Gähnende Leere: Abseits der Sommermonate ist in der Tölzer Marktstraße oft nicht viel los. Nun fällt auch noch der Christkindlmarkt aus. Die Einzelhändler sind in Sorge.
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Gähnende Leere: Abseits der Sommermonate ist in der Tölzer Marktstraße oft nicht viel los. Nun fällt auch noch der Christkindlmarkt aus. Die Einzelhändler sind in Sorge.

Corona-Auswirkungen

Angst vor Geschäftesterben im Tölzer Land

  • Silke Scheder
    vonSilke Scheder
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Die Zahlen sind alarmierend: Der Handelsverband Bayern fürchtet, dass wegen Corona fast jedem zehnten Einzelhändler im Freistaat das Aus droht. Die Situation vor Ort ist zwar bei Weitem nicht so schlimm. Vor allem in der Tölzer Marktstraße aber ist die Stimmung angespannt.

  • Handelsverband Bayern befürchtet Geschäftesterben
  • Stimmung bei Tölzer Einzelhändlern ist angespannt
  • Einige Läden in der Tölzer Marktstraße haben schon zugemacht

Bad Tölz/Lenggries – In Bayern gibt es aktuell rund 58 000 Läden. Dem Handelsverband Bayern zufolge könnten bis zu 6000 von ihnen der Corona-Pandemie zum Opfer fallen. Aus Sicht von Peter von der Wippel handelt es sich eher um eine optimistische Schätzung. „Das dicke Ende kommt erst noch“, sagt der Sprecher der Sparte Einzelhandel des Unternehmervereins „Wir für Tölz“.

Der Geschäftsführer von „Stadt – Land – Fluss“ und „Intersport Peter“ selbst kann zwar nicht klagen. Seit der Wiedereröffnung nach dem Lockdown muss von der Wippel „nur“ einen Umsatzrückgang von gut 15 Prozent verschmerzen. Faire Outdoor-Mode und Sportartikel – das sind offenbar Themen, die auch während der Pandemie funktionieren, sagt von der Wippel. Von Kollegen aus dem reinen Modehandel aber weiß er: „Die Umsatzeinbußen liegen bei bis zu 50 Prozent.“ Hinzu kommt: „Die Touristen haben uns über den Sommer gerettet.“ Sie hätten Leben und Frequenz in die Marktstraße gebracht.

„Das dicke Ende kommt erst noch“

Doch die warme Jahreszeit ist vorbei, und der Besuchermagnet Christkindlmarkt ist abgesagt. Die Folge: „Das Weihnachtsgeschäft wird nicht so gut ausfallen, wie es die Einzelhändler bräuchten“, prognostiziert von der Wippel. Der Geschäftsmann befürchtet Ende des Jahres beziehungsweise Anfang des nächsten Jahres eine Pleitewelle. Dann müssen die Ladeninhaber die Ware bezahlen, die sie im Januar und Februar bestellt haben, als sie noch nichts von der Pandemie ahnten und auf ein gutes Weihnachtsgeschäft hofften. „Irgendwann fehlt den Unternehmen die Liquidität auf breiter Front.“ Insgesamt sei die Stimmung unter den Einzelhändlern angespannt.

Auch interessant: Die Situation beim Tölzer Einzelhandel nach dem Lockdown

Tatsächlich haben bereits einige Läden in der Marktstraße zugemacht – allerdings nicht immer wegen Corona. Die Firma Streifeneder etwa plante nach Angaben von Marketingleiterin Susanne Timm schon seit Längerem, die beiden Tölzer Filialen am Standort Kohlstattstraße zusammenzulegen. Und „Bayer Mode“ ist nicht wegen der Pandemie nach Rottach-Egern abgewandert. Dem Gewürzladen „Viola’s“ aber gab Corona den Todesstoß (wir berichteten). Und auch die Inhaberin von „Ella’s Silberschmuck“ gab in diesen unsicheren Zeiten die Selbstständigkeit lieber auf.

Sandra Kern

Die Tölzer Wirtschaftsförderin Sandra Kern hat dennoch den Eindruck, dass die meisten der rund 120 Einzelhändler im Innenstadtbereich bisher „halbwegs gut“ durch die Krise gekommen seien. „Von einigen Betrieben haben wir die Rückmeldung erhalten, dass sich die Umsatzrückgänge in einem Bereich von 10 bis 20 Prozent bewegen“, sagt Kern. „Teilweise konnten die Umsätze des Vorjahres jedoch auch übertroffen werden.“

„Es wird sehr gezielt eingekauft“

Dass die Tölzer lieber im Internet einkaufen, weil sie sich im Laden vor Viren fürchten – diesen Trend hat Sandra Kern in der Kurstadt noch nicht erkennen können. Die Leute bummelten ihr zufolge aber weniger. Stattdessen werde sehr gezielt eingekauft. Insgesamt sieht die Wirtschaftsförderin nicht so negativ in die Zukunft wie der Handelsverband Bayern. „Ich bin allerdings der Auffassung, dass der Handel nun noch stärker gefordert ist.“ Kern spielt zum Beispiel auf besondere Service-Leistungen und ein attraktives Warenangebot mit passendem Preis-Leistungs-Verhältnis an. „Wer die aktuelle Phase nutzt, sein Geschäftsmodell anzupassen und auf ein zeitgemäßes Level zu heben, wird weiterhin erfolgreich am Markt sein.“

Martina Müller

Diese Meinung vertritt auch Martina Müller. „Unternehmer, die bereit sind, etwas zu unternehmen, haben eine Zukunft“, glaubt die Vorsitzende der Lenggrieser Werbegemeinschaft. Mit dieser Aussage spielt Müller nicht nur auf einen zeitgemäßen Internetauftritt an. „Man muss die Leute verstärkt verführen.“ Konkret heißt das: Wenn der Christkindlmarkt heuer auffällt, muss der „Lichterzauber“ eben im Schaufenster stattfinden. Allerdings gebe es Branchen wie zum Beispiel die der Schausteller, die coronabedingt tatsächlich kaum Möglichkeiten hätten, schränkt Müller ein.

In Lenggries haben sich zwei Geschäfte vergrößert

In Lenggries ist der Geschäftsführerin der „Blumengalerie“ nur ein Laden bekannt, der pandemiebedingt die Segel streichen musste. Zwei andere Ladeninhaberinnen hätten sich sogar vergrößert – für Müller ein positives Zeichen für die Zukunft.

Peter von der Wippel

Peter von der Wippel vom Unternehmerverein „Wir für Tölz“ richtet seinen Blick ebenfalls in die Zukunft. Die Gretchenfrage lautet ihm zufolge, wie auch ohne Christkindlmarkt die Marktstraße mit Leben und weihnachtlicher Stimmung erfüllt werden kann. In diesem Zusammenhang appelliert von der Wippel eindringlich an alle Hausbesitzer, die Vorgaben zur Weihnachtsbeleuchtung einzuhalten.

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