+
Erste Stahlseilübung im Karwendel anno 1952: Ein Retter mit einem „Verletzten“ im Abseilsitz.

Blick in die Geschichte der Rettungsorganisation

100 Jahre Tölzer Bergwacht: Totenbergung während eines Luftangriffs

100 Jahre wird die Tölzer Bergwacht am 14. Juni alt. Ein Blick zurück auf drei besondere Einsätze.

Bad Tölz –Ludwig „Wiggerl“ Gramminger, der legendäre Münchner Bergwachtpionier, hat in seinem Buch „Das gerettete Leben“ der Bergwacht ein literarisches Denkmal gesetzt. Immer wieder erwähnt sind in dem Buch auch Tölzer Bergwachtler – sowohl als Retter als auch Opfer. Im Folgenden drei von vielen Einsätzen.

Gefahr von Beschuss bei Totenbergung

Kriegsjahr 1944: Gramminger wird zu einem Einsatz in die Eng gerufen. In der Nordwand der Eiskarlspitze sei eine Seilschaft verunglückt. Drei Soldaten nutzten einen kurzen Fronturlaub für eine Klettertour. Oben in der Wand wird einer vom Steinschlag getroffen. Er ist sofort tot. Die Kameraden müssen ihn zurücklassen.

Da Gramminger die Route unbekannt ist, ruft er die Tölzer Bergwacht an. Michl Schmidhammer ist sofort bereit, mitzufahren. Er kennt sich dort aus. Als sie am Ostgrat zum Gipfel aufsteigen, werden sie plötzlich von „panischer Angst“ erfasst: Ein „markerschütternder, rasend schnell anwachsender Lärm: ein Pulk von wohl zweihundert amerikanischen Bombern flog über uns in Richtung München.“ Die Bombengeschwader werden von Jägern begleitet: „Falls die uns ausmachen sollten, gäbe es für uns kein Entrinnen.“ Sie verstecken sich hinter Felsen, bis der Spuk vorbei ist, aber sie wissen auch, was jetzt in der Stadt passiert.

Vom Gipfel seilen sie sich zum Toten ab, der schrecklich entstellt ist. Sie verpacken ihn und nehmen ihn in den Abseilsitz, dann schlagen sie Haken um Haken, um sich mit dem schweren Körper in vielen Etappen über die 350 Meter hohe Wand abzuseilen. Am Horizont sehen sie die Explosionsblitze, den Rauch und die Feuersäulen über München.

An der letzten Abseilstelle passiert es: „Als Michl den Haken belastete, sahen wir mit Entsetzen, daß er sich in seinem Riß nach unten bewegte und ruckartig herausflog.“ Sekundenbruchteile entscheiden über Leben und Tod: Gramminger erwischt Michl reflexartig mit raschem Griff und bewahrt ihn vor dem Absturz. Kreidebleich ist der dritte Kamerad, der den Haken geschlagen hatte. Sie bauen eine neue Abseilstelle und gleiten am Seil ins sichere Kar hinab. Sie hatten einen Schutzengel.

Rettung vom Gipfel mit 160 Meter Abseilen

9. Juni 1955: Zwei junge Kletterer verletzen sich und sitzen im oberen Teil der Herzogkante fest, einer langen, anspruchsvollen Kletterei im Schwierigkeitsgrad 4-5 an der Lalidererwand.

Um 21.30 Uhr erreicht die Nachricht die Tölzer Bergwacht, die noch in der Nacht zur Falkenhütte eilt. Inzwischen haben Regen und Schneefall eingesetzt. Bei extrem schlechten Verhältnissen steigen Michl Anderl und Hans Kallhammer in aller Früh in die Route ein. Die Kletterei an der stark vereisten Kante ist schwer und riskant.

Gegen 15 Uhr erreichen sie die Verunglückten, versorgen sie mit Lebensmitteln und Biwaksack, damit sie eine zweite eisige Nacht überleben können, und steigen dann zum Gipfel. Dort kommt abends eine weitere Tölzer Rettungsmannschaft an, die den Gipfel von Scharnitz aus von Süden erreicht, im Gepäck eine Seilwinde und Stahlseile. Die Nacht verbringen die 13 Bergwachtmänner in der engen Biwakschachtel.

