Engagierte Opferschützerin: Helgard van Hüllen, Außenstellen-Leiterin des „Weißen Rings“.
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Engagierte Opferschützerin: Helgard van Hüllen, Außenstellen-Leiterin des „Weißen Rings“.

Weißer Ring im Landkreis berichtet

Auch Männer haben Angst vor Gewalt in der eigenen Wohnung

  • Patrick Staar
    VonPatrick Staar
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Wer den Begriff „Häusliche Gewalt“ hört, denkt wohl zu allererst an Männer, die ihre Frauen schlagen. Diese Vermutung ist oft berechtigt – aber nicht immer. Beim Opferschutz-Verein „Weißer Ring“, Außenstelle Bad Tölz-Wolfratshausen, melden sich immer öfter auch Männer, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind.

Bad Tölz-Wolfratshausen - „Es sind nicht mehr nur Einzelfälle“, sagt Helgard van Hüllen, Leiterin der Außenstelle Bad Tölz-Wolfratshausen. „Man spricht von mindestens 20 Prozent männlichen Opfern.“ Zu Beginn der Corona-Pandemie, im März vergangenen Jahres, war es kurzzeitig still in der Außenstelle, doch danach hätten sich umso mehr Opfer gemeldet, sagt die Leiterin: „Auf das Jahr gesehen, verzeichnen wir eher eine Zunahme.“ Insgesamt habe der „Weiße Ring“ im Landkreis über 100 Ratsuchenden geholfen. Wobei diese Zahl allein wenig aussagekräftig ist. Früher habe sich der Verein mit sehr vielen Opfern von kleineren Delikten auseinandergesetzt, „also normale Diebstähle und Handtaschenraub zu Beispiel“. Nun melden sich in erster Linie Opfer von schweren Fällen, wie zum Beispiel Sexualstraftaten. „Da reichen dann nicht ein, zwei Gespräche, sondern wir müssen längere Zeit als Ansprechpartner zur Verfügung stehen.“

„Thema ist schambehaftet“

Die Öffentlichkeitsarbeit habe wohl dazu beigetragen, dass es nun immer öfter Männer wagen, sich an den „Weißen Ring“ zu wenden, sagt van Hüllen. „Das Thema ist sehr schambehaftet.“ Der klassische Fall: Männer würden von ihren Frauen als klein, dumm und in jeder Hinsicht unzulänglich dargestellt: „So was wirkt auf die Dauer. Wenn man ständig kritisiert wird, ist man irgendwann verunsichert. Das Selbstwertgefühl ist zerstört, und es ist ganz schwer, dagegen vorzugehen.“ Manche Männer seien auch „völlig paralysiert“, wenn Frauen wie Furien auf sie losgehen: „Sie wissen überhaupt nicht, wie sie damit umgehen sollen.“ Nach wie vor laufe es allerdings umgekehrt, sprich: die Männer sind die Täter und die Frauen die Opfer.

Neben den Beziehungsdramen steige auch die Zahl der Menschen, die Opfer von Telefon- und Internetbetrug geworden sind.

Van Hüllen hört sich am Telefon den Fall an und macht sich dann Gedanken, welcher Helfer zu welchem Opfer passen könnte: Wird ein weiblicher oder männlicher Gesprächspartner gewünscht? Braucht das Opfer einen sehr einfühlsamen Zuhörer oder einen, der sehr direkt seine Meinung sagt? Van Hüllen schickt eine Mail an ihre zehn ehrenamtlichen Helfer und erkundigt sich, wer Zeit hat, einen Fall zu übernehmen. „Wir haben eine Lehrerin, einen früheren Beamten, einen Betriebswirt, eine Studentin und mich als Juristin – alle Berufs- und Altersgruppen, quer durch den Gemüsegarten.“

Helfer im ganzen Landkreis

Die Helfer wohnten über den ganzen Landkreis verteilt und hätten ein Alter von Anfang 20 bis 78 Jahre. Diese Vielfalt ist nach Ansicht der Außenstellen-Leiterin die große Stärke des Vereins: „Wenn es nur einen Festangestellten gäbe, müssten alle Opfer mit ihm zurechtkommen. Wir können dagegen schauen, wer passt.“ Innerhalb von einem halben Tag könne sie einen geeigneten Ansprechpartner anbieten. In den Gesprächen versuchen die Helfer, eine Lösung zu finden. Der eine will konsequent vorgehen und sucht einen Rechtsanwalt, bei anderen könnte eine Paartherapie die richtige Wahl sein. Manche wollen sofort wegziehen und brauchen dabei Unterstützung. Manchmal ist eine Therapie oder ein Scheck für eine Rechtsberatung das richtige Hilfsmittel. Wieder andere wollen ausziehen, haben aber keine passende Unterkunft. Auch in diesen Fällen versucht der „Weiße Ring“ zu helfen.

Die Pandemiebedingungen hätten die Kommunikation verändert, resümiert van Hüllen. Der direkte Kontakt sei meist nur über technische Hilfsmittel möglich, oft trafen sich die Helfer mit den Opfern im Freien zu einem Spaziergang. „Das bringt Veränderungen beim Kontakt der Mitarbeiter untereinander, aber auch bei der Opferhilfe mit sich.“ Die monatlichen Teamtreffen konnten überwiegend nicht in Präsenz stattfinden. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen laufe es sehr gut: „Ich bin stolz auf das Team der Außenstelle, wir können uns voll aufeinander verlassen.“ Dies sei auch nötig, da sie als stellvertretende Bundesvorsitzende des „Weißen Rings“ oft viel zu tun habe.

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