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Indisch ist in: Devinder Singh (hier mit Sohn) serviert im „Yellow Chilli“ seit etwa drei Jahren indische Spezialitäten. Zwei Köche – geholt nach einem strengen Auswahlverfahren – sorgen für authentischen Geschmack.

Eine Frage des Geschmacks

Ausländisches Essen im Trend - aber was ist mit bayerischen Wirtshäusern? 

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Schweinshaxn und Knödel in Ehren – etwas Abwechslung auf dem Teller scheint aber auch vielen zu schmecken. Nicht umsonst gibt es im Landkreis eine reiche Auswahl internationaler Restaurants. Das Geschäft brummt – doch es gibt einen Haken.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Vor 40 Jahren, als Umile Amodio sein „Italy“ in Geretsried eröffnete, galt Pizza als Exot im gutbürgerlichen Speiseangebot des Landkreises. „Die ersten vier, fünf Monate waren schwer“, erinnert sich der Kalabrese: „Aber dann kamen die Leute“ – und freuten sich über die kulinarische Abwechslung. Bis dahin hatte es nur in Bad Tölz ein italienisches Restaurant gegeben: das 1968 von der Familie Pollini begründete „Amalfi“.

Etwa zur gleichen Zeit wie die italienische hielt die jugoslawische Küche Einzug in die oberbayerische Wirtshauskultur: Seit Ende der 1960er Jahre kann man im „Restaurant Bibisee“ bei Königsdorf Cevapcici und Pljeskavica genießen, weiß Marko Buric. Der Kroate hat die Gaststätte seit 16 Jahren gepachtet. Das Geschäft läuft gut, sagt er – vor allem bei schönem Wetter, wenn der Biergarten geöffnet ist. „Mich erinnert das Essen immer an unsere Kroatienurlaube. Obwohl – eigentlich schmeckt es mir hier fast noch besser“, sagt Franz Oberhuber, der seit Jahren am Bibisee seine Rasnici bestellt.

„Beim Essen muss die Qualität stimmen, dann läuft‘s“

Pizza, Gyros und Döner findet man heute an jeder Ecke. Wer es exotischer mag, geht ins „Yellow Chilli“. In unmittelbarer Nachbarschaft vom „Restaurant Bibisee“ werden hier seit gut drei Jahren indische Spezialitäten serviert. Zwei Köche, die Pächter Devinder Singh nach einem strengen Auswahlverfahren „original aus Indien“ geholt hat, sollen den authentischen Geschmack gewährleisten. Für den bayerischen Gaumen würzen sie die Gerichte allerdings etwas milder, gibt der Gastronom zu. Immerhin jeder zweite Tisch, erzählt er, verlangt aber nach seiner hausgemachten Soße aus grünen Chilisamen zum Nachschärfen. Seine bayerische Ehefrau Hannelore berät unerfahrene Gäste bei der Auswahl der Speisen: „Unser Chicken Tikka Masala mit Mandelsoße essen sogar Kinder gern“, sagt sie. Dass neben Lamm-Korma und Tandoori-Ente auch Pizza und Schnitzel auf der Speisekarte zu finden sind, war laut Singh ein Wunsch des Lokaleigentümers – als eine Art kulinarische Absicherung, falls die fremdländische indische Küche in der Region nicht so viele Freunde finden würde. Eine grundlose Sorge, wie sich herausgestellt hat. Das Geschäft brummt, sagt Singh: „Beim Essen muss die Qualität stimmen, dann läuft’s.“

Auch die wachsende Zahl der Sushi-Liebhaber muss nicht weit fahren, um ihren Appetit auf rohen Fisch zu stillen. Im „Duc Minh“ am Märchenwald in Wolfratshausen bietet der Vietnamese Doanh Thinh Ngo seit 2009 japanische und andere asiatische Gerichte – vor allem in Buffetform. Krokodilfleisch und Froschschenkel gab’s bis vor Kurzem in der „Asienperle“ in Geretsried. Nach seiner Übernahme Ende 2017 hat der neue Geschäftsführer Ge Xufeng diese Exoten allerdings von der Speisekarte gestrichen. Was vom Vorgänger blieb, ist das klassische chinesische Buffet, erklärt er.

Bier mit frischem Ingwer gehört zu den meistbestellten Getränken

In der Traditionsgaststätte „Zum Papyrer“ in Fleck in Lenggries gibt es seit Juni 2016 neben der gutbürgerlichen thailändische und vietnamesische Küche – mit Erfolg. „Gesundes, frisches Essen ist sehr gefragt“, sagt Pächterin Lisa Hong Niederstrasser. Auch für ungewöhnliche Getränke sind die Isarwinkler zu haben: Bier mit frischem Ingwer gehöre zu den meistbestellten Getränken. Erklären kann sich die Vietnamesin die Vorliebe ihrer Gäste für exotische Spezialitäten nur so: Deutsch kochen könne jeder selbst zu Hause.

Bayerisch trifft Asiatisch: Lisa Hong Niederstrasser und ihr Mann Uwe führen Landgasthof „Zum Papyrer“ in Fleck. Fast 80 Prozent ihrer Gäste ziehen asiatische Spezialitäten der gutbürgerlichen Küche vor.

Geht die kulinarische Vielfalt im Landkreis auf Kosten der alteingesessenen bayerischen Wirtshäuser? Tatsächlich sinkt die Zahl traditioneller Gaststätten seit Jahren, erläutert Monika Poschenrieder, Vorsitzende des Fachbereichs Gastronomie im Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband: „Schon 3000 Dörfer in Bayern haben kein Wirtshaus mehr.“ Schuld sind ihrer Meinung nach die strengen behördlichen Auflagen beim Brandschutz, der Mindestlohn und hohe Ausgaben für Modernisierungsmaßnahmen. „Diese Kosten belasten vor allem kleinere, eigentümergeführte Betriebe sehr“, klagt die Inhaberin des Forellenhofs Walgerfranz bei Bad Tölz. Ausländische Lokale seien dagegen häufig gepachtet, da fallen viele Investitionen weg. Ein Dorn im Auge ist ihr auch der Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent für servierte Speisen im Lokal. Im Lieferservice oder an der Imbissbude fallen nur sieben Prozent an. Das wissen vor allem die asiatischen Gaststätten zu nutzen: Wie etwa das „Yellow Chilli“ und das „Duc Minh“ machen viele einen Teil ihres Umsatzes mit Take-away-Gerichten. Aber auch die Sitzplätze im Lokal und im Sommer im Biergarten seien fast immer gut belegt, betont Devinder Singh. Dass er dafür jeden Mittag und Abend in seinem Restaurant die Gäste bedient, macht dem 56-jährigen Inder nichts aus: „Da bleibe ich in Bewegung“, meint er lachend.

Auch „Italy“-Eigentümer Amodio steht seit 40 Jahren fast täglich bis spätabends in der Küche, sagt er. Nicht zuletzt deshalb sei das Lokal heute „ein Bombengeschäft“.

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