Ausgerutscht: Im Alpamare rutschten die Besucher am Samstag zum letzten Mal in Bad Tölz.
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Ausgerutscht: Im Alpamare rutschten die Besucher am Samstag zum letzten Mal in Bad Tölz.

Abschied in Bad Tölz

Das war's: Der letzte Tag im Alpamare

Bad Tölz - Wehmut mischte sich am Sonntag zwischen die Wellen. Den letzten Tag im Alpamare nutzten die Besucher nochmal ausgiebig zum Baden, Rutschen und Surfen.

Josef hat sogar geweint. „Als wir ihm heute Morgen gesagt haben, dass wir zum letzten Mal ins Alpamare fahren, da sind ihm die Tränen gekommen“, sagt Papa Jakob Schwab. Inzwischen ist dem siebenjährigen Buben von der Trauer nichts mehr anzumerken. Ein gemütliches Schattenplätzchen auf der Wiese hat sich die Familie ausgesucht. Es hat über 30 Grad, der perfekte Badetag. Und die Schwabs aus Waakirchen nutzen die letzte Chance, noch einmal alles zu genießen, was sie am Alpamare so mögen – bevor das Spaßbad wenige Stunden später für immer schließt, nach 45 Jahren. „Die Rutschen, das Wellenbad, das gibt’s doch sonst nirgends“, schwärmt Mutter Alexandra. Und Jakob Schwab ergänzt: „Das Alpamare, das war Kult.“

Vom Tölzer Spaßbad ist jetzt nur noch in der Vergangenheitsform die Rede. Sein trauriges Schicksal ist in jedem Winkel der Anlage Gesprächsthema. Auch im Jodbecken mit dem gelben Wasser, wo es sich Sieglinde Scheske und ihr Sohn Florian Werenbach am Beckenrand bequem gemacht haben. „Wir haben am Samstag in der Zeitung gelesen, dass das Alpamare schließt, und haben uns spontan entschlossen, noch einmal herzukommen“, erzählt die Münchnerin. Dabei war sie früher gar nicht so oft da. „Als Familie mit vier Kindern haben wir uns das eher verkniffen“, sagt sie. Sohn Florian war Stammgast, damals, mit 18, 19 Jahren. „Mit meinen Freunden bin ich abends öfter hergefahren, das Abendticket war günstig, und es war wenig los.“

Alpamare: Von Hoefter wollen alle nur wissen: "Warum?"

Dass nun Schluss im Alpamare sein soll, versteht Sieglinde Scheske nicht. „Es ist doch alles da.“ Von der Seite schwimmt ein älterer Herr heran und schaltet sich in das Gespräch ein. Wolfgang Vorwerg aus Wolfratshausen glaubt zu wissen, welche Pläne Eigentümer Anton Hoefter mit dem Areal hat. „Schauen Sie auf das Grundstück daneben, was da für hässliche Häuser entstehen“, sagt er und deutet in Richtung des Bauzauns direkt vor dem Becken und des weithin sichtbaren Krans. „So was will der hier auch, und damit wird er durchkommen.“

Der Mann, von dem die Rede ist, schlendert wenige Meter weiter in langer, heller Stoffhose und kurzärmeligem Hemd über die Freifläche im Alpamare und blickt auf die Becken, in denen es wimmelt wie selten in den vergangenen Jahren. „Wir haben seit April sehr gute Besucherzahlen“, stellt er fest. Allein heute seien es um die 2000 Gäste.

Bilder: Der letzte Tag im Alpamare

Das Alpamare hat am Sonntag ein letztes Mal gezeigt, was es kann. Tölzer, Münchner und weiter angereiste Besucher stürzten sich ins Brandungswellenbad, ließen die Rutschen glühen und genossen den Sommertag auf der Liegewiese im Freien.
Das Alpamare hat am Sonntag ein letztes Mal gezeigt, was es kann. Tölzer, Münchner und weiter angereiste Besucher stürzten sich ins Brandungswellenbad, ließen die Rutschen glühen und genossen den Sommertag auf der Liegewiese im Freien.
Das Alpamare hat am Sonntag ein letztes Mal gezeigt, was es kann. Tölzer, Münchner und weiter angereiste Besucher stürzten sich ins Brandungswellenbad, ließen die Rutschen glühen und genossen den Sommertag auf der Liegewiese im Freien.
Das Alpamare hat am Sonntag ein letztes Mal gezeigt, was es kann. Tölzer, Münchner und weiter angereiste Besucher stürzten sich ins Brandungswellenbad, ließen die Rutschen glühen und genossen den Sommertag auf der Liegewiese im Freien.
Bilder: Der letzte Tag im Alpamare

