Historie und Heute im Vergleich

Bad Tölz 1812: Diese Karten verändern Ihren Blick auf die Stadt

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Löcher in der Marktstraße? Bad Krankenheil? Ur-Landkarten enthüllen kuriose Geschichten aus Bad Tölz und Lenggries. 

Bad Tölz/Lenggries - „Urpositionsblatt“ nennt sich die erste offizielle Landkarte des Markts Tölz, der 1906 zur Stadt erhoben wurde. Legt man die Ur-Karte von 1812 über ein Luftbild von heute, verändert sich nicht nur die Isar. Auch Häuser der Marktstraße erscheinen und verschwinden zwischen den Jahrhunderten. Einfach mal den Regler hin- und herschieben!

Die Gebäude der alten „Marktgasse“ sind durchnummeriert, beginnend auf der Nordseite von oben nach unten. Das Haus des Tölzer Kurier - heute Marktstraße 1 - trägt die 41, dann wird auf der Südseite nach oben bis 83 weitergezählt. Eine Besonderheit ist das Haus Nummer neun: Das Hacklbräu-Gebäude musste 1874 für die Durchfahrt zum alten Bahnhof weichen. Seither kann man am Winzerer-Denkmal in die Hindenburgstraße abbiegen. 1877 wird das Tanzhaus auf der Südseite abgerissen, die Zufahrt über die „Schulgasse“ entsteht. Der Beweis:  Schiebt man den Regler, verschwinden Haus 67, Haus 9 taucht auf. 

Lenggrieser wohnen, wo einst die Isar floss

Im digitalen Bayern-Atlas, ein Angebot des Geoportals Bayern, sind sämtliche Urpositionsblätter eingebaut. Sie sind ein Resultat der ersten Vermessung Bayerns, die Napoleon zu Besatzungszeiten angeleiert hatte. Das gleiche Spiel wie mit der Tölzer Marktstraße kann man auch mit Lenggries treiben. Hier wird noch deutlicher, wie sehr Begradigungen den Verlauf der Isar beeinflusst haben. So mancher Lenggrieser wohnt heute, wo einst Wasser gen Tölz floss. Wer die Ur-Karte nach Westen ausbreitet, macht spannende Entdeckungen.

Auf der Westseite der Isar ist um 1863 kaum Bebauung vorhanden. Die Luitpolderhöfe (ehemals Leipolderhöfe) und Gilgenhöfe sind Ausnahmen. Natürlich verschwindet auch die Prinz-Heinrich-Kaserne, die erst zwischen 1935 und 1936 erbaut wurde. 

Tölzer Kirchen bilden ein fast gleichschenkliges Dreieck

Liebevoll-verwinkelt gewachsene Altstädte hier, Reißbrett-Planstädte dort: Dieser Gegensatz ist beliebt - hinkt aber manchmal. Weltlichkeit und Geistlichkeit, das alte Rathaus in der Marktstraße und die Stadtpfarrkirche liegen in Tölz direkt gegenüber. Die Tiefe der Häuser an der Marktstraße liefern Aufschluss über deren Breite. Für durchdachte Planung sprechen auch die Abstände zwischen den Kirchen: Franziskaner- und Stadtpfarrkirche sowie Franziskaner- und Kalvarienbergkirche sind laut der Bayerischen Vermessungsverwaltung jeweils 451 Meter voneinander entfernt. Aus der Luft ergibt das fast ein gleichschenkliges Dreieck, was 2006 beim Stadtjubiläum mit einer Laserpyramide demonstriert wurde.

Planung ist alles - die Tölzer Altstadt von oben: Die Abstände zwischen Franziskaner- und Stadtpfarrkirche sowie zwischen Franziskaner- und Kalvarienbergkirche betragen je 451 Meter. So kommt das fast gleichschenklige Dreieck zustande.

Ortsteil „Krankenheil“: Aufschwung dank Jodquellen

Den Titel „Bad“ erhält Tölz 1899. Von „Bad Krankenheil“ ist aber schon im Urpositionsblatt die Rede. Einen Aufschwung erlebt der Ortsteil, nachdem der Bauernknecht Caspar Riesch 1845 am Sauersberg (Gemeinde Wackersberg) durch Zufall eine Jodquelle entdeckt hat. Die Geschichte des Kurbetriebs nimmt ihren Lauf, Mitte der 1870er Jahre kommen laut Stadt schon über 1000 Kurgäste jährlich nach Tölz. Der negativ besetzte Begriff „Krankenheil“ verschwindet im 20. Jahrhundert. Bis heute heißt das Areal auf der Westseite der Isar „Badeteil“.

Ein bisschen Geduld bitte: Die interaktiven Karten laden eventuell etwas langsam.

Wem gehört was? Diese Frage klärten die ersten Landkarten, sie dienten zur Erfassung von Bauern und Bürgern - Kataster als Instrumente zur Steuereintreibung. Legt man die Tölz-Übersicht von 1812 neben das heutige Luftbild, wird klar, wie sehr sich die Stadt in alle Richtungen ausgebreitet hat. 

Im Förchen Holz entsteht das Farchet

Als großes Gewerbegebiet in exponierter Lage sticht das Tölzer Farchet aus der Luft ins Auge. Dort, wo heute auf mehr als 260.000 Quadratmetern Auto-, Bau- und Elektrofirmen sitzen, standen einst Bäume. Das „Förchen Holz“ nimmt in der historischen Karte allerdings mindestens den dreifachen Raum des Farchets ein.

Zoomt man in den Wald hinein, erscheint eine detailliertere Karte, die sogenannte „Uraufnahme“, aus der die Grundsteuer abgeleitet wurde. In Schreibschrift liest man: „Magistrat Toelz gehörig“. Östlich ist der Zwickerhof im Ratzenwinkel als „Zwik“ eingezeichnet. „Zwickerbäuerin“ Annelies Sappl verkaufte 1982 Grund an die Stadt, auf dem das Farchet entstand, und witterte anschließend Betrug. Südlich des Zwickerhofs fällt das „Steinkohlenbergwerk“ auf, dessen Eingang noch heute zu sehen ist, wenn man auf dem Fußweg zwischen dem Thomas-Mann-Haus und dem Waldfriedhof geht. Apropos: Vom Waldfriedhof an der Bairawieserstraße fehlt um 1812 noch jede Spur, er wird erst 1906 eingeweiht. Die Friedhöfe um die Tölzer Kirchen waren zuvor aus Hygienegründen und Platzmangel nach und nach geschlossen worden. Nur der 1618 errichtete Friedhof des Franziskanerklosters besteht noch heute.

Die Urpositionsblätter fördern spannende Geschichten zu Tage. In der ältesten offiziellen Karte Münchens taucht zum Beispiel eine Irrenanstalt auf.

Tobias Gmach

Rubriklistenbild: © Screenshot BayernAtlas

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