Lichterloh brannte das Dach nach dem Blitzeinschlag 1. Juli. 
+
Lichterloh brannte das Dach nach dem Blitzeinschlag 1. Juli. 

Diskussion über Blitzableiter 

12 696 Blitze im ersten Halbjahr im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen

  • Silke Scheder
    vonSilke Scheder
    schließen

Nach dem Brand auf der Flinthöhe hat sich nicht nur in den sozialen Medien eine Diskussion über Blitzableiter entwickelt – sowie darüber, ob sie verpflichtend sind oder nicht. Und ob sie Sinn machen oder nicht. Aber wie oft schlägt überhaupt der Blitz ein? Wie hoch sind die Kosten für einen Blitzableiter? Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

Hatten die betroffenen Häuser am Lettenholz einen Blitzableiter?

Nein, nach Angaben des Hauseigentümers – der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) – verfügen die Gebäude „Am Lettenholz 41 bis 45“ und „47 bis 51“ über keine Blitzableiter. Derzeit finde aber eine „fachtechnische Überprüfung hinsichtlich eines möglichen Einbaus einer Blitzschutzanlage in den beiden Häusern statt“, erklärt ein Sprecher der Bundesanstalt auf Anfrage des Tölzer Kurier.

Muss das Gebäude abgerissen werden?

Nach Angaben der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben ist ein Statiker zu dem Ergebnis gelangt, dass für das Gebäude 41 bis 45 keine Einsturzgefahr besteht. „Für eine endgültige Entscheidung, was mit dem Haus „Am Lettenholz 41 bis 45“ passiert, ist es allerdings noch zu früh“, sagt der Bima-Sprecher. Diesen Montag waren noch einmal Fachleute vor Ort, um die weitere Vorgehensweise zu prüfen.

Der Tag danach: So sah es am Morgen nach dem Brand des Mehrfamilienhauses am Lettenholz aus. 

Gibt es eine Pflicht für Blitzableiter?

Nein. Eine gesetzliche Verpflichtung zur Installation von Blitzschutzanlagen bei Wohngebäuden gibt es in Bayern nicht. Das sagt Albert Schwer, Geschäftsführer von „anyonetec Blitzschutzanlagen“ in Bad Heilbrunn. In manchen Bundesländern sind Blitzableiter an Wohnhäusern ab einer Höhe von mehr als 20 Metern vorgeschrieben, erklärt der Elektrotechniker. „Ab einem Versicherungswert von mehr als zwei Millionen Euro können die Versicherungsunternehmen die Montage einer Blitzschutzanlage fordern“, sagt Schwer. Das gilt auch für den Freistaat. Stehen die Wohnhäuser exponiert auf einem Hügel oder frei im Gelände, gibt es nur die Empfehlung, eine Anlage zu installieren.

Anders ist die Lage bei öffentlichen Gebäuden: Gaststätten ab 400 Plätzen, Theater, Kinos, Schulen, Museen, Krankenhäusern und ähnliche Gebäude mit Versammlungsstätten für mehr als 200 Besucher müssen unter anderem mit einer entsprechenden Schutzanlage ausgestattet sein. Das gilt auch für Kindertagesstätten.

Ziehen Blitzableiter Blitze nicht sogar an?

Laut Elektrotechniker Schwer entspricht es tatsächlich dem „Arbeitsprinzip“ von Blitzschutzanlagen, dass sie die Blitze anziehen. Sie fangen sie ein und leiten sie ins Erdreich, sodass kein Schaden entsteht. Voraussetzung ist allerdings natürlich, dass die Anlagen regelmäßig gewartet werden – und damit voll funktionsfähig sind. „Alle drei Jahre“ sollte Schwer zufolge ein Fachmann nach der Technik sehen. Zirka 300 Euro aufwärts koste die Wartung – je nachdem, ob Reparaturkosten anfallen oder nicht.

Wie viel kostet ein Blitzableiter?

Eine Blitzschutzanlage aus Aluminium samt Erdungsanlage in Edelstahl kostet für ein Einfamilienhaus 3000 bis 4000 Euro, eine aus Kupfer etwa 5000 Euro. „Weil es inzwischen so teuer ist, ein Haus zu bauen, sparen sich viele Bauherren das Geld lieber“, vermutet Schwer. Das gelte auch für die Wartungskosten. Zum Vergleich: In den 1940er- und 50er-Jahren hatte laut Schwer noch fast jedes Haus einen Blitzableiter. Heutzutage, wenn im Verwandten- oder Bekanntenkreis der Blitz eingeschlagen habe, denken erst viele um. „Zu 70 Prozent ist es ihnen dann wert, das Geld in die Hand zu nehmen“, sagt Schwer.

