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Günstig im MVV unterwegs: Für Schüler und Auszubildende soll das 365-Euro-Ticket eingeführt werden. Für den Landkreis ist das teuer – und im Moment auch eine recht ungerechte Lösung.

Entscheidung im Infrastrukturausschuss

365-Euro-Ticket für Schüler: Tölzer Landkreis sagt Ja „mit Bauchgrimmen“

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Der Kreis-Infrastrukturausschuss stimmte in seiner Sitzung für die Einführung des 365-Euro-Tickets für Schüler - nicht ohne Kritik daran zu üben. 

Update, 7. Dezember:

Bad Tölz-Wolfratshausen - Es war ein Ja „mit Bauchgrimmen“, wie es Landrat Josef Niedermaier (FW) nach der Abstimmung beschrieb. Mit 10:3-Stimmen votierte der Kreis-Infrastrukturausschuss für die Einführung des 365-Euro-Schülertickets im MVV-Gebiet.

Das ist wie berichtet im Landkreis nicht unumstritten, weil durch die Einführung die eine oder andere Ungerechtigkeit entsteht. So bekommen Schüler, die mit Bus oder S-Bahn zur nächstgelegenen weiterführenden Schule fahren, das 365-Euro-Ticket vom Landkreis bezahlt. Diese Karte gilt künftig immer – auch in den Ferien – und im gesamten MVV-Gebiet. Wer zu Fuß in die Schule geht, hat Pech gehabt. Er muss sich das 365-Euro-Ticket selber kaufen, wenn er in den Genuss kommen will. Das gilt auch für alle Jugendlichen im südlichen Landkreis, der bislang nicht zum MVV-Gebiet gehört.

 „Ich halte das für absolut ungerecht“, befand Michael Häsch (CSU). Er werde dagegen stimmen, „weil es eine gerechte Lösung für den ganzen Landkreis braucht“. Auch Werner Weindl (CSU) war skeptisch, wenn auch aus einem anderen Grund. Der Landkreis erarbeite gerade einen neuen Nahverkehrsplan. Obwohl der noch nicht fertig sei, beschließe man bereits „scheibchenweise Maßnahmen“. Ihm fehle hier „die Gesamtschau“.

Zustimmung zu 365-Euro-Ticket steht auf der Kippe

In diesem Moment stand die Zustimmung tatsächlich auf der Kippe. Entsprechend besorgt war der Landrat – nicht, weil er die Kritik nicht teilt, sondern weil alle MVV-Landkreise zu dem Ticket Ja sagen müssen. „Wenn wir nicht zustimmen, kommt das Ticket nicht“, verdeutlichte Niedermaier. Es sei aber politischer Wille – vor allem der Staatsregierung –, die Karte einzuführen. Man komme aus der Nummer schlicht nicht mehr heraus. „Deshalb empfehle ich, dem Ticket zuzustimmen.“ 

Unterstützung gab es von Gabriele Skiba (SPD). „Den Geist bekommen wir nicht mehr in die Flasche zurück.“ Sobald der Gesamtlandkreis Teil des MVV-Verbunds sei, erledige sich zudem ein Teil der bestehenden Ungerechtigkeit. „Dass allerdings derjenige, der zu Fuß geht, das Ticket nicht bezahlt bekommt – das muss gelöst werden. Da müsste man vielleicht noch einmal mit der Staatsregierung verhandeln“, sagte Skiba. Generell sei das Ticket aber schon etwas Positives, ergänzte Cornela Irmer (FW). Schließlich könnten die Jugendlichen für 365 Euro pro Jahr im gesamten MVV-Gebiet fahren. „Zur Not können ja auch die Eltern das Ticket kaufen“, so Irmer. Der Argumentation folgte am Ende die Mehrheit des Ausschusses.

