+
Erfolgreiches Projekt: 23 Kochwagen sind mittlerweile an oberbayerischen Schulen im Einsatz, wie hier an der Carl-Spitzweg-Realschule in München. Der erste Prototyp entstand in Bad Tölz.

An der Tölzer Südschule

Am Herd lässt sich mehr als Kochen lernen

  • schließen

Von der Tölzer Südschule aus trat das Projekt „Kochwagen“ seinen Siegeszug an. Nun setzt sich die Kreisbäuerin dafür ein, dass die kleinen mobilen Küchen fürs Klassenzimmer an möglichst vielen weiteren Bildungseinrichtungen zum Einsatz kommen.

Bad Tölz – Kochen verbindet. Nebenbei lässt sich beim Zubereiten einer Suppe der mathematische Dreisatz üben. Das gemeinsame Werkeln am Herd lockert die Stimmung und fördert so manches verborgene Talent zutage. Das sind die Grundgedanken, die hinter dem Einsatz eines „Kochwagens“ an Schulen stehen. Das Projekt, das vor vier Jahren in Bad Tölz seinen Anfang nahm, macht mittlerweile auch andernorts Schule. Nun rührt auch Kreisbäuerin Ursula Fiechtner die Werbetrommel dafür.

Ein Kochwagen ist eine kleine mobile Küche auf Rollen, auf kompaktem Raum ausgestattet mit Herd, dem nötigen Zubehör und Geschirr. Er lässt sich bequem in jedes Klassenzimmer schieben, und die Mädchen und Buben können sich daran gemeinsam im Zubereiten von Mahlzeiten üben. Die Idee dazu stammt von Constanze Buckenlei (32) und Marco Kellhammer (31). Beide waren 2015 Studenten im ersten Semester des Masterstudiengangs Industriedesign an der TU München und nahmen am Projekt „Schule designen“ teil. Durch Vermittlung der Hans-Sauer-Stiftung konnten die Studenten an der Tölzer Südschule allerlei Ideen ausprobieren.

„Der Kochwagen war für uns zunächst ein integratives Thema“, berichtet Constanze Buckenlei. Im Oktober 2015 kamen auch in Bad Tölz viele Geflüchtete an, an der Südschule gab es zwei Willkommensklassen. Gemeinsames Kochen sahen die beiden Studenten als Möglichkeit, Barrieren zwischen Schülern verschiedener Herkunft abzubauen. „Essen ist ein Thema für alle, und in der Küche braucht man keinen so großen Wortschatz, um sich zu verständigen.“ Buckenlei und Kellhammer schweißten selbst den ersten Prototyp ihres Kochwagens zusammen.

Sie setzten bewusst auf eine mobile Küche – einerseits weil Schulküchen an vielen Schulen entweder nicht vorhanden oder ständig belegt sind, andererseits weil sie mit Teamarbeit im Klassenzimmer den Frontalunterricht aufbrechen und Gruppendynamik schaffen wollten.

Mit der Zeit kristallisierten sich noch weitere Vorteile heraus. „Beim Kochen kann man auch ganz praktisch Mathematik vermitteln“, meint Buckenlei. Eine Vorgangsbeschreibung im Deutsch-Unterricht lasse sich prima auf die Zubereitung eines Pfannkuchens anwenden, für das Erlernen von Fremdsprachen sei das Kennenlernen zum Beispiel französischer Gerichte eine Inspiration.

Die Studenten trieben ihr Projekt weiter voran, gründeten den Verein „Überkochen“, suchten Kontakt zum Referat für Bildung und Sport in München, gingen eine Kooperation mit der Justizvollzugsanstalt Niederschönenfeld ein. Dort fertigten junge Straffällige in der Berufsausbildungswerkstatt Prototypen des Kochwagens an. Heute sind laut Buckenlei 23 Kochwagen im Einsatz, vorwiegend an Münchner Schulen.

Auch der Rektor der Südschule, Christian Müller, ist nach wie vor begeistert von diesem Unterrichtswerkzeug. „Der Kochwagen ist bei uns regelmäßig im Einsatz“, sagt er, „das ist eine tolle Sache.“

Kreisbäuerin: Möglichst viele Schulen mit Kochwagen ausstatten

Kreisbäuerin Ursula Fiechtner wurde durch eine Fachtagung, zu der das Amt für Ernähung, Landwirtschaft und Forsten nach Ebersberg eingeladen hatte, auf das Projekt aufmerksam. Dort sah die stellvertretende Kreisbäuerin Maria Urban den Kochwagen und brachte Infomaterial mit.

„So etwas war schon ein lang gehegter Wunsch meiner Vorgängerin Anni Rieger“, zeigt sich Ursula Fiechtner angetan. Der Kochwagen passe perfekt zum neuen Schulfach „Alltagskompetenz und Lebensökonomie“, „das wir Landfrauen durchgesetzt haben“, sagt die Wackersbergerin. Dass Kinder ihrer Mutter im Alltag beim Kochen zuschauen können, sei in vielen Familien nicht mehr selbstverständlich.

Zudem lockere das gemeinsame Hantieren am Kochwagen den Schulalltag auf „und hebt das Selbstbewusstsein bei Schülern, die in der Theorie nicht so gut sind“. Bei so manchen Kind „geht durch die praktische Tätigkeit der Knopf auf“, meint Fiechtner. Der Kochwagen sei eine Chance, dass auch zurückhaltende Kinder ihr Talent fürs Kochen oder Dekorieren entfalten „und selber harausfinden, was ihnen Spaß macht“.

Ursula Fiechtner hat sich nun bereit erklärt, ihr Netzwerk als Kreisbäuerin zu aktivieren. Kürzlich stellte sie im Landratsamt zwischen Kreistagssitzung und Schulleiterversammlung einen Infostand auf. Sie will möglichst viele Schulträger von der Anschaffung eines Kochwagens überzeugen. Kostenpunkt: knapp 5000 Euro.

Lesen Sie auch:

Außergewöhnliches Projekt: Weihnachtsspiel von Carl Orff wird im Dezember in Bad Tölz aufgeführt

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Liveticker: Tölzer Löwen verlieren auch gegen EHC Freiburg
Nach zuletzt zwei Niederlagen wollen die Tölzer Löwen im Heimspiel gegen den EHC Freiburg wieder in die Erfolgsspur zurückkehren. Ob es gelingt, können Sie ab 19.15 Uhr …
Liveticker: Tölzer Löwen verlieren auch gegen EHC Freiburg
Taschendieb schlägt auf Tölzer Christkindlmarkt zu
Christkindlmärkte sind ein beliebter Tummelplatz für Taschendiebe. Ein solcher war möglicherweise am Donnerstag auch in Bad Tölz unterwegs
Taschendieb schlägt auf Tölzer Christkindlmarkt zu
Denkmalschutz behindert Radweg von Heilbrunn nach Penzberg
Der Radweg von Heilbrunn nach Penzberg wird noch weiter auf sich warten lassen. Denn der Denkmalschutz hat ein Wörtchen mitzureden. Jetzt muss die Trassenführung neu …
Denkmalschutz behindert Radweg von Heilbrunn nach Penzberg
24-Jähriger steigt vormittags nach Party ins Auto - sein bester Freund überlebt die Fahrt nicht
Die Nacht war voller Rausch. Am Vormittag danach kam ein junger Mann auf die Idee, ins Auto zu steigen. Mit tödlichen Folgen für seinen besten Freund.
24-Jähriger steigt vormittags nach Party ins Auto - sein bester Freund überlebt die Fahrt nicht

Kommentare