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Gelebte Tradition zu Kirchweih: Die Brauchtumsgruppe Gelting stellt am Sonntag bei schönem Wetter ihre Kirta-Hutsch’n auf, auf der geschaukelt werden darf.

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An Kirchweih geht’s um das Gute im Leben

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Gans, Ente und Hutsch’n: Am Sonntag ist Kirchweih. Die Tradition gibt es bereits lange, heute ist sie allerdings mehr ein Familien- als ein kirchliches Fest.

Bad Tölz-Wolfratshausen Die Anfänge der Kirchweih reichen bis ins Mittelalter zurück. Damals, so Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler, gab es für jede Kirche ein eigenes Weihefest. „Man hat das beispielsweise am jeweiligen Heiligen festgemacht“, sagt Göttler. Es waren bäuerliche Feste, an denen die Mägde und Knechte sehr gerne teilnahmen. „Sie sind in alle umliegenden Patrozinien gegangen. Das war schon ein heftiges Fest, bedeutender als Weihnachten. Aber sie waren dann tagelang nicht für die Arbeit auf den Höfen einsetzbar.“

Aus diesem Grund wurde in der Zeit der Aufklärung festgelegt, dass es nur noch ein zentrales Kirchweihfest geben solle. Mit ein paar Ausnahmen: „Es gibt jetzt noch in manchen Pfarrgemeinden eine ,Kloa-Kirta‘, mit einem eigenen Termin.“

Kirchweih sei ein zentrales Erntedankfest, so Göttler. „In jeder Kultur gab es nach der schweren, arbeitsreichen Zeit des Sommers ein Fest. Meist war es aber kein kirchliches Fest.“ Es wurde „fast orgiastisch“ gefeiert. Es gab Essen, Trinken – als Festschmaus Gans, Ente und Kirta-Nudeln –, Musik und Tanz. „In der Notgesellschaft war das etwas ganz Besonderes.“ Gefeiert wurde zwei bis drei Tage lang. Die sogenannte „Kirta-Hutsch’n“ sei als Belustigung für die Mägde und Knechte aufgebaut worden. „Die ganze Gesellschaft hat sich damals um die Höfe gruppiert – man ist dorthin gegangen, wo es am lustigsten war.“

Heute verschwinde allerdings auch die Tradition der Kirchweih. „Das ist bei allen Bräuchen, die auf das bäuerliche und kirchliche Jahr zurückgehen, so“, sagt Göttler. Den Menschen sei zwar noch bewusst, dass es Kirchweih gebe. „Aber es ist eher zum Familienfest mit gutem Essen geworden.“ Hutsch’n seien nur noch selten zu sehen.

Gepflegt wird diese Tradition aber beispielsweise noch von der Brauchtumsgruppe Gelting. Am Mittwoch wurden die Balken aus dem Winterquartier geholt und aufgestellt, berichtet die Vorsitzende Monika Holzheuer. „Die Hutsch’n wird nur bei guten Wettervoraussetzungen für den Kirchweihsonntag aufgestellt. Das entscheiden wir immer spontan.“ Der Balken, auf dem geschaukelt werden kann, wird vor dem Kindergartensaal im Freien angebracht. Aufgebaut wird sie mit Unterstützung durch einen Kran.

Nach dem Festgottesdienst um 11.30 Uhr gibt es bei Musik die Möglichkeit, die Hutsch’n auszuprobieren, für Verköstigung mit Kirta-Nudeln ist gesorgt. „Bis zu 400 Stück gehen bei uns über den Verkaufstisch“, sagt Holzheuer – bei etwa 800 Besuchern.

Die Brauchtumsgruppe habe vor einigen Jahren sehr zu kämpfen gehabt, um die Kirta-Hutsch’n am Leben zu erhalten – aus organisatorischen und haftungstechnischen Gründen. „Mir hat der Gedanke, diesen schönen Brauch aufzugeben, sehr im Magen gelegen“, sagt Holzheuer. Aber der Kampf dafür sei es wert gewesen. „Brauchtum und Tradition sind für viele aus der Mode gekommen – mittlerweile leider auch in der Dorfgemeinschaft“, sagt sie. „Aber nach München auf die Wiesn fahren sie alle. Ich denke, man darf den Spaß und die Freude am Kleinen und Wertvollen in der Dorfgemeinschaft und im Verein nicht unterschätzen und muss es leben und vorleben.“

Für den Gaißacher Pfarrer Ludwig Scheiel ist es wichtig, in seiner Predigt am Kirchweihsonntag darauf zu verweisen, dass es um alle Menschen geht, wenn man von Kirche spricht. „Deshalb sagte ich an Kirchweih, wir feiern uns alle, nicht den Papst, nicht den Bischof, nicht den Pfarrer. Wir feiern uns in dieser Welt.“ Denn Jesus habe den Menschen die Freude über die Welt ans Herz gelegt. „Nach alter Tradition gehört natürlich auch das gute Essen dazu“, sagt Scheiel. „Man möchte das Gute des Lebens hervorheben.“

Er freue sich, dass in unserer Region Kirchweih noch in den Familien gefeiert werde. „Familien kommen heute ohnehin im Laufe des Jahres viel zu wenig zusammen, um gemeinsam Mittag zu essen.“ Ab 13 Uhr könne dann auch er sich ein festliches Mahl gönnen. „Und dann hoffe ich, dass das Wetter gut genug ist, dass ich einen Spaziergang in unserer schönen Natur machen kann.“

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