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„Hüttenkehraus in Tölz“: So bebilderte ein Zeichner die zukunftsweisenden Beschlüsse des Alpenvereins, die 1923 im Tölzer Kurhaus getroffen wurden.

Sonderausstellung

Kaiserschmarrn statt Drei-Gänge-Menü

„Hoch hinaus! Wege und Hütten in den Alpen.“ So heißt eine Sonderausstellung des Deutschen Alpenvereins (DAV) im Alpinen Museum auf der Münchner Praterinsel, die ab Donnerstag zu sehen ist. Ein wichtiger Teil der Schau ist den „Tölzer Richtlinien“ gewidmet, mit denen der DAV 1923 eine klare Position im Streit zwischen bergsteigerischen und touristischen Interessen bei der Erschließung von Schutzhütten bezog.

Bad Tölz/München – Die „Tölzer Richtlinien“ werden ausführlich beleuchtet, denn kaum eine Grundsatzdiskussion hat den Alpenverein während seiner langen Geschichte mehr beschäftigt als die Frage nach der Ausrichtung seiner Hütten. Es gab damals eine Entwicklung, die Hütten immer komfortabler auszustatten. Das führte dazu, dass sie immer öfter von Menschen belegt wurden, die dort einen feuchtfröhlichen Hüttenabend feiern wollten, während „echte Bergsteiger“ das Nachsehen hatten. Das sorgte zunehmend für Zündstoff.

Deshalb trafen sich im Herbst 1923 Delegierte aus allen Landen zur 49. Hauptversammlung des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins im Kurhaus. Nach langer, kontroverser Diskussion wurden die „Tölzer Richtlinien“ formuliert, die Folgendes besagen:

Im alpinen Ödland sollten keine komfortablen Berggasthäuser entstehen, sondern nur spartanisch ausgestattete „Schutzhütten“ – ganz auf die Bedürfnisse von Bergsteigern zugeschnitten. Unnötiger Luxus sollte zurückgebaut, Nichtbergsteiger abgeschreckt werden. Das heißt: keine bequemen Zufahrtsstraßen. Matratzenlager statt Federbetten. Kaiserschmarrn statt Drei-Gänge-Menü. Bevorzugung von Bergsteigern bei der Lagerzuteilung. Trennung der Geschlechter. Kein Radio oder Grammophon. Kein Bergsteiger darf abends abgewiesen werden; Hüttenruhe um 22 Uhr.

Manches davon ist im Lauf der Zeit wieder abgeschwächt worden, doch im Kern bestimmen die „Tölzer Richtlinien“ bis zum heutigen Tag die Hüttenpolitik des Alpenvereins. Das sieht auch der Tölzer Hanspeter Mair so, der Geschäftsbereichsleiter beim DAV ist: Für ihn sind Hütten „in erster Linie Stützpunkte für Bergtouren, die Schutz bieten und Inseln der Ruhe sind“.

Wie ist es dazu gekommen, dass die denkwürdige Hauptversammlung 1923 nach Bad Tölz gekommen ist? 1920 hatte Zahnarzt Dr. Walter Polscher die Tölzer Bergwacht gegründet und ein Jahr später auch den Vorsitz beim hiesigen Alpenverein übernommen. Der Mann steckte voller Tatendrang: Polscher nahm sogleich den Bau der „Tölzer Hütte“ am Scharfreiter in Angriff (Grundsteinlegung Juni 1922) und bewarb sich um die Ausrichtung dieser Großveranstaltung.

Unter Polschers Schriftleitung widmete der Tölzer Kurier dem Kongress und seinen Gästen eine Sonderausgabe. Beim Begrüßungsabend im Kurhaus traten Chor- und Orchesterverein, der Trachtenverein D’Isarwinkler und die Wackersberger Schützenkapelle auf. Das Marionettentheater gab eine Sondervorstellung. Im Anschluss an den Kongress wurden den Gästen bei herrlichem Herbstwetter sieben Ausflüge und Führungstouren in die Bergwelt des Isarwinkels und Karwendels angeboten.

Öffnungszeiten

Die Ausstellung „Hoch hinaus“ im Alpinen Museum auf der Münchner Praterinsel ist von Donnerstag, 9. März, bis Samstag, 8. April, geöffnet, und zwar dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.

Rainer Bannier

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