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Faszinierende Bilder und Berichte erwarten die Besucher beim Vortrag von Rüdiger Nehberg (oben Mitte). Der Abenteurer erzählt im Tölzer Kurhaus von seinen Reisen um die ganze Welt. Beim Outdoor & Adventure-Festival gibt es für die Besucher viele weitere spannende Themen zu erkunden.

Interview mit Rüdiger Nehberg

Niemand ist zu gering, die Welt zu verändern

Unglaubliche Geschichten hat „Sir Vival“ Rüdiger Nehberg zu erzählen. Der 82-Jährige spricht im Rahmen des Outdoor & Adventure-Festivals am 18. November im Tölzer Kurhaus. Der Tölzer Kurier hat sich vorab mit dem Abenteurer unterhalten.

Bad TölzWas Rüdiger Nehberg erlebt hat, reicht für drei Leben. Der Konditor-Meister rettete ein brasilianisches Indianer-Volk und setzt sich zusammen mit islamischen Würdenträgern und Geistlichen gegen Genitalverstümmelung von Mädchen ein. Bei der Erstbefahrung des Blauen Nils in Äthiopien ermordeten Eingeborene seinen Freund und Kameramann Michael Teichmann. Nehberg radelte schon als Jugendlicher um die halbe Welt, ritt auf Kamelen durch die Wüste und marschierte 1000 Kilometer quer durch Deutschland. Zwischendrin saß der heute 82-Jährige auch mal in einem jordanischen Gefängnis. Am 18. November trägt Nehberg seine Erlebnisse im Rahmen des Outdoor & Adventure Festivals „Abenteuerwege“ im Kurhaus vor.

-Herr Nehberg, wie würden Sie sich beschreiben?

Ich bin jemand, der einen bodenständigen Beruf erlernt hat, dann aber auf schwere Verletzungen der Menschenrechte stieß und daraufhin sein Leben verändert hat. Ich widmete mich der Rettung des Yanomami-Volks und jetzt dem Ende der Genitalverstümmelung junger Mädchen. Ich hatte das weder studiert noch das Geld dafür. Das Leben hat mich aber gelehrt, Visionen zu realisieren.

-Wie kamen Sie zu Ihrer ersten Abenteuerreise?

Schon als Dreijähriger lief ich von zuhause weg, um meine Großmutter am anderen Ende der Stadt zu besuchen. Man fand mich erst am nächsten Tag. Mit 17 erzählte ich meinen Eltern, dass ich mit dem Fahrrad nach Paris fahre. In Wirklichkeit fuhr ich aber ins marokkanische Marrakesch, um dort Schlangenbeschwörung zu lernen. Damit wollte ich mir – zurück in Deutschland – etwas dazuverdienen. Das erste richtige Abenteuer war die Befahrung des Blauen Nils. Wir wurden damals überfallen, und der junge Kameramann, mein Freund, wurde aus zwei Metern Entfernung erschossen. Das war die schlimmste Erfahrung. Aber es stand nie zur Debatte, nicht mehr zu reisen. Ich war immer neugierig auf die Welt, auch wenn es riskant war. Durch die Rettung der Yanomami kam zum reinen Abenteuer ein Sinn dazu.

-Was würden Sie Menschen raten, die aus Angst nicht reisen?

Vor jeder Reise überlege ich: Was kann mir passieren? Auf dem Ozean zum Beispiel Trinkwassermangel, Schiffbruch, Piratenangriffe oder die Einsamkeit. Dann bereite ich mich auf alles vor. Wenn jemand keine Ahnung hat, muss er behutsam in das Reisen einsteigen. Man kann alles kalkulieren, die Natur, das Verhalten der Tiere, aber nicht den Menschen. Ich würde auf die Reisewarnungen des Auswärtigen Amts hören und mich vor allem nicht überschätzen.

-Sind Sie furchtlos oder können Sie ihre Angst nur gut kontrollieren?

Ich bin schon ängstlich. Wer mir sagt, er hat keine Angst, mit dem stimmt etwas nicht. Angst und Ekel sind wichtige Alarmsignale, selbst wenn die Angst nur vor Folter und Krankheit besteht. Ich habe Angst und Ekel kultiviert. Welche Angst ist berechtigt? Ist mein Ekel begründet, wie der vor verwesendem Fleisch, das mich beim Verzehr umbringt? Oder ist das ein gesellschaftlich anerzogener Ekel, wie der vor Insekten und Würmern? Das muss man differenzieren.

-Welches war Ihr bisher größtes Abenteuer?

Alles war besonders und ein Wagnis zu seiner Zeit, weil ich alles zum ersten Mal gemacht habe. Mein größtes Erlebnis war vielleicht, die höchsten Geistlichen des Islams in der Azhar-Universität in Kairo versammeln zu dürfen unter der Schirmherrschaft des ägyptischen Großmufti, um ihnen mit Filmausschnitten und Ärzten das Drama der weiblichen Genital-Verstümmelungen klar zu machen. Schon mit 17 habe ich den Islam in Marokko als sehr positiv erlebt. Wir sind der muslimischen Gemeinschaft auf Augenhöhe entgegengetreten mit Bitten um Hilfe, nicht mit Forderungen. Deshalb wurden wir gehört. Das Ergebnis war eine Fatwa (islamisches Rechtsgutachten d. Red. ), die besagt, dass die weibliche Genitalverstümmelung strafbar ist und gegen höchste Werte des Islam verstößt.

-2008 haben Sie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse für dieses Engagement bekommen. Was bedeutet Ihnen das?

Meine Menschenrechts-Organisation Target musste ich gründen, weil von den anderen Organisationen im Kampf gegen die Verstümmelung in Kooperation mit der islamischen Gemeinschaft niemand mitmachen wollte. Mit den Moslems sei angeblich nicht zu verhandeln. Deswegen bedeutet uns das Bundesverdienstkreuz viel, weil wir Target über Spenden finanzieren. Es erhöht unsere Glaubwürdigkeit. Zur Verleihung meines ersten Bundesverdienstkreuzes 2002 kam ich einfach nur mit einem gebügelten Hemd und Jeans und verstieß damit gegen das Protokoll. Da hätte man einen Anzug gebraucht. Die damalige Ministerpräsidentin hat dann einfach ein Auge zugedrückt.

-Welche Reise würden Sie nie wieder machen und welche jederzeit?

Immer wieder Urwald, Ozean, Wüste. Nie wieder Blauer Nil, wo mein Freund ermordet wurde. Damals hatten die Angreifer Repetiergewehre, da hatte man Zeit zur Gegenwehr, während sie nachluden. Heute haben alle Maschinenpistolen, da hat man keine Chance.

- Was erwartet uns bei Ihrem Vortrag?

Alles das, was ich hier gesagt habe. Ich möchte unterhalten, erheitern und nachdenklich machen. Jeder soll merken, dass niemand zu gering ist, selbst etwas zur Verbesserung der Welt einzuleiten. Das kann auch in der eigenen Nachbarschaft geschehen. Man muss nur wachen Auges durch die Welt gehen.

Das Gespräch führte Nora Linnerud.

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