Wie oft schlägt der Blitz im Landkreis ein?

Erst vor wenigen Wochen, am 13. Juni, ist der Blitz in ein Heulager in Beuerberg eingeschlagen und einen Großbrand auf einem landwirtschaftlichen Anwesen ausgelöst. Nun das Unglück auf der Flinthöhe. Viele fragen sich: Gibt es heute mehr Einschläge als früher? Tatsächlich wurden im Landkreis im ersten Halbjahr 2020 deutlich mehr Blitze als im Vorjahreszeitraum gemessen. Das teilt das Blitzmessnetz des Münchner Blitzortungsunternehmens „nowcast“ auf Anfrage mit. Demnach wurden zwischen 1. Januar und 1. Juli 2020 in der Region 12 696 Blitze registriert. „Das ist deutlich mehr als im ersten Halbjahr 2019, als 5691 Blitze im Landkreis aufgezeichnet wurden“, so ein Sprecher. Es handle sich jedoch um einen regionalen Anstieg: Deutschlandweit wurden im selben Zeitraum etwas weniger Blitze im Vergleich zu den Vorjahren gemessen. Eine klare Tendenz lässt sich laut „nowcast“ für den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen nicht ausmachen. Zum Vergleich: 2018 wurden 18 785 Blitze gemessen, 2017 waren es nur 8578.

Die Intensität der Blitze nimmt laut Elektrotechniker Schwer dagegen klar zu: Lag die durchschnittliche Entladung bei einem Blitzeinschlag früher bei zirka 20 Kiloampere, würden heute Entladungen bis zu 120 Kiloampere gemessen.

Sind Blitzableiter sinnvoll?

„Sie funktionieren sehr gut, eine Garantie gibt es aber nie“, sagt Kreisbrandinspekttor Wolfgang Stahl. Naturgemäß ist auch Elektrotechniker Schwer vom Nutzen von Blitzableitern überzeugt. Allerdings müsse man bei der Installation vieles beachten. „Einfach eine Stange in den Boden zu stecken, das haut nicht hin.“ Ohne regelmäßige Wartung mache eine Schutzanlage definitiv keinen Sinn.

Sollte man Elektrogeräte bei Gewittern ausstecken?

Kreisbrandinspektor Stahl sagt ganz klar: Ja. Durch einen Blitzeinschlag – und sei es nur in der Nähe – komme es zu starken Überspannungen, die die Geräte zerstören könnte. Schutz böten innere Blitzschutzanlagen. „Das ist aber eine Kostenfrage“, sagt Stahl. Aufgrund der hohen Kosten werden solche Anlagen Schwer zufolge deshalb in der Regel nur im gewerblichen Rahmen – also in Großraumbüros, Rechenzentren oder Versorgungsunternehmen – genutzt.

Lesen Sie auch: 

Flammen-Inferno in Bad Tölz: Großbrand am Lettenholz 

Pflegeheime in der Corona-Krise: „Leben heißt mehr, als den Tod fernzuhalten“ 

Sachsenkam: Blitz legt Telefon und Wasserversorgung lahm

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Mountainbiker ignoriert Absperrung und zwängt sich unter laufendem Bagger durch - „Wie lebensmüde...“
Sie ignorieren Absperrungen und bringen dadurch sich und andere in Lebensgefahr: Mountainbiker sorgen immer öfter für Ärger bei Forstarbeitern. Doch diese Aktion …
Mountainbiker ignoriert Absperrung und zwängt sich unter laufendem Bagger durch - „Wie lebensmüde...“
Demo in Kochel: Nicht gegen Ausflügler, nur gegen den Stau
Eine „verkehrsentspannende Lösung" wünschen sich die Kochler für ihren Ort. Am 22. August wollen sie dafür auf die Straße gehen.
Demo in Kochel: Nicht gegen Ausflügler, nur gegen den Stau
Benediktbeurer Salesianer fordern: Verbot von Schulfahrten beenden
Ein Ende des Verbots von mehrtägigen Schul- und Klassenfahrten fordern die Salesianer Don Boscos in einem Positionspapier. Die Deutsche Provinz des Männerordens macht …
Benediktbeurer Salesianer fordern: Verbot von Schulfahrten beenden
Tölz live: Vorschau auf Donnerstag
Kleiner Blechschaden da, großer Stau dort, eine Gewitterfront zieht an, ein tolles Konzert startet in Kürze. Hier gibt‘s unseren Newsblog direkt aus der Redaktion.
Tölz live: Vorschau auf Donnerstag

Kommentare