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Dem heiligen Leonhard und dem Föhnwind sei Dank: Anders als in den Vorjahren mussten die Wallfahrerinnen heuer keine Regencapes überstreifen, sodass unter anderem die Alttölzer Tracht dieser Mädchen und Frauen in voller Schönheit sichtbar war.

18.000 Besucher

So ging es bei der 163. Leonhardifahrt in Bad Tölz zu - Unfall überschattet Wallfahrt

Sonne, Wärme, blauer Himmel: Die Tölzer Leonhardifahrt war ein voller Erfolg. Nur ein Reitunfall überschattet den Tag.

Bad Tölz – Facettenreiches Leonhardi: Bei der berühmtesten Wallfahrt des Landes, Unesco-Kulturerbe – und jedes Jahr für Einheimische ein wahrer Feiertag – kamen am Dienstag laut Polizei zwischen 17.000 und 18.000 Besucher. Das war in Bad Tölz los.

Badeteil

Die Leonhardifahrt – das bedeutet Trubel in Bad Tölz. Doch in der Früh, um 8.30 Uhr, herrscht oben im Badeteil andächtige Stimmung. Frauen huschen in ihren Miedern über die Straße. Ruhige Gemütlichkeit herrscht, nur hier und dort klingen sanft ein paar Glocken am Pferdegeschirr. Einige der 77 Leonhardiwägen rangieren gerade noch an ihre Start-Position. Die Rösser stehen seelenruhig, eingespannt vor den Truhen-, Tafel- und Darstellungswägen. Klare Morgenluft, Sonne und blauer Himmel kündigen einen fabelhaften Wallfahrtstag an.

Die Reichersbeurer Jungfrauen thronen schon auf ihrem Truhenwagen. Zwischen den traditionellen Miedern blitzt die digitale Welt hervor: Einige Mädchen von Wagen 13 machen Fotos mit ihren Smartphones. „Für Instagram“, bestätigt Anna Forstner. Die Fotos stellt die 19-Jährige gleich ins Internet.

Mehr Fotos von der Leonhardifahrt auf toelzer-kurier.de

Christina Weichenrieders Tag – sie ist Truhenälteste von Wagen 15 – begann um 4 Uhr mit Frisieren, Frühstücken und Anziehen. „Dann werd da erste Schnaps getrunken, damit das Beten leichter geht,“ sagt die Arzbacherin lachend.

Isarbrücke/Marktstraße

„Schon über eine Stunde“ sitzt Josef Ram für den besten Blick auf die Wallfahrer in seinem Rollstuhl dort, wo es von der Isarbrücke zur Marktstraße geht. Um kurz nach 9 Uhr kommen die Vorreiter Peter Stockner und Lukas Stauffert an, hinter ihnen rollen die Wägen mit der Geistlichkeit, dann die Stadträte mit ihren Zylindern und an dritter Stelle die Ministranten. Die Vorreiter stoppen, damit die hinteren Wägen aufschließen. Josef Ram kommt aus München und war schon häufig in Bad Tölz. Heuer wollte der 87-Jährige endlich einmal die Leonhardifahrt sehen. Neben Ram stehen die Zwillinge Johannes und Maximilian Damnig aus Dießen – mit großen Augen und offenen Mündern. Papa Leonhard feiert Namenstag, deswegen reiste die Familie nach Bad Tölz. Den vierjährigen Buben gefällt „alles. Die Musik, die Wägen, die Pferde.“

Kalvarienberg

Und schon klappern die Hufe die Marktstraße hinauf, die Leonhardiwägen biegen über die Jäger- in die Nockhergasse, dann geht’s über den steilen Maierbräugasteig endlich hinauf zur Segnung auf den Kalvarienberg.

Dort steht zwischen Kirche und Leonhardikapelle Leni Gröbmaier auf der Tribüne für die Ehrengäste. „Kommt der Markus Söder jetzt oder nicht?“ Die Dietramszeller Bürgermeisterin stellt die Frage, die in den vergangenen Tagen für Spannung gesorgt hatte. Die Antwort: Nein. Söder hatte sich am Dienstag erneut zum Ministerpräsidenten wählen lassen und besuchte – anders als zunächst angekündigt – in diesem Jahr die Wallfahrt nicht. Mit einem Augenzwinkern bezweifelt Gröbmaier, dass die Tölzer Söder dies verzeihen werden. „Das wird ihn schon ein paar Stimmen kosten“, scherzt die Dietramszellerin.

Gottesdienst

Während sich vor allem die jungen Einheimischen zwischen den Leonhardiwägen auf der Kalvarienbergwiese tummeln, um von den Wallfahrerinnen Schnapserl und Liköre ausgeschenkt zu bekommen, beginnt um 10.30 Uhr der Gottesdienst vor der Kalvarienberg-Kapelle. „Der heilige Leonhard ist das Gegenstück zum heutigen Lifestyle“, sagt Stadtpfarrer Peter Demmelmair zu zahlreichen andächtigen Gläubigen. Zum Dank für die Rettung seiner Tochter wollte ein König Leonhard nämlich mit Schätzen überschütten. Doch der lehnte ab und sagte „I dank da schee, aber i nehm nur so vui, wia i brauch“, so Demmelmair. Auch das Angebot, Bischof zu werden, lehnte der Schutzpatron der Pferde und des Viehs ab, lieber pflegte Leonhard Kranke und Hilfsbedürftige.

Khannturm

Ulrich Holz steht um 12.30 Uhr unterm Khannturm, die letzten Wägen vom Kalvarienberg fahren gerade in Richtung Mühlfeldkirche. Die Wallfahrt neigt sich dem Ende zu. Seit 40 Jahren fährt der 68-Jährige jedes Jahr bei Wind und Wetter aus Biberach in Oberschwaben zur Wallfahrt nach Bad Tölz. „Ich habe gesehen, wie in der Zeit das Haar mancher Wagenführer von schwarz zu silbern wechselte“, sagt Holz. „Es ist faszinierend, wie die Gesichter sich über die Jahre verändern.“ Er liebt die Anspannung, die Wägen, und zu beobachten, welcher der Fahrer gut in Form ist – und welcher weniger gut. Das Schönste für Holz: „Es hat sich seit Jahren nichts verändert, alles bleibt traditionell.“ Kurz zuvor hatte sich in dem Bereich ein Reitunfall ereignet, bei dem ein Pferd auf dem Kopfsteinpflaster ausgerutscht ist. Der Reiter wurde dabei verletzt.

Franzmühle

Schräg gegenüber stehen an der Einfahrt zur Franzmühle einige Stadträte und betrachten die letzten vorbeifahrenden Wägen. Bürgermeister Josef Janker ehrt bei seiner Rede im Innern des Pfarrheims langjährige Wallfahrer, darunter Anton Mayer aus Ellbach. „Mayer spannte schon 80-mal für Leonhardi ein“, sagt Janker. Er hatte zwei Reden für den Tag vorbereitet, eine „mit“, eine „ohne Ministerpräsidenten“.

Statt Söder genießt der bayerische Regierungsvizepräsident Walter Jonas die Leonhardifahrt. „Das stiftet hier ja einen unglaublichen Gemeinschaftssinn“, so Jonas. Landrat Josef Niedermaier fügt hinzu: „Zu Weihnachten und Lehards, da kimmt ma heim.“

Nora Linnerud 

Lesen Sie auch: Die Tölzer Leonhardifahrt fand bei bestem Wetter statt. Wie schön die Traditionsveranstaltung heuer ist, sehen Sie auch im Video.

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