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Hagelflieger in Aktion: An den Tragflächen des Flugzeugs sind zwei Generatoren montiert, die jeweils 20 Liter Silberjodid-Lösung beinhalten. Die Piloten zünden sie im Aufwindfeld der Gewitterzelle. Das Silberjodid verbrennt und „impft“ die Wolke mit seinem Rauch, also mit zusätzlichen künstlichen Eiskeimen. Das ideale Ergebnis ist dann ein deutlich verkleinerter Hagelschlag, der im besten Fall am Boden nur noch als Graupel oder satter Regen ankommt. Aufgrund der extrem geringen Konzentration kann das Silberjodid nicht mehr im Boden nachgewiesen werden.

Hagelflieger wieder über dem Tölzer Land gesichtet

Auch über den Wolken gibt es Grenzen

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Die Hagelflieger aus dem Landkreis Rosenheim sind in diesem Sommer schon bis zum Sylvenstein- und Walchensee geflogen. Allerdings: Sie haben keinen Auftrag, auch das Tölzer Land zu schützen.

Bad Tölz/Rosenheim– Ihr Job ist lebensgefährlich, und es gibt nicht wenige, die den Sinn bezweifeln: Die Rede ist von Hagelfliegern, die mit kleinen, zweimotorigen Flugzeugen möglichst nahe an eine Gewitterzelle heranfliegen, um dort ein Gemisch aus Silberjodid und Aceton freizusetzen. „Impfen“ nennt man das in der Fachsprache. Dadurch soll verhindert werden, dass sich Hagelkörner bilden. Stattdessen soll der Niederschlag in Form von Graupel oder Regen zu Boden gehen.

In den vergangenen Wochen waren die Hagelflieger auch wieder im südlichen Tölzer Land zu sehen. Allerdings: Ein Auftrag, diese Region zu schützen, haben sie nicht. Das 4800 Quadratkilometer große Schutzgebiet, das die Hagelflieger betreuen, erstreckt sich über die Stadt und den Landkreis Rosenheim, über die Landkreise Miesbach und Traunstein sowie seit dem Jahr 2000 auch über 24 Gemeinden der Bezirke Kufstein und Kitzbühel.

Weil aber nun die meisten Gewitter von Westen aufziehen und die Piloten den Zellen entgegenfliegen müssen, fliegen sie auch über die Grenzen des Einsatzgebietes hinaus – also Richtung Tölzer Land. „Das ist jeweils abhängig von der Zuggeschwindigkeit des Gewitters“, sagt Georg Vogl, Kommandant der Hagelflieger und angestellt im Landratsamt Rosenheim. Ziel sei, im Schutzgebiet Hagelschlag zu verhindern. „Wenn es dann auch im Landkreis Tölz nicht hagelt, freut uns das, aber es ist nicht primär unsere Aufgabe“, sagt Vogl schmunzelnd. Derzeit sei nicht geplant, das Schutzgebiet auszuweiten: „Wenn, dann bräuchten wir ein drittes Flugzeug und müssten auch von Königsdorf aus starten können.“ Derzeit gibt es zwei Flugzeuge und sieben Piloten. Zwar gebe es viele, die sich für diese Aufgabe interessieren, „aber die Anforderungen sind hoch“, sagt Vogl. Fachliche Voraussetzung sind Berufspilotenschein und Instrumentenflugberechtigung. Kandidaten werden mindestens ein Jahr lang getestet, ob sie für die riskante Aufgabe in Frage kommen.

Die Hagelabwehr wird nicht nur von kommunaler Seite unterstützt, sondern auch vom „Verein zur Erforschung der Wirksamkeit der Hagelbekämpfung im Raum Rosenheim“. Zieht ein schweres Gewitter auf, ist ein Piloten innerhalb von einer halben Stunde einsatzbereit. Wurden sie früher noch von Meteorologen am Boden geleitet, haben sie heute selbst ein Radarbild im Cockpit. „Es gab in den vergangenen Jahren erhebliche technische Verbesserungen“, berichtet Vogl. An Bord kann man direkt auf die Daten des Deutschen Wetterdienstes zurückgreifen. Gab es früher ein Radarbild nur alle 30 Minuten, so dauert es heute nur noch drei bis fünf Minuten, um die aktuelle Wetterentwicklung zu sehen. Trotzdem sind die Piloten noch immer mit einem Meteorologen auf dem Boden verbunden. Es geht darum, den Aufwindbereich der Gewitterzelle bestmöglichst zu finden. Sowohl Meteorologe als auch Pilot brauchen bei diesem Einsatz große Erfahrung – denn in einer Gewitterzelle ist es so turbulent, dass der Flug den Piloten das Leben kosten kann.

Wie oft die Hagelflieger heuer schon gestartet sind, hat Vogl statistisch noch nicht festgehalten. Etwa elf bis zwölf Mal, sagt er. „Es wird eine durchschnittliche Saison.“ Allerdings sei man „aus der heißen Phase“ noch nicht heraus: „Wenn es im August kracht, dann richtig.“

Vogl ist mit dem Erfolg zufrieden: „Es hat heuer in unserem Schutzgebiet bislang nirgends große Hagelschäden gegeben.“ In den vergangenen Jahren habe sich nämlich auch die Technik an Bord verbessert: „Wir können die Wolken jetzt besser impfen, weil die Generatoren, die wir zünden, besser regelbar sind“, sagt Vogl.

Die Hagelflieger arbeiten zudem in einem Projekt mit der Hochschule Rosenheim zusammen. „Ziel ist die verbesserte Aufbereitung von Wetterdaten, um die Impfgenauigkeit und damit die Wirksamkeit der Hagelabwehr zu erhöhen.“

Weitere Infos

im Internet auf www.hagelabwehr-rosenheim.de.

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