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Fachkräfte sind rar in der Altenpflege: Heime im Landkreis bekommen wenig bis keine Bewerbungen. 

Koalitionsvertrag

8000 neue Pflegestellen? „Ein schlechter Witz“

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Die 8000 neuen Stellen, die der Koalitionsvertrag verspricht, lösen die Personalengpässe in der Altenpflege nicht: So sehen es Pflegeheimbetreiber im Landkreis. Sie haben vielfältige Sorgen und ein gesellschaftliches Problem ausgemacht.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Altenpfleger trifft Andreas Baumann, Chef des Tölzer Jobcenters, quasi nie an seinem Arbeitsplatz. „Und wenn sie auftauchen, haben sie größere Probleme, als einen Job zu finden. Eine langwierige Krankheit zum Beispiel“, sagt er. Auf den diversen Jobportalen schreiben Pflegeheime aus dem Landkreis regelmäßig Stellen aus – aber kaum jemand bewirbt sich auf sie. Hier liegt das eigentliche Problem, das der Koalitionsvertrag nach Meinung der Heimbetreiber nicht löst. 8000 neue Stellen in der Altenpflege will die Regierung schaffen. Auf ganz Deutschland umgerechnet entspricht das etwa einer halben Stelle pro Einrichtung. „Ein schlechter Witz“, „Nicht mal ein Tropfen auf dem heißen Stein“, „Populismus“, kommentieren Heimleiter aus Tölz, Wolfratshausen und Kochel.

In Weilheim begegnet man dem Fachkräftemangel nun mit einem „Speed-Dating“: Die Agentur für Arbeit verkuppelt bei dem Pilotprojekt junge Menschen aus Spanien mit Pflegeheimchefs. Funkt es, werden Ausbildungsverträge unterschrieben. Vergleichbares gibt es im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen nicht. Katharina Kristen, Sprecherin der Rosenheimer Agentur für Arbeit, verweist auf das Projekt „Triple Win“, das Ende 2017 im Tölzer Kurhaus vorgestellt wurde. Es soll Fachkräfte aus Serbien, Bosnien-Herzegowina oder sogar den Philippinen nach Deutschland locken.

„Das System lebt nur noch durch Kräfte aus anderen Ländern“

„Das System lebt eigentlich nur noch durch Kräfte aus anderen Ländern“, sagt Jörg Kahl, der das Kochler Seniorenheim Seehof leitet. Richard Stoll, Chef des Pater-Rupert-Mayer-Heims in Tölz, findet: „Es ist ein Armutszeugnis, dass wir im Ausland werben müssen.“ Seine Mitarbeiter aus Rumänien, Polen oder Kroatien seien „pflegerisch top, aber das Wissen drumherum fehlt teilweise“. Die Pflegedokumentation sei hierzulande genauso anders wie rechtliche Grundlagen. Nur durch Glück und Kontakte habe er 2017 drei Stellen neu besetzen können. Davor hatte Stoll ein Jahr lang online in einer Oberland-Jobbörse und zwei Monate deutschlandweit in drei Portalen ausgeschrieben: keine Reaktion.

Dieses Problem kennt Bettina Emmrich. „Es gibt keine Bewerbungen“, sagt die Leiterin des Tölzer Alten- und Pflegeheims Josefistift mit Nachdruck. Aktuell seien alle Stellen besetzt, Sorgen macht Emmrich aber, dass sie keine Nachfolger für Mitarbeiter findet, die in Rente gehen. Und die Einhaltung der 50-Prozent-Quote, nach der die Hälfte der Pflegestellen mit Fachkräften besetzt sein müssen. In eine kritische Situation geriet das Josefistift Anfang des Jahres. „Wir sind auf 48 Prozent gerutscht, weil Personal länger krank ausgefallen ist“, berichtet Emmrich. Die Heimaufsicht im Landratsamt habe daraufhin einen Aufnahmestopp angeordnet. „Und das bei 120 Senioren, die auf der Warteliste stehen.“ Zwei Betten durften vorübergehend nicht belegt werden.

Personelle Engpässe gibt es laut Emmrich auch im hauswirtschaftlichen Bereich. Teilweise müssten Pflegekräfte Betten beziehen und Spülmaschinen ausräumen. Für die sozialpädagogische Betreuung der Bewohner suchte das Josefistift vergeblich eine Fachkraft. Eingestellt wurde schließlich eine „Sozialbegleiterin“ aus einem anderen Bundesland, deren Ausbildung in Bayern nicht anerkannt wird.

Schon Azubis beklagen das schlechte Berufsimage

In der alternden Gesellschaft gibt es nicht nur immer mehr Pflegebedürftige, sondern auch immer mehr schwere Fälle. „Die Leute kommen heute erst, wenn’s gar nicht mehr geht“, sagt Jörg Kahl aus Kochel. Seinem Seehof unter der Trägerschaft der Inneren Mission München geht es „grundsätzlich ganz gut“. Zwei bis drei Auszubildende könne er jedes Jahr einstellen und im Anschluss auch übernehmen. Personalsorgen hat auch Dieter Käufer nicht. Er leitet das Wolfratshauser AWO-Seniorenzentrum, das auf demente Patienten spezialisiert ist. „Nicht die Pflege, sondern die soziale Begleitung steht im Mittelpunkt. Das hat einen Reiz für Bewerber.“ Und das Brutto-Einstiegsgehalt von 2800 Euro könne sich sehen lassen. Käufer stört allerdings, dass sich die Pflegestufen nicht am Grad der Demenz orientieren. Wenn ein Patient mobil ist und sich selbst die Hose anziehen kann, werde das registriert. „Wenn er sie aber zehnmal am Tag wieder auszieht, hat das keine Auswirkungen.“

Wie seine Kollegen findet Käufer, dass nicht nur deutlich mehr Geld investiert, sondern ein „gesamtgesellschaftliches Problem“ gelöst werden muss. Vom schlechten Berufsimage erzählen ihm schon seine Azubis – dass sie sich kaum trauen, Bekannten zu sagen, dass sie Altenpfleger lernen.

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