Damit fällt der letzte Öffnungstag in die Kategorie der absoluten Spitzentage. Alle Liegestühle sind belegt, die Parkplätze dicht, das Alpamare stößt fast an seine Grenzen. Hoefter ist froh, dass das Wetter so schön ist. „Wenn es regnen würde, dann wäre es drinnen vermutlich ziemlich eng.“

Etliche Gäste des Alpamare erkennen Hoefter, sprechen ihn an, mit der immer gleichen Frage: „Warum?“ Der Jod-AG-Erbe gibt dann die Antwort, die er schon Dutzende Male vorgetragen hat. Alle anderen Konkurrenzbäder der Umgebung, die in den vergangenen 15 Jahren öffneten, arbeiteten mit kommunalen Zuschüssen. „Wir kämpfen mit ungleich langen Spießen.“ Dem Wettbewerb könne man nur mit Innovation und Wachstum begegnen. Doch für Wachstum fehle der Platz. „Und die Innovation ist aus bekannten Gründen gescheitert.“

Hoefter spielt auf die ergebnislosen Verhandlungen zwischen Stadt und Jod AG an, das Spaßbad Alpamare mit öffentlichen Geldern zu einem Spa umzubauen. Martina Kummer hat die Entwicklung aufmerksam in der Presse verfolgt. Beim Gedanken daran empfinde sie „Traurigkeit, aber auch Zorn“, sagt die Tölzerin. „Keiner hat nachgegeben, jeder zieht sein Ding durch, und der Leidtragende ist der Tölzer Bürger“, das ist ihre Analyse der Geschehnisse. „Hier in der Stadt ist für Familien mit Kindern immer weniger geboten.“

Heute, da will es sich Martina Kummer noch einmal schön machen im Alpamare, mit ihrem Mann Ingo bis zum Abend auf der Liegewiese bleiben, im Badrestaurant Belmare essen, während die Kinder Kathi (7) und Max (6) ausgiebig die Rutschen hinuntersausen.

Auf den T-Shirts der Mitarbeiter des Alpamare steht: "Nein. Noch Fragen?"

So wie vor Jahren der Papa. „Mein Vater war hier Techniker, er hat die Rutschen eingeschaltet. Und ich durfte vorher proberutschen“, erzählt Ingo Kummer. Selbst hat er als Aushilfs-Bademeister im Alpamare gearbeitet, seine Mutter stand an der Kasse. Auch am letzten Öffnungstag tut sie das. Wohlgemeinte Erkundigungen, wie sie sich fühlen, wollen die Mitarbeiter heute nicht mehr hören. Auf ihren lila T-Shirts steht in großen Lettern: „Nein. Noch Fragen?“

Ulrike Bomhard kommt trotzdem ins Reden. 34 Jahre war sie im Alpamare beschäftigt, leitete hier abwechselnd mit mehreren Kolleginnen die Wassergymnastik im Innen-Schwimmbecken. „Die Schultern vor und zurück“, ruft sie vom Beckenrand aus. „Denken Sie an Ihre Haltung, spüren Sie, wie leicht Sie im Wasser sind.“ Zur letzten, nicht mehr ganz so dynamischen Übung läuft „I did it my way“ vom CD-Player. „,Time to say Goodbye‘, das habe ich gar nicht – wäre auch ein bisserl viel gewesen heute“, sagt Bomhard.

Um die vielen Stammgäste tue es ihr leid. Manche kamen mehrmals die Woche zum Training, hatten ein Halbjahresticket gekauft. „Das kostete sie 75 Euro im Monat. Dafür hatten sie hier das ideal warme Wasser, 32 Grad.“ Jetzt, vor der Schließung, hätten ihr viele Urlauberfamilien gesagt, sie kämen nicht mehr nach Tölz. Bomhard seufzt. Als Stadträtin und Alpamare-Mitarbeiterin hat sie die Entwicklungen hautnah miterlebt. „Ich kenne beide Seiten.“

Ein drahtiger Mann tritt zu Bomhard. „Nachdem wir so gut mitgemacht haben, hätten wir uns jetzt einen Gutschein für ein Stückl Käsesahne verdient“, meint er. Dann fragt eine ältere Dame, ob sie ein paar Gymnastik-Hanteln kaufen könne. „Die sind nur im Internet erhältlich“, antwortet Bomhard.

Dort haben sich auch Melanie und Thomas Pult schon umgeschaut. „Bei E-Bay kann man die Statuetten aus dem Garten ersteigern.“ Melanie Pult steht am Ausgang des Alpamare und schüttelt den Kopf. Seit Jahren war sie im Sommer fast jedes Wochenende hier. Besser als jeder Badesee und als die Therme Erding sowieso, findet die 37-Jährige. Jetzt geht es heim nach München. Einen Garten, um Statuen aufzustellen, hat das Paar dort nicht. Es wird anderswo baden gehen.

Andreas Steppan

Rückblick auf 45 Jahre Alpamare

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