesperrt. Doch ein irrer Egomane ignorierte die Sicherheitsvorkehrung, fuhr unter der Absperrung durch, stürzte und rutschte direkt in den Unfallort. Der Bergretter, der ihn zurechtweisen wollte, wurde von dem Flegel mit Skistöcken angegriffen und geschlagen. Er konnte leider unerkannt die Flucht ergreifen.

Was macht Bergerfahrung aus? Wie wichtig ist eine gute Tourenplanung, was sind die häufigsten Fehler, die zu Unfällen führen?

Richtige Bekleidung und Ausrüstung sind oft entscheidend. In den Bergen ist auch im Hochsommer mit überraschendem Wetterwechsel, Temperaturstürzen bis 20 Grad und dichtem Schneetreiben zu rechnen. Vor der Tour immer über die Wettervorhersage, die Gelände- und Wegbeschaffenheit sowie Können und Fitness der Gruppenmitglieder informieren!

Welche Rolle spielt die Zeitplanung?

Im Herbst werden regelmäßig Wanderer von der früh einsetzenden Dunkelheit überrascht und finden nicht mehr weiter. Also: Früh starten, Treffpunkte und -zeiten vereinbaren! Nicht allein unterwegs sein. Über die geplante Tour, das Ziel und die voraussichtliche Dauer Angehörige oder Freunde informieren!

„Wir fragen nicht, wir helfen“ 

Wie gefährlich sind die sogenannten neuen Sportarten?

Schlimme Radunfälle passieren fast immer beim zu schnellen Abwärtsfahren. Auch am Blomberg und Zwiesel sind auf allen Strecken sehr steile und schottrige Abschnitte dabei. Wir werden zunehmend mit erheblichen Verletzungen, Mehrfachbrüchen und Todesfällen beim Biken konfrontiert.

Wie bringt die Bergwacht ihr Wissen an die Öffentlichkeit?

Wir gehen regelmäßig zu Aktions- oder Sicherheitstagen in die Schulen und verteilen Informationsmaterial. Das findet man auch unter www.bergwachttoelz.de zu vier Themen: richtige Ausrüstung, umweltverträgliche Touren, Vermeidung von Unfällen und „Wenn doch was passiert“.

Wie werden ehrenamtliche Bergretter damit fertig, wenn sie einen entsetzlich zugerichteten Toten bergen müssen?

Die Aufarbeitung solch’ traumatischer Erlebnisse ist individuell sehr unterschiedlich. Seit 20 Jahren gibt’s den Kriseninterventionsdienst KID-Berg, den Unfallopfer und Angehörige in Anspruch nehmen können. Für Einsatzkräfte gibt‘s die Psychosoziale Notfallversorgung und Psychosoziale Unterstützung (PSNV). Ein Mitglied hat diese Spezialausbildung gemacht. Alle Mitglieder des KID-Berg sind ausgebildete Einsatzkräfte.

Ein Schlüsselbegriff bei der Bergwacht ist Kameradschaft. Was macht sie so besonders?

Heute noch wie vor bald 50 Jahren, als ich zur Bergwacht kam, schweißen gemeinsame Bergerlebnisse, Anstrengungen, Hütten- und Biwaknächte, das Aufeinander-Achtgeben, Rücksichtnahme und der Zusammenhalt bei der gemeinsamen Bewältigung von Gefahren unbandig zusammen. Gemeinsam in lebensbedrohlichen Notsituationen ohne Wenn und Aber zu helfen, gibt der Kameradschaft noch einen großen Tropfen Lebensfreude und Festigkeit drauf.

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