+
Vor dem Wolfratshauser Amtsgericht bekam der junge Angeklagte eine allerletzte Chance, sich zu bessern. 

Tölzer (19) vor Gericht

„Auf dem Weg zum Intensiv-Straftäter“

  • schließen

Seit seinem 18. Geburtstag ist ein junger Tölzer außer Rand und Band. Er reiht im Monatsrhythmus eine Straftat an die nächste.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Der junge Mann fuhr unter Drogeneinfluss und ohne Führerschein mit dem Auto, floh vor einer Polizeikontrolle und handelte mit Drogen. „Sie sind auf dem Weg zum Intensiv-Straftäter“, stellte Friederike Kirschstein-Freund bei der Verhandlung im Wolfratshauser Amtsgericht fest. Trotzdem gab die Richterin dem 19-Jährigen eine allerletzte Chance. Sollten die zahlreichen Erziehungsmaßnahmen in den nächsten sechs bis neun Monaten fruchten, wird seine einjährige Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Zeigt er keinen Willen zur Besserung, muss er für ein Jahr ins Gefängnis.

Der Tölzer geriet bereits als 14-Jähriger erstmals mit dem Gesetz in Konflikt, als er bei einem Diebstahl erwischt wurde. Es folgten weitere kleinere Delikte. Mit seinem 18. Geburtstag nahm die kriminelle Karriere richtig Fahrt auf. Im Oktober 2018 fuhr er trotz Cannabis-Konsum durch München, geriet in eine Verkehrskontrolle und versuchte zu fliehen. Im Februar 2019 kiffte der gebürtige Wolfratshauser bei einer Geburtstagsparty am Steiner Ring in Geretsried und gab Drogen an andere Gäste weiter. Obwohl er schon längst keinen Führerschein mehr besaß, kaufte sich der Tölzer am 7. März ein Auto, auf das er ein ungültiges Kennzeichen schraubte. Vier Tage später stoppte ihn die Polizei auf der Königsdorfer Straße, als er unter Drogeneinfluss durch Bad Tölz fuhr. Im April wurde er wegen Diebstahl von Zigaretten und Wodka zu zwei Wochen Freizeitarrest verurteilt. Bereits Anfang Mai erwischten ihn die Polizisten, als er auf dem Alten Bahnhofsplatz in Bad Tölz Drogen verkaufte. „Zwischen dem Arrest und dem Drogenverkauf lagen gerade mal vier Tage“, stellte Kirschstein-Freund fest. „Das ist an Dreistigkeit nicht mehr zu überbieten. Da haben sie eine fette rote Linie überschritten.“ Der Tölzer antwortete: „Das war eine schlechte Zeit. Ich habe überall geschlafen – mal bei meinem Vater, mal bei meiner Mutter, mal bei meinen Freunden und mal im Auto.“

Schließlich entstand auch noch 2200 Euro Sachschaden, als er versuchte, in einem Gebäude an der Wachterstraße in Bad Tölz gewaltsam die Haustüre zu öffnen. Der Grund: „Derjenige, der da wohnt, hat mir Geld geklaut. So ungefähr 600 oder 700 Euro.“ Auf Nachfrage räumte er ein, dass es sich bei der Summe um Geld aus dem Drogenverkauf handelte. Deshalb sitzt der Angeklagte seit Dezember in Haft.

Josephin Bettzüge von der Jugendgerichtshilfe schilderte die Umstände, unter denen der Angeklagte aufgewachsen ist. Als er zwölf Jahre alt war, ließen sich die Eltern scheiden. Die Mutter zog mit ihren drei Kindern zu ihrem neuen Lebensgefährten nach Ellbach. Dort habe es vermehrt „pubertäre Streitigkeiten“ gegeben: „Meist ging es um die Einhaltung von Regeln.“ Als Konsequenz zog der damals 15-Jährige zu seinem Vater nach Bad Tölz. Die Familie suchte Rat bei der Familienberatungsstelle der Caritas in Bad Tölz. Für eine gewisse Zeit verbesserte sich das Verhältnis zur Mutter, ehe die Lage 2018 eskalierte. „Mit 18 Jahren wollte er sich nichts mehr von den Eltern sagen lassen“, sagte Bettzüge. Der junge Mann war arbeitslos, hatte keine legalen Einnahmen, häufte rund 5000 Euro Schulden an. Positiv sei, dass der Tölzer in der Haft „viel nachgedacht“ habe und sich „sehr reflektiert“ zeige. Zudem stünden seine Eltern – trotz aller Vergehen – hinter ihm.

