Pilotprojekt der Erzdiözese

Auch Laien sollen Pfarreien leiten dürfen

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    Silke Scheder
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Für die Seelsorge bleibt vielerorts kaum noch Zeit, weil sich immer weniger Priester um die Verwaltung immer größerer Pfarrverbände kümmern müssen. Um das Problem zu lösen, sollen künftig auch Laien mehr Verantwortung in der Leitung von Pfarreien übernehmen. Die Idee von Kardinal Reinhard Marx stößt im Südlandkreis auf offene Ohren.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Bislang galt: Nur geweihte Priester dürfen an der Spitze von Pfarreien stehen. Die Folge: Wegen des Priestermangels mussten vielerorts die Gemeinden zu immer größeren Seelsorgeeinheiten zusammengelegt werden. Schlimmstenfalls sind die betroffenen Pfarrer mehr mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt als mit der Seelsorge. Kardinal Reinhard Marx will diese Entwicklung stoppen, indem es in Zukunft möglich sein soll, dass sich Priester und Laien gleichberechtigt die Leitung einer Pfarrei teilen. Ein entsprechendes Pilotprojekt soll im Herbst in drei ausgewählten Dekanaten der Erzdiözese München und Freising starten (wir berichteten überregional).

Joachim Baumann hält diesen Ansatz für sinnvoll. „Es ist gut, dass die Kirche beginnt, über neue Modelle nachzudenken“, sagt der neue Seelsorger für den Pfarrverband Gaißach-Reichersbeuern. Denn eine Entlastung der Priester wäre seiner Einschätzung nach durchaus sinnvoll: „Alle Seelsorger, die ich treffe, haben einen Haufen zu tun.“ Außerdem tragen dem Theologen zufolge ohnehin schon jetzt viele Laien Verantwortung in den Pfarreien – mit Erfolg. Baumann denkt da zum Beispiel an jene Männer und Frauen, die sich zum Wortgottesdienstleiter haben ausbilden lassen. Wenn Bedarf ist, übernehmen sie die Gottesdienste – so wie dieser Tage, da Pfarrer Ludwig Scheiel krank ist.

„Man verlangt viel von den Ehrenamtlichen“

Etwas zurückhaltender äußert sich der Tölzer Kaplan Dr. Benjamin Bihl zu den Plänen von Kardinal Marx. „Man verlangt viel von den Ehrenamtlichen“, findet der Geistliche. In Bad Tölz muss man in absehbarer Zeit aber wohl eh nicht auf solche Modelle zurückgreifen: „Die Verwaltung ist sehr gut aufgestellt.“ Für die Geistlichen bedeute das eine „erhebliche Entlastung von fachfremden Aufgaben“.

Sehr nachdenklich gestimmt hat Bihl die Aussage von Albert Schmidt. Der ehemalige Vorsitzende des Landeskomitees der Katholiken in Bayern hat in einem Interview Bedenken gegen die Pläne von Marx geäußert – unter anderem, weil er befürchtet, dass die Laien „gewissermaßen als Notnagel“ dienen würden. „Ich hoffe, dass sich diese Befürchtungen nicht bestätigen“, betont Kaplan Bihl.

Keine Probleme sieht Brigitte Blösl. „Das Pilotprojekt ist eine gute Alternative zu immer größer werdenden Pfarreien“, findet die Tölzer Gemeindereferentin. Die Kirche müsse schließlich vor Ort bleiben und das sei schwierig, wenn die wenigen Pfarrer, die es noch gibt, für immer größere Seelsorgeeinheiten zuständig sind. Außerdem sei es eine große Bereicherung, wenn getaufte und gefirmte Menschen die Pfarrei mitgestalten würden. „Wenn die Leitung bunter wird, wird auch die Blickperspektive vielfältiger.“ Einen weiteren Vorteil sieht Blösl darin, dass die Verantwortung auf diesem Wege auf mehrere Schultern verteilt werde und somit der Priester entlastet würden.

Ansprechpartner vor Ort sind wichtig

Pfarrer Heiner Heim aus Benediktbeuern sieht sich selbst zwar nicht übermäßig durch organisatorische Aufgaben überlastet. Dennoch sei klar, dass es einer neuen Organisation bedarf. „Die Verantwortung muss an Menschen übergeben werden, wenn kein Pfarrer da ist“, sagt Pfarrer Heim. Die Seelsorge in Großpfarreien sei keine Lösung. „Es braucht Ansprechpartner vor Ort, die die Sorgen und Nöte der Menschen kennen und sich auch mal mit an den Stammtisch setzen.“ Ansonsten werde die Anonymität in Pfarreien immer größer.

Ein Ansprechpartner vor Ort, das hält auch Rosmarie Meßmer für wichtig. „Leitungsteams aus haupt- und ehrenamtlichen Laien sind auf jeden Fall förderlich“, sagt die Lenggrieser Gemeindereferentin. Neu sei dieses Konzept aber nicht. Im Nordosten Brasiliens etwa sei es selbstverständlich, dass Ehrenamtliche Wortgottesdienste, Gebetsstunden und sogar Beerdigungen halten. „Nur so gedeiht der Glaube in den Basisgemeinden.“ Meßmer könnte sich dieses Modell also auch in Bayern vorstellen. „Wichtig ist allerdings, dass sie keine Lückenbüßer sind, sondern für ihren Dienst am Menschen ausgebildet und von Seiten der kirchlichen Vertreter und der Gläubigen wertgeschätzt werden.“

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