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„Das ist jetzt zu tun.“ Franz Schrödl erklärt einem Flüchtling ein Behördenformular.  

Hilfe von Mensch zu Mensch

Vaterfigur sein in Babylon

Bad Tölz – Er ist „Mädchen für alles“: Asylsozialberater Franz Schrödl ist für 250 Flüchtlinge in Tölz Ansprechpartner.  Dabei darf er nicht vergessen, auf sich selbst zu achten.

Er ist derzeit allein für rund 250 Asylsuchende zuständig: Franz Schrödl vom Verein „Hilfe von Mensch zu Mensch“ hilft den Flüchtlingen in Bad Tölz bei der Überwindung von Alltagshürden: Für die Integration sind das Sprache, Sitten und die deutsche Bürokratie.

Schrödl hat die Betreuung des Jodquellenhofs Anfang Oktober an eine neue Kollegin abgegeben. „Damit bleiben mir immer noch zwei Drittel der Betreuenden“, sagt er. Neben den rund 30 Unterkünften in der Stadt sind das noch Wackersberg und Gaißach.

Schrödl klagt nicht, obwohl das verständlich wäre bei einem Job, der eigentlich Übermenschliches abverlangt. Auf die Frage: „Schaffen wir das?“ antwortet der Asylsozialberater, der seit April für den Verein arbeitet: „Nur mit Selbstmanagement, das heißt, dass wir unsere eigenen Kräfte im Auge behalten müssen.“ Bei teilweise Zwölf-und-mehr-Stunden-Tagen müssten die Ressourcen eingeteilt werden. „Wir dürfen keinen perfekten Endzustand erwarten, und wir müssen lernen, uns von Schicksalen zu distanzieren. Sonst werden wir aufgerieben.“

Schrödls eigener Lebensweg kennt eine starke Wendung. Der gebürtige Regensburger war Zeitsoldat und im Auslandseinsatz mehrmals im ehemaligen Jugoslawien stationiert. Erst auf dem zweiten Bildungsweg wurde er Sozialpädagoge. „Meine jetzige Chefin stammt selbst aus dem ehemaligen Kriegsgebiet“, erzählt er.

Jetzt ist er „Mädchen für alles“. Schrödl besucht zusammen mit seiner Praktikantin, einer Palästinenserin aus Syrien, die ihm beim Übersetzen hilft, an der Salzstraße eine nigerianische Familie, die Englisch spricht. Als er ihnen mitteilt, dass eine Kollegin während seines Urlaubs erreichbar sein werde, reagieren seine Klienten fast entsetzt. Schrödl ist für sie eine Vaterfigur. Aber nach acht Monaten Arbeit muss er die eigenen Batterien erst einmal wieder aufladen. Die Kollegin sei nur in Notfällen zu Hilfe zu rufen, bläut er den Afrikanern ein.

Eine afrikanische Mutter im selben Haus ist kurz davor, Arbeit zu finden. Fünf Stunden am Tag, schwärmt sie vor. Sie träumt vom selbstverdienten Geld. Von Schrödl erfährt sie, welche Papiere sie zur Bewerbung benötigt. Die packt sie ein, um sofort noch einmal zur Angebotsstelle zu radeln.

Einer anderen afrikanischen Familie erklärt Schrödl, dass es wichtig ist, das Kind pünktlich zur Schule zu bringen. Er überlässt den Eltern die Uhrzeiten für die Hausaufgabenbetreuung und verabschiedet sich, das Gespräch mit den Flüchtlingen war freundschaftlich, es wurde gelacht.

Dann fahren der Asylsozialberater und seine Praktikantin in ein Haus im Badeteil. In der Einzimmerwohnung dort ist es still, der gerade ein paar Tage alte Säugling schläft. Der jungen Mutter aus Eritrea übersetzt Schrödls Begleiterin, dass sie demnächst die Sozialkarte bekommt und dann zur Tafel gehen kann. Die Frau ist verschüchtert und kann ihre Fragen weder in Englisch noch Arabisch stellen. Aber am Nachmittag wird der Asylsozialberater mit einer anderen Helferin zurückkommen, die die afrikanische Sprache beherrscht. Nach den Besuchen arbeitet Schrödl die Bürokratie am Laptop ab.

Als erstes fragen ihn die Flüchtlinge oft nach einem Deutschkurs. „Bis Ende Dezember fördert die Bundesagentur für Arbeit tägliche Deutschkurse“, berichtet Schrödl. Diese seien aber vor allem für Syrer, Eritreer, Iraner und Iraker. „Diese politische Vorgabe stellt Nigerianer, Afghanen oder Pakistani vor Probleme, aber weitere Kurse sind angekündigt.“ Bevor viel mehr Flüchtlinge sich in Deutsch verständigen können, wird noch einige Zeit vergehen. Schrödls Praktikantin und andere Helfer sind selbst asylsuchende Frauen und Männer, die Arabisch, Englisch oder Sprachen wie Tigrinya, Farsi, Urdu und Saho sprechen. Sie sind unentbehrlich inmitten dieses babylonischen Sprachgewirrs. „Ich weiß, dass ich sie nicht ewig haben werde“, bedauert Schrödl.

Die Palästinenserin aus Syrien ist seit einem Jahr in Deutschland. Sie könnte nicht einmal zurück, denn sie hat keine gültigen Papiere, erklärt sie selbst. Palästina gibt der Bürokratie weltweit Fragen auf. Diese junge Frau könnte Schrödl durchaus noch länger zur Seite stehen. „Verfahren dauern zwischen sechs Wochen und drei Jahren“, weiß er. Sie würde gern selbst arbeiten, aber ihr ungeklärter Status und ihr noch unzureichendes Deutsch erschweren diese Möglichkeit. So begleitet sie Schrödl häufig bei seinen Fahrten zu den Unterkünften. „Warum Asylverfahren mitunter so lange dauern, ist uns selbst ein Rätsel“, sagt Schrödl. „Wir begleiten diese Verfahren und helfen den Betroffenen, auf Fristen von manchmal nur sieben Tagen zu achten.“

Besser laufen könnte der Informationsfluss von Seiten der Behörden, meint der Mitarbeiter des Münchner Vereins. Wenn eine Familie umzieht, weil es das Sozialamt angeordnet hat, kann es sein, dass das Kind eigentlich in eine andere Grundschule gehört. „Das sollten auch wir im Vorfeld erfahren“, meint Schrödl. Und was ist mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge? Er winkt ab: „Es gibt nur eine einzige Telefonnummer. Die haben alle, aber ich habe keine Zeit, tagelang vergeblich anzurufen.“ Verständnis für die Behörden bringt er dennoch auf: „Wir alle befinden uns aktuell in einer Ausnahmesituation. Das bedeutet eine hohe Arbeitsbelastung für jeden.“

Aber es gibt zuversichtlich stimmende Zeichen: So sieht Schrödl den Asylhelferkreis im Mehrgenerationenhaus sehr positiv. Und in einer Woche haben vier neue Familienpaten mit ihrem Ehrenamt begonnen, zusätzlich zu den 180 freiwilligen Helfern.

Info

Der Verein „Hilfe von Mensch zu Mensch“ steht Migranten und Flüchtlingen seit 23 Jahren mit „Hilfe zur Selbsthilfe“ zur Seite. Weitere Informationen unter www.hvmzm.de.

Birgit Botzenhart

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