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Ein Meilenstein: Zur Eröffnung des Kurhauses 1914 gab sich die feine Gesellschaft ein Stelldichein. Architekt Gabriel von Seidl (1848-1913) erlebte diesen Tag nicht mehr.

Historie

120 Jahre Kurbad in Tölz: Aus der Quelle entspringt eine neue Zeit

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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Als der Knecht Kaspar Riesch ein Fläschchen trüben Wassers zu einem  Arzt trug, war nicht absehbar, dass er damit die Geschichte von Tölz verändern sollte. 

Bad Tölz– Der Blick in die Gästelisten offenbart illustre Namen: Aus St. Petersburg hat sich der Kaufmann Nicolai Filatoff im Kurhotel einquartiert. Im Hotel Sedlmair logieren Hilda von Drachenfels und Cäcilie von Kleist aus Kurland, einer Region Lettlands also. Und auch Mrs. A. Flegenheimer aus New York ist in Tölz abgestiegen – beziehungsweise in Bad Tölz, wie sich der Ort neuerdings nennen durfte.

Am 20. Juni 1899 nämlich verlieh Prinzregent Luitpold von Bayern Tölz das Prädikat „Bad“. Das Datum steht für einen großen Wandel, der Tölz auch 120 Jahre später prägt – mit allen Chancen, Spannungen und Widersprüchen, die sich daraus ergaben.

Kurbetrieb anno dazumal: Die Gäste wandeln mit einem Glas Jodwasser in der Hand durch den Park.

Das Kurwesen hatte dem Ort schon vor 1899 längst in eine ganz neue Richtung geleitet. „Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Tölz schwer in Schieflage geraten“, sagt Stadtarchivar Sebastian Lindmeyr. Einst hatte die Lage an der Isar und die Möglichkeit, den Fluss an der natürlichen Engstelle zwischen Kalvarienberg und Franziskanerkirche zu überqueren, Tölz zu einer wichtigen Handelsstation gemacht. Jetzt aber drohte die Entwicklung in Richtung Moderne an Tölz vorbeizulaufen. „Die Bahnstrecken wurden weiter nördlich gebaut, Tölz wurde abgehängt“, sagt Lindmeyr.

Mönche nutzten Jodwasser wohl schon im Mittelalter

Es war nicht abzusehen, dass daran ausgerechnet die Streifzüge des passionierten Jägers Kaspar Riesch, Knecht beim „Jaudbauern“, etwas ändern sollten. Er soll bei einem Gipsbruch am Sauersberg westlich von Bad Tölz beobachtet haben, wie sich angeschossenes Wild in der Nähe bestimmter Quellen aufhielt. „Romantisch verklärt“ nennt Lindmeyr diese Darstellung. Doch Kaspar Riesch gilt bis heute als derjenige, der 1845 die jodhaltigen Quellen entdeckte – wobei dort auch schon Anfang des 19. Jahrhunderts ein Dorfbader aus Tirol Wasser geschöpft haben soll. Und es gibt Hinweise, dass Mönche aus Benediktbeuern im Mittelalter die Heilkraft des Wassers nutzten.

Kaspar Riesch gilt als Entdecker der Jodquelle.

Indem er aber eine Flasche zum Tölzer Arzt Dr. Betz trug, brachte der Knecht Kaspar Riesch den Kurbetrieb ins Rollen. Verschiedene Mediziner untersuchten das Wasser aus der Sauersberger Quelle, dokumentierten dessen heilsame Wirkung und machten bei ihren Kollegen in ganz Deutschland und darüber hinaus Werbung dafür.

Bei Elektrizität und Kanalisation ganz vorne dabei

1850 schildert Kurgast Dr. Rapp in der Münchner Allgemeinen Zeitung, er habe „an einem gefährlichen Drüsenübel“ gelitten, „verbunden mit hektischem Fieber“. „Durch den alleinigen innerlichen und äußerlichen Gebrauch der dortigen Jodschwefel- und Jodsodaquellen“ habe er aber in „Bad Krankenheil“ – eine Bezeichnung, die sich lange hielt – „seine frühere Gesundheit wiedererlangt“.

Trotzdem: Die Anfänge des Gesundheitsstandorts verliefen schleppend. 1856 wurden gerade einmal 23 Kurgäste registriert. Das Heilwasser wurde in Flaschen verschickt. In der ersten Kurpension, dem 1853 vom Fischbacher Zimmermeister Balthasar Floßmann errichteten „Höher-Hausl“ (heute Gärtnerei Schmidl), lagen die Gäste anfangs auf Strohsäcken.

Karl Raphael Herder kaufte 1856 die Jodquellen in Bad Tölz

Den rapiden Aufschwung leitete Karl Raphael Herder ein. Er stammte aus einer Freiburger Verlegerfamilie. Sein Bruder Benjamin wurde in „Krankenheil“ von seiner eiternden Unterlippe geheilt. Karl Raphael Herder kaufte daraufhin 1856 die Quellen, ließ eine Leitung von dort in Richtung Bruckbräustadel verlegen und weiter unter der Isar hindurch bis hin zum Tölzer Badehaus am Standort der späteren Buchhandlung Dewitz.

1860 gründete Herder die Jodquellen AG. 1865 starb er – doch der Grundstock für den Erfolg der Badekur war gelegt. Mitte der 1870er-Jahre überstieg die Zahl der Kurgäste die Tausender-Marke.

