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Führen die Familientradition in dritter Generation fort: die Geschwister Dr. Thomas Kitterle und Dr. Betina Blanke in ihrer Praxis.

90. Praxis-Geburtstag

Die Anfänge der Zahnmedizin in Bad Tölz

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Der Opa benutzte einen Tret-Bohrer, der Vater wurde zum Teil noch in Naturalien bezahlt. Viel hat sich verändert, seit die Familie Kitterle vor 90 Jahren ihre erste Zahnarztpraxis in Bad Tölz eröffnete. Zum Jubiläum erzählen Thomas Kitterle und seine Schwester Betina Blanke von den Anfängen des Familienbetriebs in der Kurstadt.

Bad Tölz – Eine Zahnbürste für die ganze Familie. Das war nichts Ungewöhnliches, als Berthold Kitterle 1927 von Köln nach Bad Tölz zog. Gerade in ländlichen Gebieten wusste die Bevölkerung wenig über Mundhygiene und Prophylaxe. Zum Zahnarzt gingen die Menschen nur aus einem Grund: Schmerzen. Um sie wieder loszuwerden, nahmen die Patienten lange Wartezeiten in Kauf. „Termine gab es früher nicht“, erzählt Dr. Thomas Kitterle. Und auch sonst war damals einiges anders.

Der 56-Jährige muss es wissen. Er und seine Schwester Dr. Betina Blanke (43) sind wie ihr Vater in die Fußstapfen des Großvaters getreten, arbeiten heute selbst als Zahnärzte in der gleichnamigen Praxis am Professor-Max-Lange-Platz. Vor 90 Jahren befanden sich die Untersuchungsräume noch an der Badstraße.

Die Ausstattung entsprach dem damaligen Stand der Technik. Das bedeutete zum Beispiel: Berthold Kitterle verwendete einen Bohrer, den er selbst antreiben musste – mit dem Fuß, wie bei einer alten Nähmaschine. „Für die Patienten war die Behandlung sehr viel schmerzhafter als heute“, sagt Kitterle.

Der Großvater starb, bevor die beiden Geschwister auf die Welt kamen. Deshalb wissen sie über seine Arbeit nicht ganz so viel wie über das Berufsleben ihres Vaters, Karl Kitterle. 1953 übernahm er die Praxis, mitten in der Nachkriegszeit. Viele Landkreis-Bürger besaßen wenig Bargeld. Also bezahlten sie den Besuch beim Zahnarzt in Naturalien wie Eier oder Milch. Ein Künstler schnitzte als Lohnersatz sogar eine Krippe, die noch heute in Familienbesitz ist.

Der Behandlungsstuhl von Dr. Karl Kitterle. Er konnte seine Patienten nur sitzend behandeln, der Stuhl ließ sich nicht verstellen. Im Hintergrund sieht man die Flaschen mit Lachgas.

Finanziell war es für Karl Kitterle vor diesem Hintergrund nicht immer leicht. „Paps verdiente anfangs unglaublich wenig“, sagt sein Sohn. Zumal ein Zahnarzt seinerzeit von der Krankenkasse pauschal nur fünf Mark pro Patient pro Quartal bekam – egal, was gemacht werden musste. In den ersten Jahren wohnte der Mediziner in einem Nebenraum seiner Praxis. Fließend warmes Wasser oder eine Zentralheizung – Fehlanzeige.

Zur Betäubung benutze Vater Kitterle Lachgas. Den richtigen Umgang damit testete er zunächst an seiner Frau, anfangs mit mäßigem Erfolg: „Mama hatte trotzdem Schmerzen, war aber zu weggetreten, um etwas sagen zu können“, erzählt Bettina Blanke und lacht.

Im Laufe der Jahre erarbeitete sich Karl Kitterle einen treuen Patientenstamm, kam finanziell auf die Beine. Er galt als kompetent. „Und er konnte sehr gut mit Menschen umgehen“, sagt Betina Blanke. Die zweifache Mama erinnert sich noch gut daran, wie sie ihren Vater nach dem Basketballtraining in seiner Praxis besuchte. Verwundert stellte sie fest, dass ein Patient fast genauso oft da war wie sie selbst. Was der arme Mann denn habe, fragte sie ihren Vater. „Eine böse Frau“, antwortete der grinsend.

Mit seiner eigenen Frau baute Kitterle ein Haus in Greiling, dort wuchsen die fünf Kinder auf. Drei davon gingen in die Zahnmedizin: Neben Thomas Kitterle und seiner Schwester Betina arbeitet ein Bruder als Zahntechniker – und beliefert natürlich die Praxis seiner Geschwister. Der Vater übte nie Druck aus, alle drei entschieden sich aus freien Stücken für diesen Weg. Thomas Kitterle reizt die Mischung aus akademischem Anspruch und handwerklichem Geschick. Betina Blanke liebt den Umgang mit Menschen.

Die nächste Generation steht übrigens schon in den Startlöchern: Thomas Kitterles Sohn studiert Zahnmedizin, und auch sein Neffe steht wenige Semester vor dem Examen. Wenn es so weit ist, wollen beide die Zahnarztpraxis weiterführen – dann bereits in vierter Generation.

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