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Früher schrieb er für die Bild, heute redet er für die AfD: Nicolaus Fest hielt im „Starnbräu“ einen Vortrag vor rund 60 Parteifreunden und -mitgliedern. 

Vortrag von Ex-Bild-Journalist 

AfD trifft sich in Tölz: „Den Islam als Feind benennen und vernichten“

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AfD-Anhänger sprechen im Tölzer „Starnbräu“ über „das Ende der europäischen Zivilisation“ und warum der Islam es herbeiführen wird. Aus dem Publikum kommt die ein oder andere Verschwörungstheorie. Ein Stimmungsbild.

Bad Tölz – Die Tölzer Marktstraße am Montagabend, kurz vor 19 Uhr: Dass die Alternative für Deutschland (AfD) in der Stadt ist, kann man ahnen – selbst wenn man nichts von der Veranstaltung mit dem Titel „Der Islam – eine totalitäre Bewegung?“ weiß. Vor dem „Starnbräu“ haben sich vier Frauen aufgestellt, auf ihren Shirts und Jeans-Jacken steht: „Mia san ned nur mia.“ Es ist eine Anspielung auf das Lied der Band Dreiviertelblut, die 2015 ein großes Konzert auf dem Münchner Odeonsplatz für Flüchtlingshelfer spielte.

Eine der Frauen ist Annette Weber aus Wegscheid. „Wenn man sein Geld mit Tourismus verdient, sollte man sich gut überlegen, wen man reinlässt“, sagt sie – und meint den „Starnbräu“, der an diesem Abend die AfD bewirtet. Sie sei fast vom Stuhl gefallen, als sie von der Veranstaltung gelesen habe.

„Mia san ned nur mia“: Mit diesem Schriftzug setzten vier Frauen ein Zeichen gegen die AfD-Veranstaltung.

Also rein – von der Mini-Demo in die Gaststube. An der Wand hängt eine Deutschland-Fahne, auf Plakaten stehen AfD-Slogans: „Hol Dir dein Land zurück“, „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Und, mit einem Niqab-Augenschlitz-Foto: „Die Freiheit der Frau ist nicht verhandelbar.“ Rund 60 Menschen sind da, „10 bis 15 Parteimitglieder und viele neue Gesichter“, freut sich Heinz Simon, Schatzmeister des Kreisverbands Oberbayern Süd. 72 Mitglieder hat die AfD in den Landkreisen Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach. „Wir wollen wachsen“, sagt der Vorsitzende Constantin von Anhalt-Dessau gleich zu Beginn und verweist auf das Spendenkonto. Später wird eine Kasse über die Tische wandern: „Der Abend ist teuer“, sagt Simon.

Das liegt wohl an Nicolaus Fest. Der schlanke, glatzköpfige Mann in Anzug und Krawatte wird einen Vortrag halten. Er wird erklären, dass nur der Nationalstaat Freiheit und Wohlstand gewährleistet. Und er wird in sachlich-ruhigem Ton behaupten, dass „das Ende der europäischen Zivilisation bevorsteht, wenn der Islam übernimmt“. Man müsse die Weltanschauung des Islam als „Feind benennen und vernichten“.

Gaißacher lehnt Hitler ab und kritisiert den Islam

Ein kurzes Gespräch mit dem Tischnachbarn, bevor Fest mit seinen Thesen loslegt. Der ältere Mann aus Gaißach sagt ungefragt: „Hitler und die Nazis lehne ich strikt ab, aber ich bin ein scharfer Islamkritiker. Das einzige, was ich am Islam gut finde, ist das Alkoholverbot“, sagt er – und nimmt einen Schluck von seinem Bier.

Nun beginnt Nicolaus Fest seinen, wie er sagt, „Vortrag und keine Rede“. Hinterher erfährt man von ihm, dass die „Starnbräu“-Wirtin keinen Wahlkampf wollte. Dankesworte kriegt sie trotzdem, schließlich lassen nur wenige Wirtshäuser AfD-Treffen in ihren Räumlichkeiten zu.

„Die Politiker wollen Deutschland vernichten“

Fest ist erst seit Herbst 2016 in der Partei, davor war er länger bei der Bild-Zeitung und stellvertretender Chefredakteur der Bild am Sonntag. Dem freien Publizisten geht es um „den Erhalt des deutschen Kulturstaates“. Eine seiner fragwürdigen Theorien: Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Leistungsfähigkeit und der kulturellen Prägung. Zwei Kulturkreise zum Beispiel, „die Asiaten und die Juden“ seien sehr fleißig und produktiv – im Gegensatz zu Menschen mit muslimischer Prägung. Fest versuchte das auch anhand der Zahl von Nobelpreisen zu belegen.

Das Publikum lauscht ruhig, spendet sehr dosierten Applaus und darf am Ende selbst ein paar Fragen und Verschwörungstheorien loswerden. Einer steht auf und sagt: „Die Politiker wollen Deutschland vernichten.“ Eine Frau kommentiert: „Ja, das ist der geplante Untergang.“ Eine Diskussion kommt nicht auf. An dem Ort, wo von der „Zerspaltung der Gesellschaft in Anspruchsgruppen“ geredet wird, sind sich alle einig. „Aber klatschen Sie jetzt bitte nicht zehn Minuten“, endet Fest. Die AfD-Anhänger hören auf ihn.

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