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Zum 130. Todestag von Ludwig II.

„Ein König, der für das Volk unsichtbar war“

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Bad Tölz – Für Monarchisten ist heute ein bedeutender Gedenktag: Der Tod von König Ludwig II. jährt sich zum 130. Mal. Ein Kenner des Märchenkönigs ist der Dritte Bürgermeister von Bad Tölz, Dr. Christof Botzenhart.

Der Geschichtslehrer am Geretsrieder Gymnasium, veröffentlichte 2004 seine Doktorarbeit mit dem Titel „Ein Schattenkönig ohne Macht will ich nicht sein: Die Regierungstätigkeit König Ludwigs II. von Bayern“. Im Kurier-Interview erklärt er, wie sich sein Blick auf Ludwig II. durch seine Forschungen verändert hat.

Herr Botzenhart, wie kam es dazu, dass Sie über Ludwig II. promoviert haben?

Dr. Christof Botzenhart: Das lag nicht daran, dass ich Monarchist oder Ludwig-Anhänger wäre. Mein Herz schlägt allgemein fürs 19. Jahrhundert. Nachdem klar war, dass ich die Doktorarbeit in Bayerischer Geschichte schreibe, landete ich fast zwangsläufig beim Königreich.

Dr. Christof Botzenhart

An Ludwig II. denkt man vor allem als Schlösserbauer und Märchenkönig. Sie aber haben das Regierungshandeln Ludwigs II. untersucht. Warum?

Botzenhart: König Ludwig II. war nicht nur ein Repräsentant, sondern auch ein Entscheidungsträger im Bereich der Exekutive. Doch in den wissenschaftlichen Büchern war darüber nichts Genaues zu finden. Es kann aber nicht sein, dass Ludwig II. in all den Jahren als König, also von 1864 bis 1886, nichts getan hat – sonst wäre ja der Staatsapparat zum Stillstand gekommen.

Welche Hinweise gibt es denn auf Ludwigs politische Anschauungen?

Botzenhart: Es gibt durchaus politische Äußerungen von ihm – vor allem im Zusammenhang mit der Reichsgründung 1870/71. Zudem hatte er einen anachronistischen absolutistischen Majestätsbegriff. Interessant war für mich auch, im Archiv Todesurteilsakten aus seiner Zeit zu lesen. Begnadigungen auszusprechen, war dem König vorbehalten. Bisweilen hat er das abgelehnt mit der Begründung, dass die Bevölkerung schon wissen soll, dass es die Todesstrafe noch gibt. Solche Untersuchungen anhand der Quellen fehlen noch für viele andere Politikfelder.

Allgemein denkt man eher, Ludwig II. habe sich von der Politik abgewandt und sich aufs Schlösserbauen konzentriert.

Botzenhart: Die reale politische Entwicklung hat ihn frustriert: Die Reichsgründung bedeutete die Aufgabe der bayerischen Unabhängigkeit. Die Verwaltung und die Minister gewannen immer mehr an Macht, so dass der König nicht allein regieren konnte. Ludwig II. missfiel auch der Parlamentarismus. Er hat immer geschaut, dass er keine Regierung ernannte, die der Landtagsmehrheit entsprach. Seit 1869 war dort die große Mehrheit konservativ-katholisch. Er aber ernannte liberale Regierungen. Da sieht man schon, dass er politisch dachte. Aber er hat sich im Lauf der Zeit politisch immer mehr zurückgenommen. Der Bau der Schlösser ist aber nicht als unpolitisch zu betrachten, sondern sie sind bewusst im Stil von Zeiten gehalten, in denen die Monarchie sehr stark war.

Gefiel es Ludwig II. besser zu repräsentieren als zu regieren?

Botzenhart: Zu repräsentieren und zu integrieren, waren im 19. Jahrhundert zentrale Aufgaben von Monarchen. Doch in dieser Hinsicht hat Ludwig II. versagt. Er war ein König, der für das Volk unsichtbar war. In seiner ganzen Regierungszeit hat er nur ein einziges Mal Franken bereist, einen Tag hat er in Landshut verbracht. In vielen Städten, wie etwa Augsburg, gab es keinen einzigen offiziellen Besuch.

Wie erklärt sich dann seine große Popularität?

Botzenhart: Er galt als Bannerträger gegen die Reichsgründung und gegen die „Verpreußung“ Bayerns – und für die bayerische Unabhängigkeit. Ob das historisch so richtig ist, sei dahingestellt. Ein weiterer Faktor war das Geheimnisvolle, das ihn umgab. Und er war großzügig. Er hat die caritativen Ausgaben verdoppelt.

Wie hat Ihre Promotion Ihr Verhältnis zu Ludwig II. verändert?

Botzenhart: Ich bin auch dadurch nicht zu einem glühenden Ludwig-Verehrer geworden. Aber ich lasse ihm mehr Gerechtigkeit widerfahren, sehe ihn inzwischen differenzierter, nicht mehr so plakativ bloß als Tourismus-Ikone und als Märchenkönig. Solche Klischees und der ganze Kitsch sind das Schlimmste, was man ihm antun kann.

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