Bei Tagesanbruch des 11. Juni werden dann Michl Anderl und Hans Kallhammer nacheinander 160 Meter weit über die Kante abgeseilt, um die beiden Kletterer zu bergen. Nach ihrer glücklichen Rettung werden sie von Bergwachtarzt Hermann Schürch medizinisch versorgt. Nach dem Abbau des Rettungsgerätes macht sich der ganze Trupp mit den beiden Verunglückten im Ackja an den weiten Abstieg nach Scharnitz. Es ist weltweit einer der ersten Einsätze mit der Stahlseilwinde. Der Tölzer Kurier erwähnt die 13 Retter namentlich und nennt ihre Tat ein „Hohelied vom schlichten und selbstlosen Dienst, der bei der Bergwacht geleistet wird“.

35-stündiger Einsatz in der Lalidererwand

28. September 1955: Der junge Tölzer Bergwachtler Walter Gerg (25) aus Greiling und sein Mittenwalder Kamerad Josef Biller steigen bei zweifelhaftem Wetter in die extrem schwere direkte „Auckenthaler-Route“ (Schwierigkeitsgrad 6) der Lalidererwand ein. Sie sind exzellente Kletterer und überzeugt, rechtzeitig die Biwakschachtel am Gipfel zu erreichen. Im oberen Wandteil trifft sie ein Wettersturz mit voller Wucht. Schnee und Eis machen ein Weiterkommen unmöglich. Der Wirt der Falkenhütte vernimmt ihre Hilferufe und alarmiert die Bergwacht. Noch in der Nacht sind Einsatzkräfte vor Ort, müssen aber feststellen, dass bei solchen Verhältnissen eine Rettung von unten absolut unmöglich ist.

Wieder machen sich von Scharnitz aus 28 Bergwachtler aus Bayern und Tirol bei Schneesturm und dichtem Nebeltreiben schwer beladen auf den Weg, um den Gipfelgrat der Lalidererwand von Süden zu erreichen, darunter auch Ludwig Gramminger.

Sie haben Funkgeräte, eine Seilwinde und 700 Meter lange Stahlseile dabei. Als endlich Sichtverbindung zur Falkenhütte besteht, kann man sie von dort aus per Funk zu den zwei Kletterern dirigieren.

Es ist Josef Billers Freund Karl Kombosch, der sich zweimal am dünnen Stahlseil 280 Meter tief in die Schneehölle hinabgleiten lässt und nach 35-stündigem Einsatz die beiden Verunglückten nacheinander zum Gipfel bringt. Einmal unendliche Freude, einmal tiefe Niedergeschlagenheit: Josef Biller überlebt, aber für Walter Gerg kommt die Hilfe zu spät. Die dramatische Rettungsaktion geht durch die Presse.

Drei Beispiele für Triumphe und Tragödien im Leben von Tölzer Bergrettern. In jeder Generation hat es solche unerschrockenen Helfer gegeben. Zu nennen wären da unter anderem Hans Bader und Edi Singer – mit gleicher Berechtigung aber auch 100 andere.

Lesen Sie auch:

Ilse Aigner zu Gast im Bergwachtzentrum: „Helfen wir alle, damit ehrenamtliche Retter nicht an ihre Grenzen stoßen“

Dramatische Rettung am Herzogstand erfolglos: Familienvater stirbt vor den Augen seiner Liebsten

Canyoning-Gruppe vom Heckenbach: Für Gerettete könnte es teuer werden

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Zeugnisvergabe: Abi mit Abstand
Endlich geschafft: Am 17. beziehungsweise 18. Juli können die Abiturienten in Bad Tölz, Lenggries und Reichersbeuern persönlich ihre Abiturzeugnisse abholen. Alle Schule …
Zeugnisvergabe: Abi mit Abstand
Auffahrunfall auf B13 bei Bad Tölz: Drei Verletzte, riesiger Sachschaden
Viele Ausflügler waren um diese Zeit auf dem Weg aus dem Isarwinkel zurück Richtung München: Im dichten Verkehr ereignete sich am Mittwoch nahe Tölz ein Unfall.
Auffahrunfall auf B13 bei Bad Tölz: Drei Verletzte, riesiger Sachschaden
Corona-Infektion auch in Tölzer Gemeinschaftsunterkunft
Wir geben einen Überblick während der Coronavirus-Pandemie im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen in unserem News-Ticker. Aktuelle Zahlen und Entwicklungen lesen Sie hier.
Corona-Infektion auch in Tölzer Gemeinschaftsunterkunft
Jachenauer Parkplatz-Fragen
Bei der Milderung der Verkehrsprobleme am Walchensee ruhen die Hoffnungen unter anderem auf der Schaffung von Ausweichparkplätzen am Südufer. Die Behandlung des …
Jachenauer Parkplatz-Fragen

Kommentare