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Die „Isarwinkler Ruhestands-Kombo“ mit  ( v. li.): Fritz Graf (Bad Tölz), Ronny Deutschendorf (Gaißach), Simon Schauer (Wackersberg, im Dienst bis Dezember) und  Benedikt Schöffmann (Sachsenkam).

Generationswechsel bei der Tölzer Polizei

320 Dienstjahre im Ruhestand

Wenn innerhalb eines guten Jahres gleich neun Polizeibeamte einer Dienststelle in den Ruhestand gehen, dann darf man wohl vom Ende einer Ära sprechen. Zusammen sind das 320 Tölzer Dienstjahre und Erfahrung von Land und Leuten. Schwer zu ersetzen.

Bad Tölz – „Ja mei“, sagt der 84-jährige Toni Greil beim Pensionisten-Treffen der Polizei im „Schlössl“ und kommt an den Tisch der frischgebackenen Ruheständler, „da san ja die Buama“. Nun, die Buama aus der Erinnerung Greils sind inzwischen angegraute, stattliche Herren, die alle um die 60 Jahre alt sind und gerade in den Ruhestand gegangen sind oder kurz davor stehen.

Andreas Baier und Josef Gerg.

320 Dienstjahre, meint Polizeichef Bernhard Gigl, „das ist schon viel Know-how, was da jetzt auf einmal weg ist. Eine heftige Umstellung.“ Die Erfahrung und die Charaktere seien bestimmt nicht 1:1 zu ersetzen, „aber es geht sicher weiter, wenn auch anders“. Am 1. März haben bereits fünf neue Kollegen, darunter der Vize, in der Dienststelle angefangen. Ob alle neun Abgänge ersetzt werden, weiß Gigl noch gar nicht. Wenn nicht, würde es „schon hart werden“.

Die andere, die Neu-Pensionisten-Seite sieht das Ganze naturgemäß gelassen. „Mei, klar geht da viel Erfahrung verloren“, sagt der Lenggrieser Fritz Graf trocken, „aber keiner ist unersetzlich.“ Der Gaißacher Josef Mayr spricht grinsend von den „alten Ackergäulen“, die abtreten. „Und jetzt kommen wieder Galopper. Jetzt geht wieder ein bissl mehr Überwachung.“ Tölz sei ansonsten erfreulicherweise „keine Durchlaufstation“ gewesen, sondern eine Dienstelle mit „kernigem, festen Personalstamm“.

Sechs von neun Polizisten der „Ruhestands-Kombo“ (Gigl) waren zum Fototermin erschienen. Einer, Jakob Baumgartner, konnte nicht kommen, weil er ein Alm-Seminar hatte. Rentnerstress, sagen die anderen.

Was sie erzählen können von einem langen Berufsleben? Auf Anhieb fällt Benedikt Schöffmann da nicht viel ein. Oder doch? Seine zwei kleinen Enkel sind jetzt schon begeisterte Polizisten der Zukunft. Warum das so ist? „Die schönen Uniformen“, mutmaßt Schöffmann, und spricht von einem „unglaublich abwechslungsreichen Beruf“. – „Es wird nicht viele Berufe geben, die so vielseitig sind“, ergänzt Mayr, „da bist du immer gefordert. Als Gendarm und schon auch mal als Seelsorger“.

Der gebürtige Franke und seit 40 Jahren Gaißacher, Ronny Deutschendorf, hat aber auch belastende Momente im Kopf, wenn er zurückdenkt. Er erinnert sich, als er als blutjunger Beamter 1982 nachts zum Flugzeugabsturz am Roßkopf bei Fall aufsteigen musste. „Stockdunkel, rauchende Trümmer, überall Leichenteile.“ Alle sieben Insassen der Cessna waren tot.

Der heute 61-Jährige war 1998 auch am „schwarzen Sonntag“ im Dienst, als er mit Fritz Graf zu einem Unfall auf der B13 unterwegs war, wo ihr Kollege Andreas Sitzberger bei einer Unfallaufnahme angefahren und getötet worden war. Man sei nachmittags noch ganz fertig in der Dienststelle gesessen, da habe man zum nächsten Unfall mit einem getöteten Kind in Richtung Sachsenkam ausrücken müssen. „Da kaut man fei schon eine Zeitlang dran“, sagen Deutschendorf und Graf unisono.

Gibt es da psychologische Betreuung? Wenn man will, ja, heißt es aus der Polizistenrunde. Bei dem schweren Unfall 2008 am Ortseingang von Tölz mit drei toten Jugendlichen und drei Schwerverletzten, da habe der PI-Chef Markus Deindl eine psychologische Beratung organisiert.

Graf muss immer wieder auch an jenen Einsatz vor 35 Jahren in Heilbrunn denken, als er mit dem Kollegen einem flüchtenden Einbrecher nachlief. Der Mann hatte Schmuck, Geld und eine Schusswaffe erbeutet, die er im Wald sogar ausprobierte. „Wir ihm nach und plötzlich steht der vor uns mit gezückter Pistole. Wenn das so einer wie in Königsdorf-Höfen gewesen wäre, hätte er uns kaltblütig abgeschossen.“ Dieser Einbrecher war gewaltlos. Er gab die Waffe, wie Graf erzählt, freiwillig ab und ließ sich festnehmen. „Massel gehabt.“

Es gibt aber auch die komischen und spannenden Geschichten, die in einer Polizisten-Runde immer wieder gern erzählt werden. Der Einbruch in ein Juweliergeschäft in der Marktstraße etwa, wo Josef Mayr und Josef Gerg dem flüchtigen Täter zum „Alfor“ folgten und sich plötzlich in einer Wohnung mit drei Mannsbildern und einem Mädchen wiederfanden, das sich lang ausgestreckt auf eine Couch hinfläzte. Gerg hatte den richtigen Riecher und nahm die so demonstrativ besetzte Couch unter die Lupe. Im Polster waren Beute und Schlaginstrument versteckt.

Mitunter, fällt Benedikt Schöffmann doch noch eine erzählenswerte Geschichte ein, wird man als Polizeibeamter auf Streife auch zum Gesetzeshüter mit Lebensrettungsauftrag. Nach einem Einbruch in der Marktstraße war der Einbrecher verletzt geflohen. Er sei nur den Blutspuren gefolgt und habe so die Wohnung des Täters gefunden. Dort habe er den guten Mann stark blutend in seinem Bett liegend vorgefunden. „Wenn wir nicht gekommen wären, wäre der nicht mehr aufgewacht.“

Josef Mayr weiß schließlich noch die Geschichte von der Frau, die aus einem Tölzer Trachtengeschäft anrief und gestand: „I moan, i hab’ eingebrochen.“ Tatsächlich saß die Frau rappelfertig und mit einem Trachtenhut auf dem Kopf in der Auslage des angegebenen Geschäfts. „Das Preiswapperl vom Hut hing ihr ins Gesicht“, lacht Mayr noch heute über den merkwürdigen Anblick, der sich den mit Taschenlampe suchenden Beamten bot. Wie sich herausstellte, hatte die Frau gar nicht eingebrochen, sondern hatte sich nur – sturzbetrunken – im Stockwerk geirrt.

Christoph Schnitzer

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