Am westlichen Isarufer von Tölz entsteht ein neuer Stadtteil

Am westlichen Isarufer, wo sich 1850 zwischen Franziskanerkloster und Zollhaus nur Wiesen und Felder erstreckten, wuchs rasch ein neuer Stadtteil mit Villen, Hotels und Wandelbahn.

Max Höfler prägte das Tölzer Kurwesen.

Eine wichtige Rolle für den Aufstieg und die Bekanntheit des Kurorts spielte Max Höfler, der in die Fußstapfen seines Vaters trat und in Büchern medizinische Abhandlungen und Patientengeschichten veröffentlichte. Frauenkrankheiten, Syphilis, chronische Hautkrankheiten, chronische Drüsenanschwellungen und Gicht listete er als einige Indikationen auf, bei denen das Tölzer Jodwasser Linderung verspreche.

„Für Bad Tölz war das die große Chance, noch einmal Schwung zu nehmen“, sagt Stadtarchivar Sebastian Lindmeyr. Zwar sei es „nicht die erste Liga“ der Prominenz gewesen, die nach Tölz strömte – die zog es eher nach Bad Reichenhall und Bad Kissingen. „Aber die Oberschicht des Kaiserreichs war in Tölz doch recht gut repräsentiert.“

Tölz war im Deutschen Reich eine der erste Ortschaften dieser Größenordnung mit Elektrizität

Den klangvollen Namen, dem Geld und den Ansprüchen der Gäste passte sich auch die Infrastruktur an. 1872 hielt der erste Zug in Tölz. 1888 war Tölz „eine der ersten Ortschaften dieser Größenordnung, die im Deutschen Reich Elektrizität hatten“, sagt Lindmeyr. „Und für die Kanalisation im Badeteil hat man englische Ingenieure kommen lassen, da war man groß mit dabei.“ 1906 verlieh Prinzregent Luitpold dem Markt Tölz das Stadtrecht. Der Ort erblühte in neuem Selbstbewusstsein.

Durch den Aufstieg des Kurwesens verwandelte sich das Bruckfeld von einer weitgehend unbebauten Landschaft aus Wiesen und Feldern zu einem neuen Tölzer Stadtteil (Abbildung von 1910).

1914 wurde das Kurhaus eingeweiht, gemeinsam erbaut von Jod AG und Stadt, die sich im Kurhausverein zusammengeschlossen hatten. Entworfen wurde der Bau von Gabriel von Seidl. Damit ist auch architektonisch eine Verbindung der beiden Tölzer Isarseiten hergestellt, denn Seidl zeichnete zuvor auch für die Neugestaltung der Marktstraße verantwortlich.

„Die Entwicklung zur modernen Stadt wurde von den Bedürfnissen der Kurgäste angeschoben“, so Lindmeyr. Gleichzeitig existierte das alteingesessene Tölz weiter – und einiges geriet mit den Anforderungen des Kurorts in Konflikt, manches musste weichen. „Viehmärkte prägten Tölz bis ins 20. Jahrhundert, und die Brauereien hatten Pferde einstehen.“

1965 bekamen fast drei Viertel der Gäste ihren Aufenthalt von der Krankenkasse bezahlt

Der Schlachthof im Stadtzentrum, der seine Abfälle in Ellbach und Krottenbach leitete, vertrug sich irgendwann nicht mehr mit flanierenden Kurgästen. Der Standort wurde in den 1920er-Jahren verlegt.

Kurkrisen und Blütezeiten wechselten sich im Laufe der Geschichte ab. Die Kurstadt ging durch die Wirren zweier Weltkriege, der NS-Zeit und der amerikanischen Besatzung. Statt des internationalen (Geld-)Adels, der sich mitsamt Bediensteten für Monate in Tölz einquartierte, kam nach dem Ersten Weltkrieg ein bürgerlicheres Publikum. Jahrzehnte später lebte Tölz dann von der Sozialkur. 1965 bekamen fast drei Viertel der Gäste ihren Aufenthalt von der Krankenkasse bezahlt. Zu den alten Villen gesellten sich große Kurkliniken. Mit 863 000 Übernachtungen erlebt die Kur in Tölz 1988 einen Höhepunkt.

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Man ging nun nicht mehr nur mit einem Glas Jodwasser in der Hand durch Wandelhalle und Kurpark. Andere Attraktionen waren dazugekommen. 1971 ging die Blombergbahn in Betrieb. Eine Sensation war 1970 die Eröffnung des „Alpamare“ als erstes Brandungsbad Deutschlands. Erbauer war die Jod AG. An ihr hatte bereits 1928 der Tölzer Anton Höfter die Aktienmehrheit erworben – mit dem Namen der Familie ist das Schicksal des Badeteils auch ein knappes Jahrhundert später noch eng verknüpft.

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Das Jubiläum „120 Jahre Kurstadt“ hat Tölz vor wenigen Wochen in den Mittelpunkt seines Kurparkfestes gestellt. Die großen Zeiten der Sozialkur sind längst diversen Gesundheitsreformen zum Opfer gefallen.

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Das „Alpamare“ fristet seit 2015 ein Dasein als Bauruine. Im Badeteil haben viele einstige Kurhotels geschlossen und wurden zu Wohnungen umgewandelt. Doch es gibt noch immer etliche, teils florierende Hotels und Rehakliniken. Der Stadtteil ringt um seine Identität und Zukunft. Im Tourismus versucht man, den Bogen von der Kur-Tradition zu modernen Trends wie Achtsamkeit und Prävention zu schlagen. Nach Kaspar Riesch, Max Höfler, Karl Raphael Herder und Anton Höfter sind Straßen und Plätze benannt.

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