Die Hände eines Asylbewerbers an einem Schraubstock.
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Eine Ausbildung zu machen und einen Job zu finden, ist ein wichtiger Schlüssel zur Integration von Asylbewerbern.

Agentur für Arbeit zieht Bilanz

Arbeitsmarkt im Tölzer Land: Immer mehr Geflüchtete finden einen Job

  • Andreas Steppan
    vonAndreas Steppan
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Zwischen Aufbruchstimmung, Ernüchterung und zählbaren Erfolgen: Michael Vontra, Vize-Chef der Rosenheimer Agentur für Arbeit, berichtet, wie die Integration Geflüchteter auf dem regionalen Arbeitsmarkt aus seiner Sicht bislang verlaufen ist.

  • Immer mehr Geflüchtete im Tölzer Land finden eine Arbeit
  • Die Herausforderungen für die Agentur für Arbeit sind oft groß
  • Eine Ausbildung ist der Schlüssel zur Integration

Bad Tölz-Wolfratshausen – „Wir schaffen das“: Dieses berühmte Zitat von Bundeskanzlerin Angela Merkel, das vor fünf Jahren auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise fiel, hat sich auch die Agentur für Arbeit zu eigen gemacht. Kein Wunder: Eine Ausbildung zu machen und einen Job zu finden, ist ein wichtiger Schlüssel zur Integration. Für die diesbezüglichen Bemühungen beschreibt Michael Vontra, stellvertretender Chef der für den Landkreis zuständigen Agentur für Arbeit in Rosenheim verschiedene Phasen, zu denen nicht nur Erfolge gehören, sondern auch Rückschläge. Die Ergebnisse bewertet er aber als ermutigend.

Arbeitslosigkeit unter Geflüchteten ist rückläufig

„Aus den Zahlen geht hervor, dass die Integration in Erwerbstätigkeit immer besser gelingt“, sagt Vontra. Ein wichtiger Indikator in der Statistik: Wie viele Menschen, die zuvor arbeitslos waren, haben den Sprung auf den 1. Arbeitsmarkt geschafft, haben am besten sogar eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufgenommen?

Diese Zahl geht für Geflüchtete tendenziell in den vergangenen Jahren immer weiter nach oben – wobei man sich da mit den Statistiken ein bisschen behelfen muss. Kontinuierlich erfasst sind die Werte für Personen aus den acht wichtigsten Herkunftsländern von Geflüchteten (Eritrea, Nigeria, Somalia, Afghanistan, Irak, Iran, Pakistan, Syrien). Unter ihnen stieg im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen die Zahl der „Abgänge in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung“ von 27 im Jahr 2015 und 66 im Jahr 2016 auf 166 beziehungsweise 174 in 2018 und 2019.

Entsprechend ist die jahresdurchschnittliche Arbeitslosenzahl unter den Frauen und Männern aus genannten Ländern rückläufig: 209, 166, 146, 143 – so die Reihung für die Jahre 2016 bis 2019 in Bad Tölz-Wolfratshausen.

Erfahrungen der Agentur für Arbeit durch fünf Phasen gekennzeichnet

Vontra beschreibt als Erfahrungen der Agentur für Arbeit im Bereich Geflüchtete fünf verschiedene Phasen, die sich natürlich teilweise überschneiden:

2015/16: „Ja, wir schaffen das“: Diese Zeit war laut Vontra geprägt von „Tatendrang, Kreativität, Improvisation und Schaffensdurst“. In der Zentrale hätten „Asylgipfel“ stattgefunden, Mitarbeiter vom Azubi bis zur Controllerin seien von überall her zusammengezogen worden, um der Antragsflut Herr werden. Schulungen seien abgehalten, Wissensdatenbanken angelegt, Infomaterial erstellt und in verschiedene Sprachen übersetzt worden. „Ein Jahr voller Herausforderungen – aber mit dem festen Willen: Ja, wir schaffen das“, fasst Vontra zusammen.

 2016/17: Kulturschock und Ernüchterung: Laut Vontra wurde zunehmend klar: „Das wird kein Sprint, sondern ein gut geplanter Marathon.“ Immer deutlicher sei zu Tage getreten, welch unterschiedliches Bildungsniveau die Geflüchteten hatten – und auch, dass viele berufliche Erwartungen hatten, die einfach nicht erfüllbar waren.

Die Herausforderungen an manchen Stellen sind groß

Vontra illustriert einige Herausforderungen an Beispielen. Bei einer „Integrationsmaßnahme“ etwa seien am Montagmorgen noch alle unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge erwartungsfroh vorstellig geworden. Doch schon am Dienstag verlief das Eintrudeln schleppend. „Ermahnungen und Appelle fruchteten wenig.“ Die Kursleitung habe dann versprochen: „Wer um 8 Uhr da ist, bekommt ein großes Glas frische Milch.“ Das zog.

Ein andermal sollte eine Stelle als Bauhof-Mitarbeiter mit einem Geflüchteten besetzt werden. „Es ging um einfache Tätigkeiten wie Hof kehren oder Unkraut entfernen“, so Vontra. Doch die Arbeitsaufnahme scheiterte schon am ersten Tag daran, dass der Geflüchtete sprachlich kein Wort von der Sicherheitseinweisung verstand. „Auf dem Gelände wird auch mit schweren Gerät gearbeitet, oder es muss Sondermüll entsorgt werden.

Der dritte Fall: Ein junger Arbeitssuchender scheiterte beim Praktikum und erklärte: „Aber natürlich habe ich mein Praktikum verlassen und bin nach Hause gefahren. Wenn meine Mutter Hilfe braucht, dann ist das doch wichtiger als Regale einzuräumen. Familie steht immer an erster Stelle – oder ist das in Deutschland etwa anders?“

„Gemeinsam ist Integration in kleinen Schritten möglich.“

Michael Vontra, Vize-Chef der Rosenheimer Agentur für Arbeit

2017/18: Vernetzung: Mittlerweile, so Vontra, sei ein „solides Netzwerk“ gewachsen“ – aus Deutschkursträgern, Asyl- und Migrationsberatungsstellen, Ehrenamtlichen, Ämterlotsen, Anerkennungsstellen, sozialen und kirchlichen Trägern, beruflichen Kammern und vielen weiteren Akteuren. Es zeige sich: „Gemeinsam ist Integration in kleinen Schritten möglich.“

2018/19: Digitalisierung: Das Programm „My Tools“ nennt Vontra, der in der Arbeitsagentur das operative Geschäft leitet, als nur ein Beispiel für die vielen Möglichkeiten, die die Digitalisierung biete: Anhand von einfachen Fragen und Bildmaterial kann man damit ermitteln, welche beruflichen Vorkenntnisse ein Gefüchteter aus dem Herkunftsland mitbringt. Hilfreich seien auch Online-Formate von Bildungsträgern. Auch wer in Bad Tölz lebt, kann so zum Beispiel am Sprachkurs „Kommunikation am Krankenhaus“ teilnehmen, den die Vhs Main-Taunus-Kreis anbietet.

2019/20: Corona: Grenzschließungen, so Vontra, hätten einerseits die Flucht- und Migrationsströme gebremst. Andererseits sei die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarkts aktuell noch stark eingeschränkt. „Wir nutzen die Zeit für Qualifizierung.“

Insgesamt, so Vontras Fazit, habe die Agentur für Arbeit in den vergangenen fünf Jahren viel gelernt, sich gut vernetzt und ein breites Spektrum an Angeboten geschaffen, um Geflüchtete auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Herausforderungen gehen ihm zufolge aber nicht aus: „Denn beim Thema Flucht wird es immer um Einzelschicksale gehen.“

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