Alle Infos zur Kommunalwahl im Tölzer Land

Kirschstein-Freund hielt dem Angeklagten eine Standpauke. „Stellen sie sich vor, sie bauen ohne Haftpflichtversicherung und unter Drogeneinfluss einen Unfall. Das Opfer würde dann auf dem Schaden sitzen bleiben. Sie hätten einen Riesenberg Schulden und hätten sich jede Zukunft verbaut.“ Anders als mit Haft sei ihm wohl nicht beizukommen. Der Angeklagte sei „völlig unselbstständig“, weise „wahnsinnige Erziehungsmängel“ auf und zeige sich selbst von Freizeitarrest und Haft völlig unbeeindruckt. Daher gebe es keine günstige Sozialprognose und keinen Raum für eine Bewährungsstrafe.

Walchensee-Konzept nimmt Fahrt auf

Um einer Haft doch noch zu ergehen, muss der 19-Jährige viele Vorgaben einhalten. Er muss sich bis zum 2. März beim Jobcenter und bei den Tölzer Coaches melden, wöchentlich acht Stunden Sozialdienst leisten, fünf Gespräche mit der Suchtberatung der Caritas führen, vier Bewerbungen pro Woche schreiben und sich regelmäßig auf Drogen testen lassen: „Vielleicht kommen wir im August zu der Überzeugung, dass es einen Bewährungsgrund gibt – heute konnten wir ihn nicht erkennen“, sagte Kirschstein-Freund. Sie appellierte: „Nutzen sie den kleinen Hoffnungsschimmer.“

„Kann sein, dass ich nicht den positivsten Eindruck gemacht habe“, entgegnete der Tölzer. „Ich will aber ein normales Leben ohne Rückfall führen. Ich bin bereit, das zu beweisen – auch wenn sie das nicht glauben.“

Bad-Tölz-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Bad-Tölz-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus dem Landkreis Bad Tölz - inklusive aller Entwicklungen rund um die Kommunalwahlen auf Gemeinde- und Kreisebene. Melden Sie sich hier an.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Hamsterkäufe gegen die eigene Ohnmacht
Wie wirkt sich die derzeitige Krise auf die Psyche der Menschen aus? Im Interview erklärt Psychologe Dr. Markus Reicherzer, die Auswirkungen - und den Hintergrund von …
Hamsterkäufe gegen die eigene Ohnmacht
Kontaktlos einkaufen auf dem Bauernhof
Die Hofläden im Landkreis versorgen die Menschen auch in der aktuellen Corona-Situation weiter mit selbsterzeugten und regionalen Produkten. Dafür gibt es jedoch einige …
Kontaktlos einkaufen auf dem Bauernhof
Kreativ in Zeiten der Krise
Veronika Ranz näht leidenschaftlich gerne. Ihr Hobby nutzt die Kochlerin nun dazu, Stoffmasken als Behelfs-Mund- und Nasenschutz zu nähen. Die Nachfrage ist groß. Ihren …
Kreativ in Zeiten der Krise
Abitur-Vorbereitung zur Zeit der Pandemie
Aufgrund der aktuellen Lage wurde das bayerischen Abitur verschoben. Am 20. Mai – drei Wochen später als einst geplant –soll es nun mit den Prüfungen los gehen. Während …
Abitur-Vorbereitung zur Zeit der Pandemie

Kommentare