Die ursprüngliche Berichterstattung vom 3. Dezember

Bad Tölz-Wolfratshausen – Entscheidungen in diesem Bereich sind in der Regel teuer – und das auf lange Sicht. Durchaus kontrovers diskutiert werden könnte heute das 365-Euro-Ticket im MVV-Gebiet für Schüler und Auszubildende, dessen Einführung Ministerpräsident Markus Söder (CSU) angeregt hatte. „Um junge Leute für den ÖPNV zu gewinnen, ist das mit Sicherheit revolutionär, aber der Teufel steckt im Detail. Und so hat man eine Schnapsidee geboren, von der man nicht mehr wegkommt“, befindet Landrat Josef Niedermaier (FW). „Politisch ist das nicht mehr einzufangen. Deshalb werde ich die Zähne zusammenbeißen und das mittragen, wenn wir nur so einen Konsens im MVV-Gebiet finden.“

365-Euro-Ticket: Künftige Preiserhöhungen kaum möglich

Der Landrat sieht diverse Probleme durch das Ticket. Eines der größten: Künftige Preiserhöhungen sind kaum möglich – auch wenn sich die Kosten nach oben bewegen. „365 Euro bedeutet ein Euro pro Tag, da kann man nicht plötzlich 380 Euro draus machen. Das ist eine Sackgasse.“ In Städten wie Wien, in denen es seit Längerem ein derartiges Ticket gebe, reagiere man darauf, in dem man sukzessive das Tarifgebiet verkleinere statt den Preis zu erhöhen. 

Zweites Problem: Das Thema Schülerbeförderung wird noch komplizierter. Momentan ersetzt der Landkreis die Beförderungskosten zur nächstgelegenen weiterführenden Schule. Das heißt: Ein Schüler, der von Wolfratshausen nach Geretsried zum Gymnasium fährt, bekommt vom Landkreis das Monatsticket für den Bus bezahlt. Dabei gilt das Ticket nur auf dieser Strecke und nicht in den Ferien.

365-Euro-Ticket: Ungerecht für viele Jugendliche

 Künftig bekommt derselbe Schüler vom Landkreis das 365-Euro-Ticket. Das gilt immer und im gesamten MVV-Gebiet. Super für den Schüler, ziemlich ungerecht für die Jugendlichen, die in Geretsried wohnen und zu Fuß zum Gymnasium laufen. Denn während sie beispielsweise für die S-Bahn bezahlen müssen, wenn sie zum Shoppen nach München wollen, fahren ihre Kumpels kostenlos mit dem vom Landkreis bezahlten 365-Euro-Ticket. Genauso ungerecht ist das für alle Jugendlichen, die im Landkreis-Süden leben. Für sie gibt es ebenfalls kein 365-Euro-Ticket, weil nur der Landkreis-Norden zum MVV gehört.

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Befürchtet hatte Niedermaier im Vorfeld auch, dass der Landkreis keinerlei Steuerungsmöglichkeiten mehr hat, wenn es darum geht, wer auf welche Schule geht. Denn: Mit dem 365-Euro-Ticket können sich die Jugendlichen ja im gesamten MVV-Bereich frei bewegen. Aber – und jetzt wird es kompliziert – hier sagt der Freistaat: Es gilt das alte Prinzip. Das Ticket bekommt also nur, wer die nächstgelegene Schule besucht. „Erklären Sie das mal Eltern“, sagt Niedermaier.

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Kosten wird die 365-Euro-Karte jedenfalls eine Menge. Mit 30 Millionen Euro Mindereinnahmen rechnet der Freistaat pro Jahr. Er trägt zwei Drittel dieses Defizits, der Rest wird auf die Landeshauptstadt und die MVV-Landkreise umgelegt. Für Bad Tölz-Wolfratshausen bleibt ein Betrag von bis zu 350 000 Euro pro Jahr. Genau beziffert werden kann die Summe noch nicht, weil es die eine oder andere Einsparung bei der Schülerbeförderung geben könnte, sagt Matthias Schmid, ÖPNV-Experte am Landratsamt. Sprich: Das 365-Euro-Ticket kostet weniger als manche Karten, die der Kreis derzeit ersetzt. Hier gebe es aber noch keine konkreten Zahlen.

Seniorenbeirat fordert günstiges Ticket auch für ältere Semester

Das Ende der Diskussion ist übrigens auch noch nicht erreicht. Beispielsweise fordert Hermann Lappus, Vorsitzender des Kreis-Seniorenbeirats, die Einführung eines 365-Euro-Tickets für Senioren.  

Die Sitzung am 3. Dezember beginnt um 14 Uhr im Landratsamt.

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