Die schrecklichen Folgen von Alkohol am Steuer verdeutlichte jetzt ein Unfall mit sieben Toten in Südtirol.
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Die schrecklichen Folgen von Alkohol am Steuer verdeutlichte jetzt ein Unfall mit sieben Toten in Südtirol.

Debatte nach Unfall in Südtirol

Wegen Alkohol am Steuer: Drei Tote, über 100 Führerscheine weg

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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Der Alkoholunfall von Südtirol ruft großes Entsetzen hervor. Auch in Bad Tölz-Wolfratshausen sterben Menschen, weil sich jemand betrunken ans Steuer gesetzt hat.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Ein Sportwagen rast in eine Studentengruppe. Sieben junge Menschen sterben, elf werden teils schwer verletzt. Der 27-jährige Fahrer hatte 1,9 Promille Alkohol im Blut. Dieser schockierende Unfall in Luttach (Südtirol) führt auf drastische Art vor Augen, welche Folgen das Fahren unter Alkoholeinfluss haben kann. Doch auch im Landkreis sterben Menschen, weil sich jemand betrunken ans Steuer gesetzt hat.

Lars Werner, Verkehrsexperte bei der Tölzer Polizei, nennt auf Anfrage Zahlen: Im Jahr 2018 kamen in Bad Tölz-Wolfratshausen bei Unfällen, die unter Alkoholeinfluss verursacht wurden, drei Personen ums Leben. Elf weitere wurden schwer verletzt. Insgesamt wurden 69 alkoholbedingte Unfälle registriert. Zahlen für 2019 wird das zuständige Polizeipräsidium in den kommenden Wochen veröffentlichen.

Über 100-mal im Jahr wird wegen Alkohol am Steuer der Führerschein entzogen

Konstant hoch ist im Landkreis die Zahl der Führerschein-Entzüge wegen Alkohol am Steuer. Wird ein Fahrer mit 1,1 Promille oder mehr erwischt, dann gilt dies als Straftat, und ein Gericht verurteilt ihn in der Regel unter anderem dazu, den Führerschein abzugeben (siehe Kasten). Das passierte nach Angaben des Landratsamts 2018 in 102 Fällen (2015: 139; 2016: 118; 2017: 111). Die Zahl für 2019 dürfte bei etwa 110 liegen.

Nicht in dieser Statistik erfasst ist die Anzahl der ein- bis dreimonatigen Fahrverbote bei Promillewerten zwischen 0,5 und 1,09. Wer zweimal mit solchen Werten auffällt, bei dem ordnet das Landratsamt ebenfalls eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) an. „Darauf basierend wird über den Fortbestand oder die Entziehung der Fahrerlaubnis entschieden“, erklärt Landratsamt-Sprecherin Sabine Schmid. Von diesen Fällen gab es im Landkreis vergangenes Jahr ungefähr 25 – ein Höchstwert im Fünf-Jahres-Vergleich. 2015 waren es noch 10.

Wenn sich jemand mit 1,9 Promille fit zum Autofahren fühlt, ist das ein Alarmsignal

Eine Stelle, die die Menschen auf die MPU vorbereitet, ist die Caritas-Fachambulanz für Suchtkranke im Landkreis. Laut Sozialpädagogin Birgit Gruber-Bichlmeier, die in Geretsried für die Caritas tätig ist, ist die MPU ein Anlass, mit dem betroffenen Menschen generell „die Konsumgewohnheiten kritisch zu hinterfragen“ – und somit auch eine Chance, einer möglichen Suchterkrankung vorzubeugen.

Wenn jemand, wie der Unfallfahrer von Südtirol, sage, dass er sich mit 1,9 Promille nicht angetrunken fühlt, „dann ist das ein Indiz dafür, dass bei ihm eine ziemliche Alkoholgewöhnung vorliegt, die im gesundheitsgefährdenden Bereich liegt“.

Autofahrer unter Alkohol überschätzen sich und unterschätzen die Gefahr

Dass man Alkohol gewöhnt ist, bedeutet natürlich keineswegs, dass man deswegen mit hohem Promillewert noch gut fahren kann. „Das Gravierendste ist, dass man unter Alkoholeinfluss sich selbst über- und die Gefahren unterschätzt“, sagt Gruber-Bichlmeier. Dazu kämen schon im niedrigem Promillebereich körperliche Einschränkungen. „Man kann zum Beispiel Rotlicht nicht mehr so gut sehen“ – und laufe damit Gefahr, rote Ampeln, Bremslichter oder Signale an Absperrungen zu übersehen. Da könne eine Verkehrssituation wie aktuell an der B 11-Ausfahrt Geretsried-Mitte schnell gefährlich unübersichtlich werden.

Allgemein sei auch oft festzustellen, dass Menschen den Restalkohol im Blut unterschätzen. „Manche Leute fahren morgens noch mit erheblichen Promillewerten vom Vorabend zur Arbeit.“

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Auch abseits der MPU ist das Konfliktfeld Alkohol und Autofahren natürlich in vielen Gesprächen in der Fachambulanz ein wichtiges Thema. Die Einstellungen zum Fahren unter Alkoholeinfluss seien individuell sehr unterschiedlich, sagt Gruber-Bichlmeier. „Natürlich gibt es viele, die sagen: Wenn ich fahre, trinke ich grundsätzlich nichts.“ Vielen Klienten, die alkoholkrank sind, sei die Fahrerlaubnis schon entzogen worden. Manche würden aber auch bewusst erst gar keinen Führerschein machen, um nicht zur Gefahrenquelle zu werden.

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Der Schock über den Unfall von Südtirol hat nach Einschätzung der Sozialpädagogin wohl lediglich eine kurzfristige Wirkung auf das allgemeine Problembewusstsein. „In der Regel braucht es eine eigene Betroffenheit, um eine Veränderung herbeizuführen“, sagt sie. Wer beobachte, dass sich jemand nach Alkoholkonsum noch ans Steuer setzen will, dem rät Gruber-Bichlmeier, der Person die möglichen Folgen vor Augen zu führen. „Was ist, wenn dir ein Kind vors Auto läuft?“ Man sollte dann anbieten: „Ich fahr dich heim oder ich rufe dir ein Taxi.“

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